Es muss ein Moment der Erleichterung gewesen sein, auf beiden Seiten: Nach ihrem Kurzvortrag beim Abendessen in Brüssel spendeten die EU-Staats- und Regierungschefs der britischen Premierministerin Theresa May für ihren Einsatz Applaus. "Einige von uns, mich eingeschlossen, dachten, sie hat große Anstrengungen geleistet, und wir dachten, dies war angemessen", sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. May sei eine Kollegin, Großbritannien sei EU-Mitglied. "Und daher sind wir – und wir versuchen es nicht nur – höfliche und freundliche Menschen."

Mays Kollegen stärkten der Abtrünnigen trotz Brexit den Rücken. "Wir sollten sie nicht unterschätzen", sagte der niederländische Regierungschef Mark Rutte. "Sie ist eine beeindruckende Politikerin." 

Am diesem Freitag haben die Staats- und Regierungschefs das Startsignal für weitere Verhandlungen über den Ausstieg Großbritanniens aus der EU gegeben. Vergangene Woche hatten die EU-Kommission und May nach hektischem Hin und Her den Durchbruch bei drei besonders umstrittenen Themen verkündet: bei den Rechten der EU-Bürger in Großbritannien und der Briten auf dem Kontinent, den verbleibenden Zahlungen Londons an die EU nach dem Austritt und bei den – in den Lösungsdetails immer noch widersprüchlichen – Fragen zur irisch-nordirischen Grenze. May hatte große Zugeständnisse gemacht,  nicht nur gegenüber Brüssel, sondern auch gegenüber ihrem Regierungspartner, der nordirischen DUP. Der Durchbruch war wichtig, damit Brüssel und London nun über die zukünftigen Handelsbeziehungen verhandeln können.

Das Lob der EU-Kollegen ist zwiespältig

Angesichts der wohlwollenden Atmosphäre revanchierte sich May am Donnerstag in Brüssel. Man habe "gute Diskussionen" gehabt, sagte sie. Sie wolle jetzt mit "Ehrgeiz und Kreativität" in die nächste Phase einsteigen. May hatte es sogar geschafft, sich mit Merkel, Frankreichs Staatspräsidenten Emmanuel Macron, Ratspräsident Donald Tusk und Juncker separat zu treffen, was Beobachter als kleinen diplomatischen Coup bewerteten.

Doch all die höflichen und wohlwollenden Gesten können nicht davon ablenken, in was für einer extrem komplizierten Lage May steckt – in London, aber auch in Brüssel. Das Lob der EU-Kollegen ist daher auch zwiespältig. Europas Regierungschefs ist es allemal lieber, mit May zu verhandeln als mit einem Hardliner wie Boris Johnson, dem aktuellen Außenminister. Oder vielleicht sogar Labour-Chef Jeremy Corbyn, der mögliche Neuwahlen nach einem Sturz Mays gewinnen könnte.

Es gehört zu den Verrücktheiten des Brüsseler Betriebs, dass May nicht anwesend war, als die restlichen 27 Kollegen die nächste Stufe der Verhandlungen mit Großbritannien am Freitag einläuteten. May flog bereits Donnerstagnacht nach London zurück. Dort wird der Empfang sicherlich nicht so angenehm sein wie in Brüssel.

Mays Niederlage im Parlament

Bereits am Mittwoch musste die Premierministerin eine Niederlage im Parlament hinnehmen: Elf proeuropäische Tory-Abgeordnete stimmten beim Brexit erstmals mit der Opposition. Nach stundenlangen Diskussionen über das Ausstiegsgesetz hatten sie dafür gesorgt, dass sich das Parlament nun ein Veto-Recht darüber zusichert – was May verhindern wollte. Corbyn bezeichnete Mays Niederlage als "demütigenden Autoritätsverlust" der Regierung. Die Premierministerin selbst musste in Brüssel eingestehen, dass sie sehr "enttäuscht" über das Ergebnis sei.