Als das Bier und der "Best Fucking Burger in Town" bestellt sind, hat Harry Rehlmann noch eine Strategieempfehlung: "Man muss sich fragen: Investiere ich idealistisch in eine bestimmte Coin oder streue ich breit und mache mehr Profit?", sagt er. Rehlmann sitzt auf einem alten grünen Sofa in der Bar Room77, neben ihm hocken eine Handvoll Männer und zwei Frauen. Sie alle hören aufmerksam zu, einige nicken.

Dass der 57-Jährige mit Coins Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum meint, deren Kursentwicklung inzwischen die weltweite Finanzszene in Aufregung versetzt, muss Rehlmann hier nicht erklären. An jedem ersten Donnerstag im Monat trifft sich in der Bar mit dem bunten B als Logo die Bitcoin-Community. An diesem Abend im Januar sind es etwa 100 Gäste. Dass sich ausgerechnet das Room77 in Kreuzberg als Treffpunkt etabliert hat, ist kein Zufall. Wer hier Burger und Bier bestellt, braucht keine EC-Karte oder Bargeld. Bezahlt werden kann auch einfach mit Bitcoin, und das bereits seit 2011. Eine Zeit lang gab es sogar einen Bitcoin-Geldautomaten.

Rehlmann ist eigentlich Elektriker – und ja: Er besitzt Bitcoin. Aber im Unterschied zu den meisten Besitzern kauft er sie nicht auf Handelsbörsen im Internet, sondern schürft selbst nach der Währung. Der Mann mit dem weißen Stoppelbart ist ein so genannter Miner. Er stellt mit seinem Computer über das Internet Rechnerleistung zur Verfügung und hilft so, dass Bitcoin-Transaktionen verifiziert und in einer Art Logbuch abgespeichert werden. "Ist ja auch gar nicht so kompliziert: Der Rechner steht einfach da und arbeitet den ganzen Tag", sagt er.

Die Datenbank, auf der am Ende alle Transaktionen hinterlegt sind, nennt sich Blockchain. Ohne sie wären Bitcoin im Finanzverkehr unbrauchbar, da es keine Bank gibt, die sonst die Transaktionen durchführt und überwacht. Die Blockchain-Technologie ist ein dezentrales System, ohne direkten Einfluss staatlicher Institutionen oder Banken.

Genau das gefällt Rehlmann. "Endlich gibt es eine Währung, die nicht von Politikern beeinflusst werden kann", sagt er. Weil er seinen Rechner zur Verfügung stellt, belohnt ihn das Bitcoin-Protokoll automatisch mit Bruchteilen eines Bitcoin – wodurch neues Kryptogeld entsteht. Auf speziellen Börsen kann Rehlmann seine Anteile verkaufen.

Inzwischen sind die Rechenaufgaben so komplex und der Stromverbrauch so groß, dass sich das Mining für private Nutzer nicht mehr lohnt. Stattdessen stehen in anderen Ländern, wo Strom günstig ist, riesige Hallen mit Computerwänden, um Bitcoin im großen Stil zu generieren. Rehlmann schürft trotzdem weiter bei sich zu Hause. "Reich werde ich damit natürlich nicht. Es ist mehr ein Hobby: Als Elektriker habe ich generell ein Interesse an neuen Technologien", sagt er. Pro Tag verdiene er etwa 15 bis 35 Dollar – und die skeptischen Blicke seiner Ehefrau, weil der Rechner in der Küche steht.

Niemand redet über neue Autos

So unterschiedlich die Leute an diesem Abend im Room77 sind, eines verbindet sie: das Interesse an Bitcoin. An der Bar redet ein englischsprachiger Mann auf eine Frau ein und erzählt ihr, wie ihm einmal "lots of fucking money" durch die Lappen gegangen sei. Das Publikum ist typisch für einen Laden in einem alternativen Stadtteil, viele tragen T-Shirts und Jeans, bestellen günstiges Bier, aber auch ein Anzugträger ist dabei. Man muss kein Mathematiker sein, um zu verstehen, dass sich unter den Leuten hier wahrscheinlich mehrere Millionäre befinden. 2011 lag der Kurs für einen Bitcoin bei drei Dollar. Wer damals ein wenig Geld investierte, hat heute viel Geld. Aber an diesem Abend redet niemand hier über gekaufte Autos oder Wohnungen.