Angela Merkel hatte in Bonn einen Ruf zu verlieren, den Ruf der Klimakanzlerin. Im eigenen Land hat sie den längst nicht mehr. Auf den Klimagipfeln hingegen wird die deutsche Energiewende immer noch als Modell bewundert – obwohl die deutschen Emissionen steigen, anstatt zu sinken, und obwohl dadurch das Ziel, den Ausstoß bis Ende des Jahres 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, jeden Tag ein Stück weiter außer Reichweite gerät.

Das Ziel hat sich die Bundesregierung, schon damals unter Angela Merkel, vor zehn Jahren selbst gegeben. Trotz der Energiewende aber hat sich seither in Sachen Emissionen nicht sehr viel getan. Aktuelle Berechnungen des Bundesumweltministeriums zeigen sogar: Ändert sich nichts, wird Deutschland sein 2020er-Versprechen auf keinen Fall halten können. Das wissen auch viele Delegierte auf der Weltklimakonferenz.

Und nach 2020 wird es nicht einfacher: Bis zum Jahr 2050 müsste Deutschland seine Emissionen um 95 Prozent senken, nicht weniger. Das sagen auf dem Gipfel in Bonn nicht nur Klimaschützer, sondern auch Vertreter des Umweltministeriums – die immerhin Teil einer noch amtierenden Merkel-Regierung sind. Eine Reduzierung um 95 Prozent: Das kann nur gelingen, wenn Deutschland aus der Kohle aussteigt, und zwar möglichst schnell. Denn Investitionsentscheidungen, die heute getroffen werden, legen die Energieversorgung für die nächsten Jahrzehnte fest.

Wohlstand – aber bitte nur klimafreundlich

Niemand weiß das besser als die Kanzlerin. Nur wenn Investitionen klimafreundlich seien, "können wir unseren Wohlstand in Zukunft sichern", sagte sie in Bonn. Sie sprach über die anstehende Dekarbonisierung der Industriestaaten; sie bekräftigte, dass Deutschland zum Pariser Klimaabkommen stehe; und sie sagte, dass die bisher unter dem Abkommen registrierten nationalen Klimaziele nicht ausreichen würden, um das Pariser Versprechen zu erfüllen – die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten. Die Arbeit fange also jetzt erst an.

Das sind wohlgesetzte und kluge Worte von Merkel. Doch sie zählen nicht, solange sie in Berlin folgenlos bleiben. Das 2020er-Ziel nannte Merkel "ehrgeizig". Sie sagte nicht einmal, dass sie es erfüllen wolle, sondern betonte ausdrücklich, dass "in den anstehenden Gesprächen" in Berlin auch andere Fragen "wie Arbeitsplätze und die Bezahlbarkeit von Energie" eine Rolle spielen würden.

Würden die – vermutlich – künftigen Koalitionsparteien das Pariser Klimaabkommen ernst nehmen, müssten sie quasi sofort den Kohleausstieg beschließen (und sich dann möglichst schnell um den Umbau des Verkehrs kümmern). Stattdessen streiten die Sondierer aber über Emissionsbudgets, Fristen und anderes Kleinklein. Zwar sagte Merkel in Bonn, auch die Braunkohle müsse ihren Beitrag leisten, aber wie genau das geschehen soll, blieb unklar. Stattdessen hieß es von ihr: "Das werden wir in den nächsten Tagen ganz präzise diskutieren müssen." Kein Wort also vom deutschen Kohleausstieg, dabei rennt den Sondierern die Zeit für präzise Diskussionen davon.

Unterdessen haben Klimaforscher ihre Prognosen korrigiert: Der Klimawandel schreitet schneller voran als gedacht – Hurrikane machen ganze Inseln unbewohnbar, wie zuletzt in der Karibik, der Meeresspiegel steigt, und die Schäden durch Extremwetterereignisse brechen neue Rekorde. Es bleibt immer weniger Zeit zu handeln, gleichzeitig wird es aber auch immer teurer und schwieriger, je länger nicht gehandelt wird. Vielleicht sind das die Aussagen, die seit Beginn der Klimaverhandlungen am häufigsten genannt wurden. Leider werden sie wahrhaftiger.

Klimakonferenz - Merkel: Kohleausstieg ist notwendig für Klimaziele Angela Merkel hat auf der Weltklimakonferenz in Bonn über den Kohleausstieg gesprochen. Die genauen Bedingungen müssten noch geklärt werden, es kämen harte Diskussionen auf Deutschland zu. © Foto: Martin Meissner/AP Photo

Kohleausstieg als Überlebensfrage

Vor zwei Jahren, auf dem Pariser Klimagipfel, gehörte Deutschland gemeinsam mit den Marshallinseln zu einer Koalition der Ehrgeizigen, die mit viel diplomatischem Einsatz in bewegenden Auftritten für ein ehrgeiziges Abkommen kämpfte. In Bonn wurde nun Hilda Heine, die Präsidentin der Marshallinseln, nach der deutschen Kohlepolitik gefragt. Sie sagte: "Wir beobachten nicht nur Deutschland, sondern alle Länder hier. Sie müssen die Kohle im Boden lassen, wenn wir überleben sollen." Die Marshallinseln befinden sich durchschnittlich zwei Meter über dem Meeresspiegel. Wenn vom Bonner Gipfel kein eindeutiges Signal zum weltweiten Kohleausstieg ausgehe, sagte Heine noch, fahre sie mit leeren Händen nach Hause.

Die Kanzlerin ihrerseits erklärte, der Klimawandel entscheide darüber, "ob Menschen in Zukunft, zum Beispiel auf den Pazifikinseln, leben können". In ihrer Rede hätte sie Konkreteres zur Frage sagen können, was die nächste deutsche Regierung unternehmen will, um die Klimakatastrophe aufzuhalten, die den Inseln droht. Merkel ist Naturwissenschaftlerin, sie kennt den Befund. International gilt sie noch als Klimakanzlerin. Wenn sie diesen Ruf behalten will, muss sie den wohlgesetzten Gipfelreden zu Hause aber auch Taten folgen lassen. Andernfalls riskiert sie ihre Glaubwürdigkeit – und steht irgendwann nackt da, wie der Kaiser im Märchen, den alle für seine prächtigen Kleider bewunderten, obwohl er doch gar keine trug.