Dieter Schwarz ist ein wohlhabender Mann, so viel kann man sagen. Schwarz, 78, ist Eigentümer der nach ihm benannten Unternehmensgruppe, zu der die Supermarktketten Kaufland und Lidl gehören. Das Wirtschaftsmagazin Bilanz taxierte sein Gesamtvermögen im Sommer auf 37 Milliarden Euro. Damit wäre Schwarz der reichste Mann Deutschlands. Wäre, weil solche Schätzungen immer unter Vorbehalt stehen. Und dadurch wird der Kern des Problems auch schon klar.

Denn Superreiche reden ungern über ihren Superreichtum. Dieter Schwarz erscheint sogar generell so gut wie nie öffentlich. Es existieren kaum Fotos von ihm, in den Medien kursieren die zwei immer gleichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den Neunzigern. Der mutmaßlich reichste Mann Deutschlands ist ein Phantom.

Schwarz steht damit symbolisch für ein großes Problem, mit dem nicht nur Medien, sondern auch Ökonomen bei der Erforschung der deutschen Großvermögen zu tun haben: Sie wissen fast nichts über die Menschen, die sie besitzen. Das beginnt schon bei der Frage, wie reich sie eigentlich sind. Zwar mangelt es nicht an Studien, die abschätzen, wie viel das oberste Prozent oder die oberen zehn Prozent der Bevölkerung besitzen. "Wirklich seriöse Daten gibt es aber nicht", sagt Markus Grabka, der sich beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Vermögensungleichheit beschäftigt.

Seit 20 Jahren gibt es nur noch Schätzungen

Der Hauptgrund dafür: Seit 1997 gibt es in Deutschland de facto keine Vermögenssteuer mehr. Das entsprechende Gesetz besteht zwar weiterhin, wird aber nicht mehr angewandt. Sämtliche Studien beruhen seitdem auf Schätzungen und Umfragen, die zudem häufig nicht repräsentativ sind. Manche Vermögenskomponenten werden teils gar nicht erfasst: Was etwa, wenn jemand drei teure Ferraris in der Garage stehen hat? Da verdoppelt sich ein Barvermögen von 600.000 Euro ganz schnell; in der Statistik tauchen die Wagen trotzdem nicht auf. "Es ist außerdem nicht sehr wahrscheinlich, einen der Reichsten bei Befragungen überhaupt zu erreichen", sagt Grabka. Logisch, da es eher wenige sind: 1,2 Millionen Millionäre leben in Deutschland, etwa 1,4 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Hinzu kommt, dass die Deutschen, egal wie reich, nicht gerne über Geld reden. Das DIW hat 2015 in mehreren europäischen Ländern Menschen über ihr Vermögen befragt. Und während in Italien und Frankreich mehr als die Hälfte Auskunft gab, waren es in Deutschland nur 19 Prozent. Eine Umfrage der Postbank kam 2015 zu dem Schluss, dass für knapp zwei Drittel der Deutschen Geldangelegenheiten ein Tabuthema sind. Für Reiche gilt das tendenziell noch stärker: Je erfolgreicher sie sich selbst einschätzten, desto eher schweigen sie zum Thema Geld.

Das oberste Prozent besitzt ein Drittel des Vermögens

Das ist problematisch, denn nach allem, was man trotz dieser Hindernisse weiß, ist die Vermögensungleichheit in Deutschland vergleichsweise hoch. Das oberste Prozent hält laut DIW-Studie rund ein Drittel des Vermögens, die oberen zehn Prozent sogar 60 Prozent. Eine Schätzung, die auch die Europäische Zentralbank im vergangenen Jahr bestätigte. Im Gegensatz dazu besitzt die ärmere Hälfte der Bevölkerung lediglich 2,5 Prozent des Gesamtvermögens. Dabei wurden auch Werte wie Immobilien und Hausrat mit eingerechnet.

Selbst in den Euro-Krisenstaaten Spanien und Griechenland sind die Ärmsten verhältnismäßig reicher: Die unteren 50 Prozent halten dort jeweils mehr als 12 Prozent des Vermögens. Das ist immer noch wenig, aber etwa das Fünffache des Anteils in Deutschland. Ein möglicher Grund: In diesen Ländern besitzen mehr Menschen Immobilien, während die Deutschen eher mieten. Die Mietsteigerungen der vergangenen Jahre verschärfen daher das Problem: Wer immer mehr für die Miete zahlen muss, kann weniger Geld zurücklegen und so kein Vermögen bilden.