Über den Wolken wird bei Ryanair jeder gleich behandelt. Nicht einmal zwischen Passagier und Pilot existieren Klassenunterschiede. "Auch wir müssen dafür bezahlen, wenn wir aus dem Bordservice nur ein Wasser trinken möchten", sagt ein junger Co-Pilot der Fluggesellschaft. Und das sei lediglich eine von vielen Spesen, für die das fliegende Personal der Billigairline selbst aufkommen müsse.

Sogar Hotels und Transfers zahlen die Piloten demnach aus der eigenen Tasche. "Ich fliege jetzt mehrere Tage am Stück von einer europäischen Hauptstadt aus statt von meiner Basis in Deutschland. Wo ich übernachte und wie ich zum Flughafen komme, das muss ich alles selbst organisieren", sagt der Pilot, der anonym bleiben möchte. Sein Name ist ZEIT ONLINE bekannt. Ryanair zahle für diese Zeit einen höheren Satz an ihn aus, der in etwa die Kosten decke. Aber der Aufwand sei groß. "Bei anderen Fluggesellschaften ist das kein Thema."

Der Ryanair-Pilot und viele seiner Kolleginnen und Kollegen wollen diese Bedingungen nicht länger akzeptieren. Zum ersten Mal in der mehr als 30-jährigen Firmengeschichte haben die Beschäftigten kürzlich gestreikt, um den Billigflieger aus Irland zu Verhandlungen über einen Tarifvertrag zu zwingen. Mit Erfolg. Anfang Januar gab es ein erstes Treffen zwischen der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) und der Geschäftsleitung – zuvor hatte Ryanair eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaften immer vehement abgelehnt. "Das Gespräch war konstruktiv, aber wir haben auch gemerkt, wie weit die Positionen noch auseinanderliegen", sagt James Phillips, Vorstandsmitglied von VC.

Seit einigen Jahren wächst die einstige Schmuddelairline aus Dublin rasant, längst werden Strecken über große Flughäfen wie Frankfurt am Main oder Köln-Bonn angeboten. 2016 konnte das Unternehmen seinen Jahresgewinn auf 1,32 Milliarden Euro deutlich steigern. Mit 129 Millionen Passagieren im vergangenen Jahr konkurriert Ryanair sogar mit der Lufthansa um den Titel der größten Fluggesellschaft Europas. Maßgeblich für diesen Erfolg sind die günstigen Flugpreise, die Ryanair nur anbieten kann, weil das Unternehmen die Kosten in allen Bereichen extrem niedrig hält. Seit Langem aber beklagen die Beschäftigten, dass sie unter sehr zweifelhaften Verhältnissen arbeiten müssten.

"Betriebskosten nicht Teil des Gehalts"

Tatsächlich müssen Phillips zufolge die Piloten nicht nur ihr Wasser im Jet bezahlen, sondern auch ihre Uniform, regelmäßige Übungsstunden im Flugsimulator, Gesundheitschecks, sogar Ausweise für die Flughäfen. Einen Teil der Ausgaben bekämen die Piloten zwar als Pauschale wieder, doch die Gewerkschaft argumentiert, dass "solche Betriebskosten nicht Teil des Gehalts der Arbeitnehmer" sein könnten.

Neben diesen Spesen geht es VC aber um wesentlich wichtigere Dinge. Ryanair wirbt beispielsweise damit, dass Piloten bei ihnen fünf Tage in Folge fliegen und dann vier Tage frei haben. Viele Piloten bemängeln aber, dass das häufig nicht eingehalten werde. "Wir wollen nun, dass diese Regelung in einem Tarifvertrag festgeschrieben wird", sagt Phillips. Auch müssten Ryanair-Piloten häufig umziehen, wenn die Fluglinie Basen an den Airports verkleinere oder verlege. "Ryanair sollte hier wenigstens die Umzugskosten bezahlen", sagt Phillips. Es gehe vor allem darum, mehr Planbarkeit für die Beschäftigten zu schaffen. Die Gehaltsfrage stehe in den Gesprächen nicht einmal im Vordergrund.

Und damit ist eines der größten Probleme noch nicht angesprochen: Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit schätzt, dass von den 380 in Deutschland stationierten Ryanair-Piloten ein Drittel einen Status als Contractor hat, also im Prinzip als Subunternehmer. "Ich bin bei Ryanair scheinselbstständig beschäftigt", sagt auch der junge Co-Pilot, der die Tarifauseinandersetzung von Vereinigung Cockpit unterstützt.