Die IG Metall geht ein hohes Risiko ein. Nach den gescheiterten Tarifverhandlungen will sie diese Woche deutschlandweit 24-Stunden-Warnstreiks durchführen. Die Streikwelle wird für sie zum Lackmustest. Wie viele Mitglieder stehen tatsächlich hinter der provokanten IG-Metall-Forderung, befristet auf eine 28-Stunden-Woche reduzieren zu können und dafür einen Lohnausgleich zu erhalten?

Es könnten weitaus weniger sein als erhofft. Die IG Metall selbst rechnet damit, dass noch nicht einmal die Hälfte der theoretisch infrage kommenden Mitarbeiter am Ende die befristete Arbeitszeitreduzierung in Anspruch nehmen könnte. Die wenigsten von ihnen würden in den Genuss des Lohnausgleichs von bis zu 200 Euro kommen, weil der nur für die unteren Einkommensgruppen gelten soll. Zudem sollen nur Beschäftigte mit Kindern unter 14 Jahren und pflegebedürftigen Angehörigen den finanziellen Ausgleich erhalten – und das auch nur, wenn sie nachweislich den Hauptteil der Betreuung und Pflege übernehmen. Das dürften aber die wenigsten Arbeitnehmer sein, denn in der Metall- und Elektrobranche arbeiten überwiegend Männer.

Wer jetzt schon Teilzeit arbeitet, profitiert nicht

Außerdem würden all die Metaller, die heute schon Teilzeit arbeiten, von dem neuen Recht auf befristete Teilzeit mit Entgeltzuschuss gar nicht profitieren. Solche Regelungen gelten immer ab einem Stichtag, nicht aber rückwirkend. Warum sollte sich also jemand, der heute schon Teilzeit arbeitet, für eine Forderung starkmachen, von der er am Ende gar nicht profitieren würde?

Die meisten Arbeitnehmer wollen einfach nur einen ordentlichen Lohnzuwachs sehen. Immerhin boomt die deutsche Wirtschaft – und erst recht die Elektro- und Metallbranche. Die Arbeitgeber bieten aber genau das. Ihr letztes Angebot hatte einen Umfang von 6,8 Prozent, allerdings für eine Laufzeit von 27 Monaten. Die IG Metall wollte sechs Prozent für zwölf Monate.

Viele Arbeitnehmer sind mit ihrer 35-Stunden-Woche recht zufrieden und wollen gar nicht reduzieren. Mehr noch: Die befristete Teilzeit wird es in den kommenden Jahren sowieso geben. Darauf haben sich CDU, CSU und SPD bereits in den Sondierungen geeinigt. Künftig sollen Arbeitnehmer in Unternehmen mit mehr als 45 Beschäftigten ihre Arbeitszeit für mindestens ein Jahr und maximal fünf Jahre reduzieren dürfen.

Keine Frage: Das Thema Arbeitszeit wieder in die Tarifverhandlungen aufzunehmen, ist richtig: Gerade jungen Menschen ist die berühmte Work-Life-Balance wichtig, das zeigt auch die allgemeine Resonanz auf die Forderung der IG Metall. Und genau deswegen ist es jetzt wichtig, in den Verhandlungen mit den Arbeitgebern kompromissbereit zu sein. Aus schierer Not um genügend Mitarbeiter sind die Arbeitgeber handzahm. Ein Kompromiss könnte so aussehen: Die IG Metall bekommt eine Teilzeitquote: 20 Prozent der Arbeitnehmer dürfen befristet Teilzeit nehmen – das entspricht in etwa dem Anteil derer, die nach Berechnungen der Gewerkschaft sowieso einen Anspruch hätten. Und die Arbeitgeber bekommen eine aufgestockte Überstundenquote. Die gibt es bereits im Tarifvertrag: Zwischen 15 bis 18 Prozent der Beschäftigten in den Metall- und Elektrobetrieben dürfen mehr als die 35 Stunden pro Woche arbeiten. Dieser Anteil könnte noch einmal erhöht werden.

Selbst der Entgeltzuschuss für die unteren Lohngruppen, den die Arbeitgeber so fürchten, ließe sich gegenfinanzieren: Man könnte bei den Lohnzuwächsen und Einmalzahlungen in den obersten Lohngruppen etwas zurückhaltender sein. Das wäre selbst aus Sicht der Gewerkschaft nur fair.

Die IG Metall hat mit ihrer Idee von der 28-Stunden-Woche hoch gepokert. Nun kommt es darauf an, sie in eine realistische Lösung umzuwandeln, die auch die Wünsche der Mitglieder widerspiegelt.