Auf der Weltbühne ist der Iran kaum aufzuhalten: Atomabkommen, militärische Siege im Irak und in Syrien, ein Landkorridor bis zum Mittelmeer – überall gewinnt das Land an Macht. Auch die Wirtschaft befindet sich im Aufschwung: Die Wachstumsraten sind beeindruckend und die Erdölproduktion hat sich verdoppelt, seit die Sanktionen gelockert wurden.

Doch was wie eine Erfolgsgeschichte aussieht, stellt sich im Kleinen anders dar. Die wirtschaftlichen Gewinne sind nicht bis zu den breiten Schichten der Bevölkerung durchgesickert. Zwar verfügt die Islamische Republik über eines der größten Erdölvorkommen weltweit, doch die meisten Iraner arbeiten gar nicht im Ölsektor. Viele sind im Dienstleistungssektor beschäftigt – oder gar nicht. Obwohl die Regierung unter Staatspräsident Hassan Ruhani nach eigenen Angaben jährlich 700.000 neue Jobs schafft, bleibt die Arbeitslosigkeit im Land hoch. Und jedes Jahr drängen 1,2 Millionen neue Arbeitskräfte auf den Markt. Wie bei den arabischen Nachbarn gibt es auch im Iran mit einem Altersdurchschnitt von 30 Jahren zu viele junge Leute für zu wenige Jobs. Jeder Dritte unter 25 Jahren ist arbeitslos, sagt das iranische Zentrum für Statistik.

Ein großer Teil der iranischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Wie viele genau, ist schwer zu sagen. Der Haushaltsausschuss des Parlaments sprach 2014 davon, dass 15 Millionen Iraner arm seien, oder 20 Prozent der Bevölkerung. Viele davon leben in Städten. Dort ist laut Iranischer Zentralbank fast die Hälfte aller Haushalte von Armut betroffen. Die hohe Zahl deckt sich auch mit der Einschätzung von Experten. Einer fünfköpfigen Familie stehen demnach im Durchschnitt 500 Euro pro Monat zur Verfügung, das reicht kaum für das Allernötigste. Zum Vergleich: Der Mietpreis einer Wohnung für fünf Personen wäre in der Hauptstadt Teheran etwa genauso hoch. Bei solch niedrigen Gehältern bekommen die Menschen auch deutlich zu spüren, wenn das Brot teurer wird – was bei einer Inflationsrate von elf Prozent immer wieder vorkommt.

Arm-Reich-Schere ging unter Ruhani auseinander

Viele Iraner hatten mit dem neuen Präsidenten auf eine Verbesserung ihrer Lebensumstände gehofft. Der seit 2013 amtierende und als moderat geltende Ruhani hatte versprochen, die Wirtschaft zu reformieren. Unter der chaotischen Wirtschaftspolitik seines konservativen Vorgängers Mahmud Ahmadinedschad lag diese am Boden. Die Verbesserung blieb aber für viele Menschen aus. Dabei erlebte die Wirtschaft zunächst einen Aufschwung – doch nur einige wenige an der Spitze haben davon profitiert. Ein Bericht des iranischen Zentrums für Statistik offenbart, dass die Schere zwischen Arm und Reich seit Ruhanis Amtsantritt sogar weiter auseinandergegangen ist.

Anders als bei den letzten großen Protesten 2009 sind es nun auch eher die einfachen Menschen, die im ganzen Land auf die Straße gehen, während die intellektuelle Elite in Teheran zuschaut. Im Gegensatz zur Grünen Bewegung fordern sie nicht Meinungsfreiheit oder Frauenrechte, sondern günstigere Lebensmittel und ein Ende der Selbstbedienungsmentalität des Regimes. Und dass das Geld des Staats nicht länger für außenpolitische Abenteuer ausgegeben wird, sondern für die heimische Wirtschaft.

Sicherheit und Austerität

Eine Erklärung für den wirtschaftlichen Missstand ist die Wirtschaftsagenda des Reformers. Ruhani hat dem Land Sparmaßnahmen auferlegt, statt dringend benötigte Strukturreformen durchzuführen. Er kürzte Sozialausgaben und Subventionen für Wohnungsbau, Bildung, Lebensmittel und Benzin. Seine Entscheidungen trafen damit eher die Armen als das seit 40 Jahren krankende Wirtschaftssystem. Das zeigt auch der Armutstrend: Seit Ruhani an der Macht ist, nimmt die Armut zu. Gleichzeitig erhöhte der Staatspräsident das Budget für den Sicherheits- und Verteidigungssektor, für das Militär und dessen kostspielige Auslandseinsätze um fast 150 Prozent. Gegen diese zwei Säulen von Ruhanis Politik, Sicherheit und ein radikaler Sparkurs, richtet sich jetzt der Zorn der Verlierer.

Vom Wachstum der Volkswirtschaft hat vor allem der allumfassende Staatssektor profitiert. Die größten Unternehmen des Landes sind fest in der Hand der Revolutionsgarden, des Militärs oder des Revolutionsführers Ali Chamenei. Die staatliche Monopolmacht sowie Korruption und Vetternwirtschaft verhindern jeden echten Wettbewerb. Von einer unternehmerfreundlichen Politik profitieren somit vor allem die Regimeeliten.

Obwohl die moderaten Reformer um Ruhani ebenso wie das konservative Lager vor allem daran interessiert sind, Macht und Privilegien zu sichern, wissen sie die Wirtschaftsmisere für ihre Interessen zu nutzen. So versuchte Ruhanis Widersacher Ebrahim Raisi, ein konservativer Populist, sich vor der letzten Präsidentschaftswahl 2017 bei den einfachen Leuten zu empfehlen. In Anlehnung an Trumps America-First-Kampagne versprach er, mehr Geld für die einkommensschwächeren Schichten auszugeben und bis zu fünf Millionen neue Jobs zu schaffen. Raisis Strategie schien aufzugehen: In Maschhad, einem Zentrum seiner Unterstützer, gingen die Menschen jetzt zuerst auf die Straße.