Raphaela Scheidmann zieht einen radikalen Schluss: "Ohne Amazon würde meine Mutter heute vielleicht nicht mehr leben", sagt die 50-Jährige. Es war Ende 2014, als sie während ihrer Arbeitszeit bei Amazon plötzlich einen Anruf erhielt: Ihre Mutter, damals 85 Jahre alt, sei mit einer Hirnstammblutung ins Krankenhaus gebracht worden. Wochen auf der Intensivstation folgten. Die Muttter überlebte, doch sie war ein Schwerstpflegefall. Für Scheidmann stand fest: "Meine Mutter gebe ich nicht ins Heim. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, sie aus ihrem Umfeld herauszureißen."

Jeden Tag aber stand sie nun vor der Herausforderung, die Schwerstpflege mit ihren Schichtdiensten im Amazon-Lager im Münsterland zu vereinbaren. "Die erste Zeit habe ich wie in Trance verbracht. Ich bin nur zwischen Arbeit und Krankenbett hin- und hergependelt – bis ich nicht mehr konnte."

In einem Mitarbeitergespräch mit ihrem Vorgesetzten bricht sie schließlich in Tränen aus. Ihr Chef verspricht eine Lösung. Nur eine Stunde später wird Scheidmann in die Personalabteilung gebeten. Das Unternehmen stellt sie unbürokratisch frei, damit sie sich um ihre Mutter kümmern kann.

Scheidmann lebt in den nächsten sechs Monaten vom Ersparten und den Einkünften ihres Mannes. Zwar können sich seit 2015 Beschäftigte in einer solchen Situation für zehn Tage freistellen lassen. Und von der Pflegekasse gibt es dafür auch eine Lohnersatzleistung, das sogenannte Pflegeunterstützungsgeld. Als Scheidmanns Mutter aber erkrankt, ist dieses Gesetz noch brandneu – niemand weist sie darauf hin. Und Scheidmann muss viel länger aussetzen, die zehn Tage Auszeit reichen bei Weitem nicht. Sie nimmt zuerst sechs Monate Pflegezeit und dann anderthalb Jahre Familienpflegezeit. Alles auf eigene Kosten.

Flop Familienpflegezeit

Scheidmanns Geschichte zeigt, was in Deutschland noch nicht funktioniert, wenn es um die Pflege von Angehörigen geht. Seit dem Jahr 2015 gibt es die Familienpflegezeit in Deutschland. Die Politik feierte die Einführung. Damit könnten Menschen "sich Zeit für Pflege nehmen, ohne allzu große finanzielle Einbußen hinnehmen zu müssen und ohne Angst haben zu müssen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren", versprach die damalige CDU-Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Kristina Schröder.

Die Idee: Arbeitnehmer, die einen nahen Angehörigen pflegen, können ihre Arbeitszeit maximal zwei Jahre lang auf bis zu 15 Stunden pro Woche reduzieren. Um die Gehaltseinbußen zu kompensieren, können sie ein zinsloses Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) beantragen. Es übernimmt die Hälfte des Lohns, den man sonst verdient hätte. Kehrt man nach der Familienpflegezeit voll in den Job zurück, muss das Geld über den Arbeitgeber an das BAFzA zurückgezahlt werden. Man arbeitet also wieder Vollzeit, erhält aber weiterhin Teilzeitlohn, bis das Darlehen abgezahlt ist.

Das Problem ist simpel: Die Darlehensregelung ist extrem unattraktiv. Im Jahr 2015 haben gerade einmal 74 Frauen und 49 Männer sie in Anspruch genommen – die Politik hatte mit mehreren Tausenden gerechnet. Aktuellere Zahlen werden erst Mitte 2018 vorliegen, teilt das Bundesfamilienministerium mit. Die Frauen erhielten im Schnitt 286 Euro im Monat, die Männer 390 Euro. Auch die Zahl derjenigen, die die sechsmonatige Pflegezeit beantragten, ist gering: 2015 waren es insgesamt nur 119 Personen. Dabei beteuert die Politik immer wieder, das Thema Pflege stärker in den Vordergrund zu rücken. Doch tatsächlich ist ihre wichtigste Unterstützungsleistung für Familien zu Hause ein Flop.

Für Brigitte Bührlen sind die Gründe für die Zurückhaltung klar. "Wovon sollen die Pflegenden das Geld zurückzahlen, wenn sie nur noch Teilzeit arbeiten und so gut wie nichts mehr verdienen?", fragt sie. Bührlen ist Mitglied im unabhängigen Beirat zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf des Bundesfamilienministeriums, der bis 2019 ein Papier zur Verbesserung der Vereinbarkeit erarbeiten soll. Dabei wird das Thema immer mehr an Bedeutung gewinnen. Immerhin werden von den mehr als 2,8 Millionen pflegebedürftigen Menschen hierzulande rund zwei Millionen zu Hause versorgt. "Die pflegenden Angehörigen stehen immer noch nicht im Fokus der Politik. Doch das wird sich mit dem demografischen Wandel ändern", glaubt Bührlen.  

Sie selbst hat fast 20 Jahre lang ihre demenzkranke Mutter gepflegt und später eine Stiftung gegründet, die sich auch für die Belange von pflegenden Angehörigen einsetzt. Die Münchnerin arbeitete in der Praxis ihres Mannes – er ist Internist – mit. Ohne diesen finanziellen Hintergrund wäre ihr die Pflege der Mutter kaum möglich gewesen. Und weil der eigene Mann ihr Chef war, gab es auch bei der Freistellung kein Problem.