1,7 Milliarden Überstunden sollen die Deutschen im Jahr 2016 geleistet haben, fast eine Milliarde davon unbezahlt. Die Zahlen stammen aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linkspartei-Bundestagsabgeordneten Jutta Krelle. Die Politikerin fordert deshalb, in Zukunft "nicht nur Reichtum, sondern auch Arbeit gerechter (zu) verteilen".

Doch bevor man Schlüsse aus den Zahlen zieht, sollte man sie sich genauer anschauen. Denn es kursieren verschiedene Statistiken darüber, wie viele Überstunden die Deutschen pro Jahr tatsächlich leisten.

Und es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, wie man die Daten einzuordnen habe. Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeber (BDA) etwa verweist in ihrer Broschüre Fakten statt Zerrbilder: Die Realität auf dem deutschen Arbeitsmarkt darauf, dass die Überstunden seit dem Jahr 2007 zurückgegangen seien. Alles also nicht so schlimm?

Welche Überstunden werden erfasst?

Vielen ist gar nicht klar, woher die Daten stammen. Wessen Mehrarbeit ist in der Statistik überhaupt enthalten? Auch die von Menschen, die ihre Arbeitszeit nicht minutengenau abrechnen, sondern ein Modell der Vertrauensarbeitszeit nutzen? Was ist mit Anwälten in Top-Kanzleien, Unternehmensberatern und Managern, also den Gutverdienern mit 50-, 60- oder gar 70-Stunden-Wochen? 

Eine Überstunde sei "allgemein definiert als Arbeitszeit über die betriebsübliche oder vertraglich vereinbarte Arbeitszeit hinaus", sagt Enzo Weber, Arbeitsmarktforscher beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Wenn man stempelt, ist das am klarsten", sagt Weber. Aber auch Führungskräfte hätten eine fest vereinbarte Arbeitszeit. Oft regle ihr Arbeitsvertrag, dass Überstunden mit dem Gehalt abgegolten seien. "Aber das zeigt ja schon: Es sind trotzdem Überstunden."

Woher kommen die Zahlen?

Die Überstundenstatistik, auf der sich die Bundesregierung beruft, ist vom IAB erstellt. Dafür nutzt das Institut vor allem zwei Datenquellen. Eine ist der Mikrozensus, dem zufolge die abhängig Beschäftigten im Jahr 2016 knapp 829 Millionen Stunden Mehrarbeit geleistet haben. 40 Prozent davon wurden bezahlt, 60 Prozent nicht.

Allerdings gehen Experten davon aus, dass diese Zahl noch zu niedrig ist. Denn die Angabe der Mehrarbeit ist freiwillig, und die Frage nach ihr und ihrer etwaigen Bezahlung wird im Mikrozensus erst seit 2010 regelmäßig gestellt.

Daher bedienen sich die Statistiker einer zweiten Quelle, dem Sozio-ökonomischen Panel (SOEP). Im SOEP wird nach der Anzahl der Überstunden im Monat vor der Erhebung gefragt und auch danach, ob die Mehrarbeit bezahlt wurde oder abgefeiert – oder beides. Seit 1984 werden im SOEP regelmäßig Fragen zu Überstunden gestellt. Deshalb gilt das Panel als wichtigste Quelle für die Statistik.

Schließlich wertet das IAB auch Zahlen des ifo-Instituts aus, denn die sind besonders aktuell. In den ifo-Konjunkturbefragungen geben Unternehmen Auskunft über die bei ihnen geleisteten Überstunden. Diese Daten sind für die Arbeitsmarktforscher wichtig, "um Ergebnisse bis in das aktuelle Quartal zu bestimmen", wie Enzo Weber sagt.