Exxon wusste Bescheid: #ExxonKnew, sagen Klimaschützer. Seit einiger Zeit sammeln sie vor allem in den USA Belege dafür, dass der Ölkonzern die Öffentlichkeit angeblich wissentlich über die Folgen des Klimawandels täuschte – jahrzehntelang, zum Wohl des Geschäfts.

Jetzt werden ExxonMobil und andere Ölfirmen wegen des Klimawandels verklagt: Die Stadt New York zieht gegen ExxonMobil, BP, Chevron, ConocoPhillips und Shell vor Gericht, weil diese laut Anklage verantwortlich seien für Klimaschäden in der Stadt. Das kalifornische Richmond verklagt die gleichen Unternehmen ebenfalls wegen der Folgen des Klimawandels – und lässt sich auch dadurch nicht beirren, dass eine Chevron-Raffinerie größter Arbeitgeber am Ort ist. Andere Gemeinden, unter ihnen San Francisco, haben ähnliche Gerichtsverfahren angestrengt. Jugendliche verklagen sogar die US-Bundesregierung, weil sie nicht ausreichend gegen den Klimawandel tätig geworden sei und so ihr Recht auf Leben, Freiheit und Wohlstand verspiele.

Wo internationale Klimadiplomatie nicht weiterkommt, muss eben das Recht ran: Das ist die Logik hinter den Klimaklagen. "Es gibt viele Ansätze im bestehenden Recht, Staaten und Verursacher des Klimawandels zur Verantwortung zu ziehen", sagt die deutsche Anwältin Roda Verheyen, die sich auf Umweltrecht spezialisiert hat. Wie sie denken zahlreiche andere Anwälte und Aktivisten, die sich 2002 weltweit im Climate Justice Programme zusammengeschlossen haben. Sie fragen, wie die Klimaziele des Pariser Abkommens noch erreicht werden sollen, wenn die globale Temperatur schon jetzt um ein Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt liegt. Ihnen hilft, dass die Folgen des Klimawandels immer deutlicher werden, und dass die Wissenschaft immer öfter versucht, die Verursacher klar zu benennen.

Präzedenzfall Niederlande

Die Klagen in den USA sind Teil eines weltweiten Trends. In Deutschland fordert der peruanische Bauer Saúl Luciano Lliuya mit Hilfe der Anwältin Verheyen vom Energiekonzern RWE ein paar Tausend Euro, um seine Familie, seinen Hof und sich selbst vor den Folgen der Gletscherschmelze in den Anden zu schützen. Auf den Philippinen prüft eine Menschenrechtskommission, ob Öl- und Kohlekonzerne für die vom Super-Taifun Haiyan 2013 verursachte Verwüstung – und für die Toten – verantwortlich sind. In den Niederlanden verurteilte ein Gericht die Regierung schon vor zwei Jahren, die Emissionen des Landes bis 2020 um mindestens 25 Prozent zu senken. In Norwegen hingegen hat ein Gericht die erste Klimaklage des Landes gerade abgewiesen.

Wie groß die Erfolgsaussichten der Kläger in den einzelnen Fällen sind, lässt sich nur schwer beurteilen. Die Unterstützer vergleichen ihr Anliegen mit den Gerichtsverfahren gegen die Tabakindustrie. Auch deren Unternehmen hätten lange über die gesundheitsgefährdenden Wirkungen ihrer Produkte Bescheid gewusst, sagen sie. Und auch sie hätten verschleiert, getrickst und getäuscht – bis in den 1990er-Jahren in den USA so viele Klagen gegen die großen Tabakkonzerne anhängig waren, dass die Firmen in einen Vergleich einwilligten. Er kostete sie mindestens 206 Milliarden Dollar.

Den Öl- und Kohlekonzernen könnte es genauso ergehen. "Alle großen Kohlendioxidemittenten sind rechtlich verpflichtet, über das Klagerisiko zu berichten und Rückstellungen zu bilden", sagt Christoph Bals, politischer Direktor der Organisation Germanwatch, die die Klage gegen RWE unterstützt. Die Hoffnung der Klimakläger: Über die Rückstellungen würden die Unternehmen an Wert verlieren – und so für Investoren uninteressant, deren Geld mitentscheidet, wohin sich die Wirtschaft entwickelt. Die Klimaschützer wollen so die Divestment-Bewegung weiter vorantreiben. Und tatsächlich: Als das Oberlandesgericht Hamm im vergangenen Herbst entschied, im Verfahren Lliuya gegen RWE in die Beweisaufnahme einzusteigen, fielen an der Börse die Kurse der deutschen Stromkonzerne.