Es ist wieder die Jahreszeit der Geschenke: Die Weihnachtspräsente haben dieses Jahr durchschnittlich fast 500 Euro pro Person gekostet. Dies ist eine erhebliche Summe, zumindest für die meisten Deutschen. Sie ist jedoch gering im Vergleich zu den 5.000 Euro, die pro Person jedes Jahr in Deutschland vererbt oder verschenkt werden. Für viele schaffen Erbschaften und Schenkungen wundervolle Startchancen in ihrem Leben – um sich eine berufliche Grundlage aufzubauen, eine Familie zu gründen oder sich gegen Risiken des Lebens abzusichern. Aber die Mehrheit der Bevölkerung erhält diese Startchancen nicht und hat es immer schwerer, sich mit der eigenen Hände Arbeit eine solche Lebensgrundlage aufzubauen. Diese Kolumne ist ein Plädoyer für ein Lebenschancenerbe für jeden jungen Menschen in Deutschland.

Erbschaften und Schenkungen haben sich über die Jahre und Jahrzehnte in Deutschland so stark aufsummiert, dass sie heute über die Hälfte des gesamten Vermögens ausmachen. Dabei hatten Erbschaften und Schenkungen nach dem Zweiten Weltkrieg eine deutlich geringere Bedeutung. Viele Vermögenswerte waren durch den Krieg zerstört worden und mussten durch harte Arbeit wieder aufgebaut werden. So wurde bis in die 1980er-Jahre hinein relativ wenig vererbt, und der Anteil von Schenkungen und Erbschaften relativ zum gesamten Privatvermögen in Deutschland sank auf gut 20 Prozent.

Dies hat sich jedoch seit den 1980er-Jahren grundlegend geändert, als die in den Wirtschaftswunderjahren zu Wohlstand gekommene Generation anfing, das Vermögen an ihre Erben weiterzugeben. Nach Schätzungen des DIW Berlin wird derzeit jedes Jahr die enorme Summe von 400 Milliarden Euro in Deutschland vererbt oder verschenkt. Dies sind 13 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. In den kommenden Jahren wird der Anteil von Erbschaften und Schenkungen am gesamten Privatvermögen aber noch weiter steigen.

Anders ausgedrückt: Ein immer größerer Anteil des Vermögens wird nicht durch der eigenen Hände Arbeit aufgebaut, sondern vererbt oder verschenkt. Das Problem dabei ist per se nicht, dass so viel vererbt und verschenkt wird. Kritisch ist vielmehr, dass Erbschaften und Schenkungen extrem ungleich verteilt sind. Denn nur jede oder jeder Dritte hat bisher eine signifikante Summe geerbt. Und sie gehören meist zu denjenigen, die eh schon eine hervorragende Bildung und ein ordentliches Einkommen haben, also durch eigene Arbeit zusätzlich Erspartes aufbauen können.

Woraus bestehen die Vermögen der Deutschen?

Zusammensetzung des Nettovermögens der privaten Haushalte nach Quantilen: Vermögen bzw. Schulden in Euro

Quelle: PHF 2014, Deutsche Bundesbank.

Demgegenüber stehen 40 Prozent der Menschen in Deutschland, die kein Nettovermögen haben (siehe Grafik der Bundesbank) und damit weder die Chance, durch eigene Arbeit ein Vermögen aufzubauen – denn viele geben ihr Einkommen komplett für ihren Lebensunterhalt aus –, noch werden sie etwas erben. Dadurch ist ihnen auch meist die Möglichkeit genommen, in Bildung, Qualifizierung oder Teilhabe für sich selbst oder ihre Kinder zu investieren. Das System ist also selbstverstärkend – mit dem Resultat, dass hohe Einkommen und Erbschaften noch stärker miteinander korrelieren und die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.