Kurz vor dem Durchbruch wurde Theresa May zu einem Rückzieher gezwungen. Die britische Premierministerin musste die Brexit-Verhandlungen mit der EU abbrechen, weil die nordirische DUP ihr in den Rücken gefallen war. Ihre Partei werde die voraussichtliche Einigung ablehnen: Das hatte DUP-Chefin Arlene Foster erklärt, noch während die Gespräche liefen. May konnte dem nichts entgegensetzen, denn ihre Minderheitsregierung hängt vom Wohlwollen der zehn DUP-Abgeordneten im britischen Unterhaus ab. So kam die gemeinsame Erklärung Großbritanniens und der EU nicht zustande.

Der Eklat zeigt, was am Brexit falsch ist: Die Idee, Großbritannien könne aus dem Binnenmarkt und der Zollunion austreten, aber dennoch ohne Grenze und Handelsbarrieren weiter frei mit der EU verkehren, wird nicht funktionieren. Seit Montagabend ist klar, dass es keinen harten Brexit geben wird. Stattdessen wird man sich wohl auf eine weichere Variante einigen, die dem Modell ähnelt, das Norwegen und die EU pflegen. Zwar gehört Norwegen nicht zur EU, aber das Land ist Mitglied der Zollunion und des Binnenmarktes. Es bezahlt und erhält im Gegenzug gewisse Freiheiten. "Norwegisches Modell" wird man das im Falle Großbritanniens wohl nicht nennen, denn das würde die britische Bevölkerung nicht akzeptieren. Aber die Richtung ist die gleiche.

Die britische Regierung hat keine andere Wahl, und der Grund dafür ist die grüne irische Grenze. Aus verfassungsrechtlichen Gründen müssen alle Seiten akzeptieren, dass es zwischen Nordirland und der Republik Irland auch in Zukunft keine harte Grenze geben wird: keine Zollkontrollen, keine Kontrollen der Lastwagen, die jeden Tag die Grenze passieren, keine Behinderung der 30.000 Menschen, die sie täglich überqueren. Um das zu gewährleisten darf aber Nordirland nicht von den EU-Regulierungen, die den Waren- und Personenverkehr betreffen, abweichen, und keine anderen Zölle erheben.

Gut für Schotten und Londoner

Nur: Wie regelt man das in der Praxis? Die EU hatte offenbar zunächst auf der Formulierung bestanden, die britische Regierung erkläre, es werde "keine Abweichung" zwischen den Regulierungen von Nordirland und der Republik Irland geben. Doch das ging den Briten zu weit. Man einigte sich dann offenbar auf die Formulierung, dass die Regulierung sich weitgehend an den EU-Vorschriften "ausrichten" solle.

Das Problem: Wenn Nordirland sich an EU-Vorschriften hält, der Rest Großbritanniens aber eine andere Form des Brexit wählt – dann ist der Bruch zwischen Nordirland und dem britischen Festland zwangsläufig. In einer solchen Situation müssten in den britischen Häfen die Frachtschiffe aus Nordirland kontrolliert werden und umgekehrt. Das aber lehnt die DUP strikt ab – und deshalb stecken die Gespräche zwischen Großbritannien und der EU jetzt erneut in einer Sackgasse. 

Die Lösung ist ein weicher Brexit, nach dem ganz Großbritannien sich auch weiterhin an die EU-Vorschriften und -Zölle hält. In dem Moment, in dem man sich darauf einigt, würde sich das Problem der irischen Grenze erübrigen. Ganz nebenbei wäre der Widerstand der Schotten und der Londoner – die sich weiterhin an die EU-Regeln halten und im Binnenmarkt bleiben wollen – gegen den Brexit gebrochen.

Boris Johnson, Liam Fox, Michael Gove? Stumm

Für einen solchen Kompromiss spricht, dass sich die britische Regierung in den vergangenen Wochen mit Riesenschritten auf die EU zubewegt hat. Von dem ehemaligen Mantra "Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal" ist nichts mehr zu hören. Mays Regierung hat eine Übergangsfrist akzeptiert und nimmt auch hin, dass während dieser Übergangsfrist der Europäische Gerichtshof auch in Großbritannien noch das Sagen haben wird. Und das Land zahlt brav die netto etwa 50 Milliarden Euro an Verpflichtungen, welche die EU von Anfang an gefordert hat. Von den Euroskeptikern im Kabinett – Boris Johnson, Liam Fox und Michael Gove – hört man keinen Ton mehr.

Vielleicht soll das ganze politisch inszenierte Drama vom Montagabend den Nordiren und Briten zeigen, dass die Regierung bis zum Äußersten gegangen ist, um für Interessen der Bevölkerung zu kämpfen. Und dass ein harter Brexit eben nicht möglich ist, weil die Verfassung das Land verpflichtet, die Grenze wischen Nordirland und der Republik Irland offen zu halten. Für die britische Regierung kommt es einer großen Rolle rückwärts gleich, das anzuerkennen. Wie der weiche Brexit aber im Detail gestaltet werden soll, das werden sie und die Vertreter der EU bis März 2019 noch austüfteln müssen.