Es war ein selten gutes Jahr für den Arbeitsmarkt. Im November 2017 sank die Zahl der Arbeitslosen auf 2,37 Millionen, das sind so wenige wie seit 26 Jahren nicht mehr. Die Arbeitslosenquote ging auf 5,3 Prozent zurück. Die Lage sei "so gut wie noch nie", sagt der Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom wirtschaftsnahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). Für Arbeitnehmer stünden die Chancen so gut wie lange nicht. Schäfer spricht von einer "historischen Situation".

In Süddeutschland gibt es bereits Regionen, in denen quasi Vollbeschäftigung erreicht ist. Aber selbst in strukturschwachen Gegenden verzeichnet die Bundesagentur für Arbeit viele offene Stellen. Deutschlandweit sind derzeit mehr als 770.000 Jobs unbesetzt – die allermeisten davon sind voll sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen.

Zugleich gehen in Deutschland so viele Menschen arbeiten wie nie zuvor: 44,74 Millionen. Ein Grund dafür ist die hohe Erwerbsquote der Frauen. Sie ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und liegt jetzt bei 74,5 Prozent – bei den Männern beträgt sie 82,7  Prozent.

Zudem arbeiten viele Menschen im Alter länger, weil das Renteneintrittsalter höher ist als früher. Hinzu kommt, dass wegen der guten deutschen Konjunktur und der in der EU geltenden Arbeitnehmerfreizügigkeit viele Beschäftigte aus den Nachbarländern in Deutschland arbeiten. Eine Situation wie in den Sechzigerjahren – als wegen des flächendeckenden Fachkräftemangels gezielt viele sogenannte Gastarbeiter aus dem Ausland angeworben wurden – haben wir allerdings nicht.

Die Statistik zeigt: Zwar ist die Arbeitslosigkeit seit 2005 kontinuierlich gesunken – ein Erfolg, den die Union als Partei von Bundeskanzlerin Angela Merkel gerne für sich in Anspruch nimmt. Kritiker argumentieren jedoch, Merkel habe von den Arbeitsmarktreformen unter Rot-Grün profitiert. Damals wurden mit der Agenda 2010 zum Beispiel sachgrundlose Befristungen eingeführt, der Niedriglohnsektor mit Zeitarbeit und Minijobs stark ausgebaut und Sozial- und Arbeitslosenhilfe zu Hartz-IV zusammengefasst.

Aus dieser Warte sind prekäre Jobs und Unterbeschäftigung die Kehrseite des Booms. Als unterbeschäftigt gelten Menschen, die sich zum Beispiel in einer Weiterbildung befinden, an Beschäftigungsprogrammen der Agentur für Arbeit teilnehmen oder arbeitsunfähig sind: derzeit 3,56 Millionen Menschen. Das klingt nach einer hohen Zahl. Aber im Jahr 2006, als die Unterbeschäftigung erstmals statistisch erfasst wurde, waren es mit 8,59 Millionen mehr als doppelt so viele. "Die Unterbeschäftigung hat sich seit 2005 ganz immens verringert", sagt der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).   

Betrachtet man die Statistik der Bundesagentur für Arbeit nur für die Jahre 2010 bis 2017, dann zeigt sich deutlich, wie die Arbeitslosigkeit durch die gute Konjunktur und den demografischen Wandel kontinuierlich zurückgegangen ist.

Fachkräftemangel je nach Beruf und Branche

Etwas schwieriger ist die Ermittlung des Fachkräftemangels: "Der Mangel ist noch nicht flächendeckend, aber in einigen Berufen ist die Lage schon heute sehr angespannt", sagt IAB-Forscher Weber. Es fehlten nicht nur Menschen in hochqualifizierten Berufen, beispielsweise Ingenieure, sondern auch Fachkräfte auf dem Bau und in jenen Metall- und Elektroberufen, in denen eine Spezialisierung gefragt sei: Elektriker, Mechaniker und Automatisierungstechniker.

Kaum anders sieht es in der Pflege aus: Es gibt zu wenige Krankenpfleger und Krankenschwestern, Altenpflegerinnen und Altenpfleger. Und weil die deutsche Gesellschaft altert, werden sie in Zukunft noch stärker gebraucht – die Fachkräftelücke in der Branche wird größer. 

"Das größte Problem auf dem Arbeitsmarkt ist die Passgenauigkeit", sagt Weber. Das heißt: Arbeitslose und freie Stellen passen oft nicht zusammen. Deshalb finden viele Langzeitarbeitslose trotz der guten Lage am Arbeitsmarkt keinen Job. Zwar sank ihre Zahl von knapp 1,8 Millionen im Jahr 2005 über 1,1 Millionen im Jahr 2010 auf heute unter eine Million – doch seither stagniert sie auf diesem Niveau.

Die wenigsten Langzeitarbeitslosen sind Ingenieure oder hochqualifizierte Spezialisten aus den Mangelberufen. Sie mit den offenen Stellen zusammenzubringen, sei derzeit die größte Herausforderung am Arbeitsmarkt, sagt Weber.