Betriebe ohne Betriebsrat und Tarifvertrag unterlaufen laut einer Studie besonders oft den Mindestlohn. 18,6 Prozent der Beschäftigten in diesen Betrieben werden unter Mindestlohn bezahlt, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Bei Betrieben mit Arbeitnehmervertretung seien es dagegen nur 3,2 Prozent. Die Zeitung beruft sich auf eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2016. Der DGB zeigte sich empört. Das Ergebnis sollte Vertretern von Arbeitgebern und Politik "die Schamesröte ins Gesicht treiben", sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell der SZ

Am häufigsten betroffen waren Branchen mit vielen Kleinbetrieben und Minijobs. Angestellte in privaten Haushalten bekamen beispielsweise rund 43 Prozent weniger als den Mindestlohn. Im Hotel- und Gaststättengewerbe waren 38 Prozent, im Einzelhandel 20 Prozent der Angestellten betroffen. Insgesamt bekamen 2,7 Millionen Beschäftigte weniger als das Minimum von 8,84 Euro pro Stunde. Überdurchschnittlich oft betroffen sind Frauen und Menschen mit geringen Bildungsabschlüssen.

Rund 2.500 Ermittlungsverfahren

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hatte schon im Dezember festgestellt, dass mindestens 1,8 Millionen Beschäftigte unter Mindestlohn bezahlt werden. Dass die Berechnungen des WSI deutlich höher liegen, hat laut SZ methodische Gründe. So seien zum Beispiel Überstundenzuschläge in die Berechnung eingeflossen. Die Studienergebnisse beruhen auf dem sozioökonomischen Panel. Dabei werden jedes Jahr in Deutschland etwa 30.000 Menschen in fast 11.000 Haushalten dazu befragt, was sie arbeiten und verdienen.

Das Statistische Bundesamt hatte im vergangenen Jahr ebenfalls Daten aus 2016 ausgewertet: allerdings Angaben von Unternehmen und Daten der Bundesagentur für Arbeit. Danach erhielten 2016 nur 750.000 Arbeitnehmer weniger als den gesetzlichen Mindestlohn. Eingeschlossen waren dabei auch die etwa 100.000 Beschäftigten jener Branchen, für die bis Ende dieses Jahres noch Übergangsregeln gelten – etwa die Zeitungszusteller.

Verstöße gegen den gesetzlichen Mindestlohn kosteten die Unternehmen im vergangenen Jahr Bußgelder von mehr als 4,2 Millionen Euro. Das geht aus einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage der Linken hervor. Demnach leitete der Zoll rund 2.500 Ermittlungsverfahren ein, weil Arbeitgeber gegen das Mindestlohngesetz verstießen, in jedem zweiten Fall musste der Betrieb zahlen.