Die erste große Klippe ist umschifft. Großbritannien und die EU haben in drei wichtigen Fragen zum Brexit Kompromisse gefunden. Bis zuletzt wurde um jedes Wort in der gemeinsamen Erklärung gerungen. Mit der heutigen Einigung ist der Weg frei für die zweite Phase der Verhandlungen. Dabei soll es vor allem um ein neues Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien gehen.

Wie sieht der Kompromiss aus? Was passiert mit den EU-Bürgern in Großbritannien? Wie  geschwächt ist Theresa May? Wie geht es jetzt weiter? ZEIT ONLINE gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Brexit-Deal.

Warum ist die Entscheidung heute so wichtig?

Zwei Jahre Zeit hat Großbritannien, um mit der EU über die Konditionen des EU-Ausstiegs zu verhandeln und die Grundzüge eines neuen Freihandelsabkommens zu klären. Spätestens Ende März 2019 kommt es zum Brexit. Die Verhandlungen teilen sich in zwei Phasen auf: In der ersten Phase musste geklärt werden, wie die Rechte der EU-Bürger in Großbritannien und der Briten in der EU gewahrt werden, in welchem Ausmaß Großbritannien seine Zahlungsverpflichtungen gegenüber der EU erfüllt und wie die Frage der irischen Grenze gelöst wird. Erst wenn es in diesen Fragen ausreichend Fortschritte geben würde, war die EU gewillt, in die Verhandlungen über ein künftiges Freihandelsabkommen einzusteigen.

Dies soll nun in der Phase 2 geschehen: Wie sieht das zukünftige Verhältnis aus? Heute, am Freitagmorgen, gab es den Durchbruch und damit den Abschluss der ersten Phase: "Es wurden genügend Fortschritte erzielt, damit wir jetzt in die zweite Phase der Verhandlungen eintreten können", sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

Was passiert mit der nordirischen Grenze?

Beide Seiten haben sich geeinigt, dass die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland eine grüne Grenze bleibt. Der Friedensprozess und das sogenannte Karfreitagsabkommen sollen in keinem Fall gefährdet werden, heißt es in dem gemeinsamen Dokument von der EU und Großbritannien. Damit können Waren und Personen die Grenze weiterhin ungehindert passieren.

Gleichzeitig ist in dem Dokument festgehalten, dass Großbritannien die Integrität seines eigenen Binnenmarkts wahren wird. Es sollen keine neuen Kontrollen im Handel zwischen Nordirland und dem britischen Festland eingeführt werden. Das beruhigt die nordirische DUP, der Widersacher, der die vorläufige Einigung von Anfang der Woche torpediert hatte und jetzt wieder hinter Premierministerin Theresa May steht.

Wie passt dies jedoch zusammen mit dem britischen Ziel, dass Großbritannien auch den EU-Binnenmarkt und die Zollunion verlassen soll? Eine Lösung soll das künftige Freihandelsabkommen bringen. Schon jetzt ist klar: Dieses Abkommen wird Großbritannien eng an die EU binden müssen. Großbritannien wird die Vorschriften des EU-Binnenmarktes und Zollvorschriften – praktisch wie Norwegen – einhalten müssen, damit der Status der irischen Grenze beibehalten werden kann.

Der entscheidende Satz in der Einigung zwischen der EU und Großbritannien lautet: "Sollte es zu keiner Einigung kommen, wird sich Großbritannien komplett an alle Vorschriften des EU-Binnenmarktes und der Zollunion ausrichten." Im Klartext: Entweder einigen sich die EU und Großbritannien auf ein Freihandelsabkommen, das Großbritannien praktisch an den Binnenmarkt und die Zollunion koppelt, oder Großbritannien wird sich in Zukunft an die Vorschriften des Binnenmarktes und der Zollunion halten müssen. Ein harter Brexit, das von den Hardlinern propagierte Szenario des "no deal", und die Illusion, ausschließlich nach den Regeln der Welthandelsorganisation handeln zu können, ist vom Tisch.

Großbritannien wird zwar nicht wie Norwegen über den Europäischen Wirtschaftsraum Mitglied der Zollunion und des Binnenmarktes bleiben. Aber die Abmachung läuft letztlich auf eine sehr ähnliche Lösung hinaus. Wie die vagen Formulierungen in konkrete Handelsvorschriften umgesetzt werden, die der Wirtschaft, Industrie und dem Handel mehr Klarheit geben, werden die nächsten Monate zeigen.

EU-Chefverhandler Michel Barnier fasste den Stand der Verhandlungen zu Irland sehr gut in einem Satz zusammen:  Für eine endgültige Lösung "brauchen wir viel Flexibilität und Kreativität".