Immer mehr Rentner in Deutschland versorgen sich bei Tafeln mit Lebensmitteln. In den letzten zehn Jahren habe sich ihre Zahl verdoppelt, teilte der Bundesverband der Tafeln mit. "Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen", sagte der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl der Neuen Osnabrücker Zeitung. Insgesamt versorgen die rund 900 Tafeln nach eigenen Angaben bis zu 1,5 Millionen Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln.

Für den Bundesverband der Tafeln ist die steigende Zahl der hilfebedürftigen Senioren ein Zeichen für die zunehmende Altersarmut. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung forderte Brühl von der Politik eine ernsthafte Bekämpfung der Armut. Denn diese sei für ihn ein Nährboden für das Gefühl, abgehängt zu sein, "und damit letztlich auch Wegbereiter des Extremismus". Der Verbandschef kritisierte zudem, dass die Politik sich nur im Wahlkampf für die Tafeln interessiere. Laut ihm werden die Tafeln zukünftig nicht mehr für "schöne Bilder" mit Politikern herhalten.

Auch Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, kritisiert die zunehmende Altersarmut. Sie sagte gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung: "Wenn 350.000 Senioren regelmäßig darauf angewiesen sind, bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel anzustehen, dann ist das ein deutlich sichtbares Signal dafür, dass die Altersarmut auf dem Vormarsch ist." Dem Sozialverband zufolge beziehen Ende dieses Jahres rund 522.000 Personen Leistungen der Grundsicherung im Alter. Ende 2006 hatte diese Zahl laut VdK noch bei rund 371.000 gelegen.

Besonders betroffen sind laut Ulrike Mascher Frauen sowie Erwerbsminderungsrentner, die hohe Abschläge auf ihre Rente zahlen müssen. Neben der Lebensmittelversorgung werden auch die hohen Mieten zunehmend ein Problem für viele Rentner. "Wir brauchen eine Kehrtwende in der Wohnungspolitik. Der soziale Wohnungsbau muss oberste Priorität haben", sagte die VdK-Präsidentin. Laut ihr müsse das Rentenniveau auf 50 Prozent angehoben und Kürzungsfaktoren in der Rentenformel abgeschafft werden, "damit die Renten wieder parallel zu den Löhnen steigen". Außerdem verlangte Mascher erneut eine Abschaffung der Abschläge für Erwerbsminderungsrentner sowie einen Freibetrag von monatlich 200 Euro in der Grundsicherung.

Deutsche Rentenversicherung: Rentner stehen relativ gut da

Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung stehen die meisten Rentner allerdings relativ gut da. Laut ihren Zahlen erhalten rund 404.000 Personen zusätzliche Leistungen der Grundsicherung im Alter. Ein Sprecher der Rentenversicherung sagte gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung, dass mehr als 97 Prozent der Rentner über mindestens so viel Einkommen verfügen, dass sie keine ergänzende Grundsicherung beziehen müssen. Selbstständige mit oft unstetigen Erwerbsbiografien, Erwerbsgeminderte, Langzeitarbeitslose und Niedrigverdiener haben laut Rentenversicherung ein erhöhtes Armutsrisiko im Alter.