Der portugiesische Finanzminister Mário Centeno wird neuer Vorsitzender der Eurogruppe und rückt damit an die Spitze von Europas wichtigstem Finanzgremium. Der 50-Jährige, der von den Finanzministern der 19 Mitgliedsstaaten der Währungsunion in ihrer Sitzung in Brüssel gewählt wurde, folgt auf den Niederländer Jeroen Dijsselbloem, der das Amt nach knapp fünf Jahren und den vorgesehenen zwei Amtsperioden abgibt.

Centeno setzte sich nach zwei Wahlgängen gegen seine Mitbewerber durch: den Slowaken Peter Kažimír, den Luxemburger Pierre Gramegna und die Lettin Dana Reizniece-Ozola. Deren Aussichten schätzte aber selbst der bisherige Eurogruppenchef bereits vor der Wahl als gering ein. "Ich bin bis zum 12. Januar Präsident und Mário Centeno am 13. Januar", hatte Dijsselbloem vor dem Treffen der Finanzminister gesagt. Dann hielt er kurz inne und fügte hinzu: "Habe ich Mário Centeno gesagt? Nun, das weiß ich wirklich nicht. Offenbar ist das in meinem Kopf. Entschuldigung."

"Egal ob Süd, Nord, Ost oder West"

Centeno ist Volkswirt und arbeitete zunächst für die portugiesische Zentralbank. Seit November 2015 steht der Sozialdemokrat an der Spitze des Finanzministeriums in Lissabon. Mit ihm erfährt die Eurogruppe gleich zwei Premieren: Erstmals führt ein Südeuropäer die Gruppe an und erstmals repräsentiert ein Vertreter eines ehemaligen Euro-Krisenlands die Euro-Finanzminister – Portugal hatte in der Finanzkrise 2011 den Euro-Rettungsschirm in Anspruch genommen.

Nach eigener Aussage will Centeno aber nicht als Kandidat Südeuropas verstanden werden, sondern als jemand, der über Parteigrenzen hinweg einen Konsens erzielt. Europa mit seiner großen Gesellschaft und dem größten Binnenmarkt der Welt müsse seine "Stärken zeigen" und seine Institutionen vervollständigen – "gleich ob man aus dem Süden, dem Norden, dem Osten oder dem Westen kommt". Für ihn sei es eine Ehre, die Gruppe zu führen, sagte Centeno.

Anerkennung für Portugals Comeback

Die Eurogruppe, die seit 1998 tagt, erlangte große Bedeutung vor allem seit dem Management der Euro-Schuldenkrise in den vergangenen Jahren. Die Minister entscheiden unter anderem über milliardenschwere Hilfsprogramme und teils harsche Reformauflagen für Krisenländer sowie die Ausrichtung von Europas Wirtschafts- und Finanzpolitik. Der Eurogruppenchef hat dabei eine herausgehobene Bedeutung, weil er zugleich Vorsitzender des Gouverneursrats des Euro-Rettungsschirms ESM ist. Dieser vergibt milliardenschwere Kredite an kriselnde Euro-Staaten. Hilfsanträge von Staaten in Finanznöten müssen an den Eurogruppen-Vorsitzenden geschickt werden.

Centenos Heimatland Portugal zählte bis vor einiger Zeit selbst noch zu den größten Sorgenkindern in der Eurozone. Nur mit Mühe war das Land vor der Pleite bewahrt worden, nach jahrelangen Spar- und Reformmaßnahmen und gut drei Jahren unter dem Euro-Rettungsschirm steht Portugal seit Mai 2014 finanziell aber wieder auf eigenen Beinen. 2016 wurde mit 2,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gar das niedrigste Haushaltsdefizit seit 1974 registriert. Unter einer sozialistischen Minderheitsregierung erlebte Portugal einen bemerkenswerten Aufschwung, Sorgen gibt es allerdings unter anderem noch wegen etlicher fauler Kredite in den Bilanzen der Banken.

Realitätscheck für Macrons Visionen

Der neue Eurogruppenchef wird sich also um eine weitere Stabilisierung der Euro-Krisenländer kümmern müssen. Allerdings befindet sich die Eurozone in einem deutlich besseren Zustand, als zu dem Zeitpunkt, als der Niederländer Dijsselbloem übernahm. Die Wirtschaft der Eurozone wächst gut, die Sorgen um die Zukunft Griechenlands in dem Währungsraum sind zurückgegangen. 

Umso größer sind die Aufgaben hinsichtlich der Reformen der Währungsunion. Einige fordern, den Eurogruppenchef mit deutlich mehr Kompetenzen auszustatten und ihn gleichzeitig zum Vizepräsidenten der EU-Kommission sowie zu einer Art EU-Finanzminister zu machen. Das hatte etwa Emmanuel Macron gefordert. Frankreichs Präsident will auch ein eigenes Budget für die Eurozone. Die Debatten darüber stecken allerdings noch im Anfangsstadium, nicht zuletzt aufgrund der stockenden Regierungsbildung in Deutschland, neben Frankreich das wichtigste Land der Eurozone.

Ein Anti-Schäuble

Mit der Wahl von Centeno endet für manchen Beobachter aber diese Vormachtstellung. "Eine gute Wahl für die dringend nötige Kehrtwende in der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik", sagte der SPD-Europaabgeordnete Udo Bullmann. "Centeno ist der Anti-Schäuble unter Europas Finanzministern", sagte der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold mit Blick auf den rigiden Sparkurs, den vor allem der frühere Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bei den Euro-Kollegen durchdrücken wollte. "Portugal hat Schäubles Austeritätsdogma erfolgreich widerlegt. Centeno hat gezeigt, dass nach den notwendigen Strukturreformen nicht sparen, sondern investieren der richtige Weg ist", meint Giegold.

Deutschland hatte sich zuvor auf keinen Bewerber festgelegt. Der geschäftsführende Bundesfinanzminister Peter Altmaier (CDU) zeigte sich nach der Wahl aber zufrieden damit, dass sich die Eurogruppe mit "ganz, ganz breiter Mehrheit" auf Centeno festgelegt hat. Bereits zuvor hatte er um dieses Signal der Geschlossenheit gebeten. Er hoffe, hatte Altmaier gesagt, am Ende auf "ein klares Signal (...), dass die Eurogruppe geschlossen ist". Die Wahl von Centeno sei "auch eine Anerkennung für die harten und erfolgreichen Reformen, die Portugal unternommen hat".