Zum Beispiel die Erdnüsse. Sie gehören zu Sambias wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnissen, nur Mais und Soja werden in noch größeren Mengen angebaut. Das deutsche Entwicklungsministerium will sambische Erdnussbauern in die Lage versetzen, künftig höhere Erträge zu erzielen und ihre Produkte besser zu vermarkten – etwa, indem sie zertifiziertes Saatgut vervielfältigen und für die eigene Aussaat benutzen. Oder indem sie ihre Ernte an ein Unternehmen verkaufen, das die Nüsse röstet oder zu Erdnussbutter verarbeitet und dann weitervertreibt.

Oder beispielsweise Milch. Die Deutschen unterstützen über eine niederländische Organisation in Sambia mehrere Milchbauernkooperativen. Deren Bauern werden in Management-, Fütterungs- und Zuchtstrategien geschult, sie können Darlehen erhalten und man bringt sie in Kontakt mit Molkereien, unter ihnen der italienische Konzern Parmalat. Einen Teil ihrer Milch verarbeiten die Bauern selbst weiter zu Trinkjoghurt, den sie dann zu höheren Preisen verkaufen können als das reine Grundprodukt.

Sambia gehört zu den Ländern, in denen das Entwicklungsministerium den Kampf gegen den Hunger besonders engagiert aufgenommen hat. Denn Hunger ist in Sambia Alltag. Im aktuellen Welthungerindex, der die Ernährungssituation in 119 Ländern der Welt erfasst, nimmt das Land den fünftschlechtesten Rang ein. Fast die Hälfte der Bevölkerung hat Mangelerscheinungen, viele Kinder sind ernsthaft unterernährt, viele sterben früh. 

"Projekte nur für Bessergestellte"

Das Land kann also Hilfe gebrauchen. Doch jetzt kommt die der Linkspartei nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung in einer Studie zu dem Schluss, dass ein wichtiger Bestandteil der deutschen Politik gar nicht den Ärmsten helfe, sondern eher den Landwirten, denen es schon vergleichsweise gut gehe – und einigen großen Unternehmen.  

"Die Projekte in Sambia erreichen nur einen kleinen Teil der bessergestellten Kleinbauern", sagt Benjamin Luig, Experte für Ernährungssouveränität der Stiftung. Problematisch sei, dass die geförderten Betriebe in nationale, regionale oder globale Lieferketten integriert würden – aber das zu schaffen, dazu sei eine Mehrheit der kleinen Bauern gar nicht in der Lage. Und die Landwirte, denen es gelinge, produzierten am Ende nicht für den lokalen Markt, sondern für Konzerne wie den Baumwoll- und Getreidehändler NWK Agri-Services, den Agrarhandelsriesen Cargill und den italienischen Molkereikonzern Parmalat. Höhere Preise als zuvor aber erzielten die Bauern in vielen Fällen nicht.

Die Projekte in Sambia sind Teil der sogenannten Grünen Innovationszentren: Prestigeprojekte des Entwicklungsministeriums, ein zentrales Element in der Strategie "Eine Welt ohne Hunger", die der amtierende Minister Gerd Müller ausgerufen hat, angelehnt an die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Die Grünen Innovationszentren sollen dem Ministerium zufolge "die regionale Versorgung mit Nahrungsmitteln verbessern, das Einkommen von kleinbäuerlichen Betrieben steigern und Arbeitsplätze schaffen".

In Sambia beispielsweise, einem von 14 Partnerländern, will Deutschland über die Zentren 100.000 Bauern schulen. 70.000 Landwirte sollen ihre Einkommen um 25 Prozent erhöhen, 350 neue Arbeitsplätze sollen entstehen. Insgesamt will das Ministerium dafür bis zum Jahr 2021 rund 206 Millionen Euro zur Verfügung stellen.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung bemängelt nun: Statt dezentralisierte, lokale Märkte zu fördern, konzentrierten sich die Grünen Innovationszentren in Sambia auf von Konzernen dominierte Lieferketten. "Der Fokus liegt nicht darauf, den Hunger direkt zu bekämpfen, sondern die kommerzielle Landwirtschaft zu pushen, um Hunger und Armut zu überwinden." Das aber werde der Mehrheit der Bauern nicht gerecht.

