Technologischer Wandel und Digitalisierung stellen unsere Gesellschaft vor gewaltige Herausforderungen: Das erkennen Union und SPD an, die diese Woche eine große Koalition sondieren.

Doch welche Folgen diese Umwälzungen haben werden und wie Gesellschaften damit umgehen, das scheint vielen noch nicht klar zu sein. Während die einen prophezeien, die Digitalisierung werde viele Millionen Jobs zerstören und zu einer hohen Arbeitslosigkeit führen, sehen andere darin eine riesige Chance, um die Arbeit vieler Millionen Menschen besser und menschenwürdiger zu machen, auch in Deutschland.

Fakt ist schon heute, dass der technologische Wandel die wichtigste Erklärung für die zunehmende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen ist und sich in der Zukunft deutlich beschleunigen wird. Es gibt jedoch keinen Grund für Panik. Entscheidend ist, dass die Teilhabe am technologischen Wandel nicht nur einigen wenigen vorenthalten ist, sondern allen offensteht. Die Politik hat dafür die Instrumente, muss aber endlich anfangen, einen konkreten Plan zu entwickeln und umzusetzen.

Die Angst der Abgehängten

In Wissenschaft und Politik malen viele ein düsteres Bild des technologischen Wandels: Er hänge immer mehr Menschen ab, die am Ende in Armut und Arbeitslosigkeit landen. Es ist ein Bild, in der die Arbeitswelt von morgen von Maschinen und einigen wenigen hoch qualifizierten Menschen dominiert wird. Es ist ein Bild der wirtschaftlichen und sozialen Polarisierung, das die liberale Demokratie gefährdet und zerstören könnte.

Die Lösung sehen manche – wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und der deutsche Vorstandschef Joe Kaeser von Siemens – in einer Ruhigstellung der Abgehängten durch einen größeren Sozialstaat und mehr Transferleistungen. Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, bei dem niemand arbeiten muss, um die minimale Lebensgrundlage für Wohnen, Essen und soziale Versorgung sicherstellen zu können, wird immer wieder diskutiert. Solche Lösungen sind letztlich nicht mehr als das Eingeständnis, dass eine Mehrheit wegen des technologischen Wandels verlieren wird. Eine solche Kapitulation wäre ein Armutszeugnis für eine moderne Demokratie und für unseren Gesellschaftsvertrag – die soziale Marktwirtschaft.

Kaum Einfluss der Globalisierung

Bereits heute ist der technologische Wandel der wichtigste Grund für die Ungleichheit von Vermögen und Einkommen, wie unter anderem eine Studie der OECD zeigt. Dagegen erklärt die Globalisierung durch Handel und Finanzmärkte nur einen sehr kleinen Teil der gestiegenen Einkommensungleichheit in den Industrieländern in den vergangenen 30 Jahren. Diese Fakten widersprechen den Globalisierungsgegnern, die die Globalisierung gerne zum Sündenbock für die zunehmende wirtschaftliche und soziale Spaltung machen wollen.

Der technologische Wandel hat die Gesellschaft und Arbeitswelt in Europa bereits seit mehr als 200 Jahren stetig und grundlegend verändert. Seit Beginn der industriellen Revolution bestand die berechtigte Sorge, dass die neuen Technologien viele Arbeitsplätze zerstören und Menschen zwingen, sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen. Dabei gab es immer Verlierer und wird sie auch in Zukunft immer geben.

Trotzdem würde niemand bezweifeln, dass sich die Lebensqualität aller Menschen im Vergleich zu vor 30 oder 50 Jahren verbessert hat. Technologischer Fortschritt in der Medizin hat die Gesundheit deutlich verbessert und die Lebenserwartung massiv erhöht. Er hat der großen Mehrheit weltweit humanere Arbeitsbedingungen verschafft.

Wir können aber sicher sein, dass sich der technologische Wandel, vor allem durch die zunehmende Digitalisierung der Arbeitsprozesse, in Zukunft beschleunigen wird. Eine der schwierigsten Herausforderungen wird daher nicht der technologische Wandel per se sein, sondern dessen Geschwindigkeit. Das wird zu großen Disruptionen führen, Menschen, Regionen und Wirtschaftszweige werden nicht wie bisher Jahrzehnte Zeit haben, um den Wandel zu gestalten, sondern häufig nur wenige Jahre.