Wer auf Foodblogs und Instagram unterwegs ist, bekommt schnell den Eindruck: Mittlerweile ist eigentlich jeder zweite Vegetarier, Pescetarier oder zumindest Flexitarier. Tatsächlich essen die Deutschen immer weniger Fleisch, wie der diesjährige Fleischatlas des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung zeigt. Pro Kopf waren es demnach 59 Kilogramm im Jahr 2016, ein Großteil davon war Schweinefleisch – fast doppelt so viel wie Geflügel und Rind zusammengenommen. Der Trend zu weniger Fleisch besteht bereits seit 2011, allerdings sinkt der Konsum nur langsam. Zum Vergleich: Damals waren es 62,8 Kilogramm.

Aus Sicht von Umweltschützern sollten die Deutschen nur noch halb so viel Fleisch essen und die Tierbestände deutlich reduzieren. Anders seien weder die Klimaziele noch mehr Tier- und Naturschutz zu erreichen, hieß es bei der Vorstellung des Berichts. Weniger und dafür besser laute das Motto, sagte der Vorsitzende des BUND, Hubert Weiger. Dabei sieht er die Bundesregierung in der Pflicht, alles für einen nachhaltigen Umbau der Tierhaltung zu tun. 

Die Umweltschützer fordern eine verpflichtende Fleischkennzeichnung und eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse, wie sie durch große Güllemengen entstehen. Nach ihren Vorstellungen sollte kein Betrieb mehr als zwei Rinder oder zehn Schweine pro Hektar halten. Die Schweinebestände müssten also um mehrere Millionen Tiere reduziert werden –  besonders betroffen wären das westliche Niedersachsen und Westfalen. 

Der Report zeigt auch: Die Menschen in Deutschland essen zwar nicht viel weniger Fleisch, aber sie wählen immer genauer aus. Mehr aus der Region, mehr Bio und gerne auch mal Filetstücke. Zu fett darf es dem Fleischatlas zufolge nicht sein, Innereien sind auch nicht gefragt. Schweinebauch, Gehirn, Herz? Auf dem deutschen Markt wären das Fleischabfälle. In den 1980er Jahren aßen die Deutschen dagegen noch durchschnittlich 1,5 Kilogramm Innereien pro Jahr, mittlerweile sind es laut Fleischatlas nur noch 100 Gramm.

Krebsrisiko - Wir und das Fleisch Fleisch ist in Deutschland ein wichtiges Lebensmittel, die deutsche Wurst ein global bekanntes Kulturgut. Doch wie viel Fleisch essen wir eigentlich und welches schmeckt uns am besten? Und ginge es denn wirklich auch ohne?

China als wichtiger Abnehmer

In China sind Schweineohren dagegen Delikatessen. Seit der Jahrtausendwende hat sich der Export von Fleisch- und Milchprodukten nach China verdreißigfacht. Vor allem Schwein ist beliebt: 2,4 Millionen Tonnen haben deutsche Händler zwischen Januar und Oktober 2017 exportiert und damit knapp ein Fünftel der geschlachteten Schweine. Fleisch und Milch machen mittlerweile weit über die Hälfte der Exporte nach China aus, wie aus Daten der EU-Kommission und dem Agrarexportbericht 2017 hervorgeht.

Das Exportgeschäft verlief in den vergangenen Jahren so gut, dass deutsche Betriebe wieder anfingen mehr Schweine zu züchten. Im November 2017 hielten sie rund 27, 5 Millionen Tiere und damit etwa 378.000 mehr Schweine als noch im Mai. Mittlerweile sinkt die Nachfrage aus China offenbar wieder. Wenn sich der Trend fortsetzt, könnte es einen Fleischüberschuss geben und dadurch den nächsten Preisverfall. "Das Fleisch drückt auf den Markt", sagt der Sprecher vom Deutschen Bauernverband (DBV), Michael Lohse. Anfang 2017 lag der Preis pro Kilogramm bei 1,85 Euro, aktuell bekommen die Bauern 1,50 Euro.

Für viele Betriebe ist der Export nach Asien die Rettung. 2015, als durch ein Handelsembargo mit Russland ein wichtiger Abnehmer wegfiel, mussten viele Betriebe schließen. Fast zehn Prozent der Sauenhalter stiegen aus dem Geschäft aus. Für Lohse ist klar: "Wenn der Export nach China nicht wäre, hätten noch sehr viel mehr Betriebe schließen müssen." Ihre Zahl sank auch 2017 wieder. Gleichzeitig halten sie mehr Tiere – die großen Betriebe wachsen also weiter.

Weniger Betriebe, mehr Tiere

Entgegen den Idealvorstellungen der Umweltschützer: Sie wünschen sich viele kleine Betriebe. Mit Veggie-Day, Fleisch aus der Petrischale und Insekten als neue Alternative wollen grüne Initiativen erreichen, dass die traditionelle Fleischproduktion zurückgeht. Die Zahl der Vegetarier hat sich in den letzten zehn Jahren auf vier Prozent verdoppelt, 12 Prozent bezeichnen sich als Flexitarier: Sie versuchen bewusst weniger Fleisch zu essen.

Während der DBV die ausländischen Märkte bei der Fleischproduktion mit im Blick hat, wettern Umweltorganisationen dagegen: In Deutschland werde mehr Fleisch produziert wird, als die Verbraucher essen könnten, kritisieren sie. Der BUND fürchtet bei einer höheren Fleischproduktion vor allem auch eine höhere Umweltbelastung. Durch mehr Gülle, die die Nitratwerte im Grundwasser steigen lässt, und einen höheren CO2-Ausstoß.