Erdnuss, Soja und Milch für Konzerne?

Ganz neu ist die Kritik nicht – hinter ihr steckt der alte und auch in Deutschland noch aktuelle Streit um die Frage, welche Art von Landwirtschaft die bessere sei. Das Konzept der Zentren sei einseitig auf Produktivitätssteigerungen ausgerichtet, doch diese allein könnten den Hunger nicht entscheidend reduzieren, warnten Entwicklungs- und Umweltorganisationen, schon bevor das erste Grüne Zentrum eröffnet wurde. Schon damals fürchteten sie eine Dominanz der Konzerne. Der Entwicklungsminister aber verteidigte seinen Ansatz.

Die Studie der Stiftung liefert den Kritikern nun neue Beispielargumente. Zum Beispiel bezogen auf die Erdnussbauern: Das Unternehmen Comaco, das aus ihrer Ernte Erdnussbutter erzeugt, kann der Stiftung zufolge überhaupt nur mit einer sehr begrenzten Zahl von Erzeugern zusammenarbeiten. "Die Mehrheit der Bauern wird ausgeschlossen." Dadurch könnten die Klassenunterschiede auf dem Land weiter verschärft werden, fürchtet sie: Auf der einen Seite die wenigen Privilegierten, die durch den Verkauf höhere Einnahmen erzielten, auf der anderen Seite die breite Mehrheit, die immer noch die niedrigen Preise akzeptieren müssen, "die sie auf dem Mainstreammarkt durch Verkäufe an Cargill oder NWK erzielen". Für die Sojaproduzenten sei die Lage ähnlich.

Oder im Fall der Milch: 80 Prozent der Milch werde in Sambia über informelle Märkte verkauft, sagt Luig. "Warum setzt ein Programm der Armuts- und Hungerbekämpfung nicht bei diesem dominierenden informellen Markt an?" Die entscheidende Frage sei doch, wie man den Milchbauern und Konsumenten mit besonders geringem Einkommen helfen könne – durch gezielte Investitionen in Infrastruktur, Hygiene, Lagerung beispielsweise. Doch statt das zu tun, fördere man vergleichsweise große Kooperativen, die den Konzern Parmalat belieferten, und vernachlässige so den größten Teil der Produzenten. 

"Andere Ansätze" für die Ärmsten

Das Entwicklungsministerium aber verteidigt seine Politik: Das Grüne Innovationszentrum in Sambia arbeite weder mit Cargill noch mit NWK oder Parmalat direkt zusammen, sagt eine Sprecherin. Für die Milchkooperativen sei Parmalat lediglich ein Kunde unter mehreren. Mit Cargill und NWK habe man früher zusammengearbeitet. Doch da ging es um Baumwolle – das Projekt gibt es nicht mehr.

Gefördert würden durch das Innovationszentrum "kleinbäuerliche Betriebe mit einer Fläche von bis zu fünf Hektar, kleinste und kleine Unternehmen sowie Genossenschaften", sagt die Sprecherin außerdem. Man wähle sie zusammen mit sambischen Partnern aus. Und selbstverständlich müssten die Bauern "über hinreichende Ressourcen, insbesondere Land verfügten, um über den Eigenbedarf hinaus für lokale Märkte produzieren und in neue Methoden investieren zu können".

Das Ministerium gesteht seinen Kritikern also zu: Die Zielgruppe der Grünen Innovationszentren sind nicht die Ärmsten der Armen. "Für sie empfehlen sich andere Ansätze", sagt die Sprecherin. Gegen Mangelernährung beispielsweise unterstützt Deutschland in Sambia andere Projekte.