Überschüssigen Strom aus der eigenen Solaranlage an den Nachbarn verkaufen und so lokal verbrauchen – diese lokale Direktbelieferung, auch Bürgerstrom genannt, wird zunehmend diskutiert und gefordert. Die EU-Energieminister, die Ende Dezember in Brüssel zusammenkamen, ließen Forderungen nach einer Förderung dieser Idee jedoch eiskalt abblitzen. In der Logik des heutigen Stromsystems ist das schlüssig, da Bürgerstrom darin weitestgehend wirkungslos bleibt. Die Diskussion um neue Partizipationsmodelle für Bürger endet damit jedoch nicht.

Wie der lokale Handel funktionieren kann, wurde erst kürzlich in einem Impulspapier von Energy Brainpool vorgestellt. Das Konzept klingt zunächst gut: Strom, der in einer privat betriebenen Photovoltaikanlage produziert und dort nicht direkt verbraucht wird, soll an Nachbarn verkauft werden können, auch über das öffentliche Stromnetz. Durch den lokalen Verbrauch würde das Netz entlastet. Verkäufer von PV-Strom profitierten durch höhere Erlöse, Käufer durch niedrigere Preise, das EEG-Konto würde entlastet, da keine Einspeisevergütung mehr ausbezahlt würde, und die Kosten für das Stromnetz sänken auch. Weil Bürgerstrom dezentral erzeugt und vor Ort verbraucht wird, fordern seine Befürworter bereits reduzierte Netznutzungsentgelte. Durch eingesparte Gebühren und niedrigere Steuern und Umlagen wird Bürgerstrom attraktiv.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die gut gemeinte Idee in unser heutigen Energiewelt nahezu keine Wirkung entfalten kann, weil die richtigen Voraussetzungen fehlen. Bei den meisten Verbrauchern wird der Stromverbrauch über einen herkömmlichen Summenzähler nur einmal im Jahr ermittelt. Kauft ein solcher Verbraucher seinem Nachbarn dessen überschüssigen Strom ab, so kann also gar nicht überprüft werden, ob diese Energie auch tatsächlich zeitgleich verbraucht wird. Da der Strom ohnehin völlig unabhängig von Handelsverträgen nach physikalischen Gesetzen seinen Weg durch das Netz nimmt, ändert sich durch den Nachbarschaftsdeal an der Situation im Stromnetz also gar nichts.

Anders wäre es, wenn der Stromverbrauch mit einem intelligenten Zähler viertelstundengenau ermittelt würde. Kombiniert mit smarten Verbrauchsgeräten oder auch mit intelligenten Ladesäulen für Elektrofahrzeuge ließe sich dann der Verbrauch gezielt in die Zeiten verlegen, in denen viel Solarstrom erzeugt wird. Doch die wenigsten Verbraucher sind heute mit diesen Anlagen ausgestattet. So würde der überschüssige Strom also sehr wahrscheinlich zuerst an Kunden verkauft, die ohnehin tagsüber viel verbrauchen, ohne dass eine echte Verbrauchsverschiebung stattfindet.

Die Idee des Bürgerstroms ist komplexer als gedacht: Wie soll beispielsweise die "Nachbarschaft" definiert sein? Ist dafür nur die räumliche Nähe ausschlaggebend oder müssen sich beide Parteien im gleichen Netzstrang befinden? Wer prognostiziert, wie viel Überschussstrom an jedem Tag zur Verfügung steht, und wer steht dafür gerade, wenn die Prognose falsch war? Kann überschüssiger Strom, der nicht verkauft wurde, trotzdem ins Netz eingespeist werden? Erhält man dafür gar eine Einspeisevergütung? Und wer liefert Energie in den Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint? Die Direktbelieferung könnte schnell so kompliziert werden, dass nur Profis sie abwickeln können. Etablierte Energieversorger könnten darin ein lukratives Geschäft sehen, mit dem sich Umlagen und Gebühren sparen lassen. So würde Bürgerstrom, trotz guter Absichten, einzelne Akteure privilegieren, finanziert am Ende durch höhere Gebühren von allen anderen Verbrauchern.

Mieterstrom kann profitabel sein

Die grundsätzliche Idee, Überschüsse aus Solaranlagen lokal zu vermarkten, ist aber die logische Weiterentwicklung eines aktuellen Trends: Die Eigenversorgung ist auf dem Vormarsch, da Solaranlagen oder kleine Blockheizkraftwerke Strom billiger liefern als das Stromnetz. Jede selbst verbrauchte Kilowattstunde spart bares Geld. Per Mieterstrom oder gar Quartierstrom lässt sich der Vor-Ort-Verbrauch profitabel auf Mehrfamilienhäuser und ganze Quartiere ausweiten, sofern nicht das öffentliche Netz benutzt wird. Warum also dort Halt machen? Warum nicht Strom auf lokalen Plattformen über das öffentliche Verteilnetz handeln, per Blockchain und autonomen Apps die Energiewelt revolutionieren und tradierte Versorger überflüssig machen?