Wer in Frankreich einen Job sucht, findet mit Bob schnell und einfach eine neue Stelle. Bob kann aber noch mehr: Zum Beispiel sagt er Arbeitssuchenden, wie sie sich weiterbilden können, um auch in Zukunft gute – oder bessere – Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Bob, so heißt das Open-Source-Projekt Bob Emploi, an dem auch Google beteiligt ist. Seit einigen Monaten wird es mit Daten und Statistiken der französischen Arbeitsämter gefüttert. Und Bob macht was aus seinem Wissen: Seine Vermittlungsquote liegt bei 42 Prozent, einem im europäischen Vergleich sehr hohen Wert. Dabei wird die künstliche Intelligenz gerade erst in der Betaphase getestet. Langfristig soll Bob ein smartes, selbstlernendes System sein, das sogar Prognosen über den Arbeitsmarkt erstellen kann.

"So etwas wäre auch für Deutschland möglich", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ayad Al-Ani. Er erforscht am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) internetbasierte Innovationen; zugleich ist er Geschäftsführer der Beratungsagentur tebble. Keine andere Institution verfüge in Deutschland über so viele Daten wie die Bundesagentur für Arbeit (BA), sagt Al-Ani. Es sei ein Schatz mit gigantischem Potenzial. Würde die Behörde ihn mit einer künstlichen Intelligenz nach dem Vorbild Bobs nutzen, könnten die Arbeitsämter allen Personalberatungen Konkurrenz machen, glaubt der Ökonom. Wären die Daten untereinander verknüpft, könnten Forscher der Arbeitsagentur zum Beispiel durch Datenanalysen schon heute künftige Probleme des Arbeitsmarkts vorausahnen und ihre Entstehung verhindern. Und sie könnten auf Basis der Analysen wirksame arbeitsmarktpolitische Instrumente entwerfen.

Das nötige Geld wäre vorhanden, denn die BA verfügt in Zeiten einer boomenden Wirtschaft über  hohe Rücklagen. Mit 5,5 Milliarden Euro war ihr Überschuss im Jahr 2017 sogar rund 700 Millionen Euro höher als erwartet. Insgesamt hat die BA für Notzeiten etwas mehr als 17 Milliarden Euro zurückgelegt. Ende des Jahres 2018 sollen es 19,7 Milliarden Euro sein. Das Finanzpolster ist so groß, dass sogar bei einer langen und schweren Wirtschaftskrise noch viel Geld übrig bliebe, glaubt der Arbeitsmarktforscher Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). 

Lieber den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung senken

Doch ein grundlegender Umbau der BA, um die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, ist in Deutschland derzeit kein Thema. Union und SPD haben sich  in ihrem Sondierungspapier lediglich darauf geeinigt, den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung um 0,3 Prozent abzusenken. "Davon würden Arbeitnehmer und Unternehmen gleichermaßen profitieren", sagt Schäfer. Außerdem planen die beiden Parteien, in Zukunft mehr Geld für Weiterbildungen bereitzustellen und allen Arbeitnehmern ein Recht auf eine Weiterbildungsberatung einzuräumen.

Vorschläge, was man mit den Rücklagen der BA darüber hinaus anfangen könnte, gibt es vor allem von linken Parteien und Gewerkschaften Sie wollen beispielsweise einen Teil der Hartz-Reformen rückgängig machen, etwa indem sie die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds verlängern. Oder sie wollen Sanktionen abschaffen. Mehr Geld für Weiterbildungen, wie von Union und SPD geplant, finden alle gut. Aber an der Struktur der BA will niemand etwas ändern.  

Dabei wäre das nötig. Die Agentur hat sich zu einem riesigen Apparat entwickelt, der zwar das Geschehen auf dem Arbeitsmarkt statistisch erfasst, aber daneben vor allem jene verwaltet, die auf dem Jobmarkt wenig Chancen haben. Aktuell liegt die Vermittlungsquote bei 13 Prozent; bei Akademikern ist sie mit 6,4 Prozent sogar noch geringer. Kein Wunder: Wer gut ausgebildet ist, findet einen neuen Job in vielen Fällen nicht durch den Vermittler beim Arbeitsamt, sondern im eigenen beruflichen Netzwerk, über Social Media, Headhunter, Jobbörsen und Initiativbewerbungen. Firmen wiederum suchen meist Fachkräfte – und finden diese eher über spezialisierte Personalberatungen als bei der BA.

So bleiben oft jene auf die Vermittlung durch das Arbeitsamt angewiesen, die entweder gering qualifiziert und prekär beschäftigt und daher auch in Boomjahren von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Oder jene, die schon lange ohne Job sind – die Zahl der Langzeitarbeitslosen stagniert seit Jahren bei knapp einer Million Menschen. Gerade diese beiden Gruppen brauchen dringend gezielte und individuell passende Weiterbildungen, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach, die auch Mitglied im Verwaltungsrat der BA ist. Viele von ihnen würden "direkt in Hartz IV durchgereicht. Bei jedem vierten, der oder die den Job verliert, ist das heute der Fall", so Buntenbach.