Deutschlands Betriebsräte gelten als links. Doch ist dieses traditionelle Bild noch aktuell? Im Dezember warnte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vor einer Unterwanderung der Arbeitnehmervertretungen durch rechte Gruppierungen. Hintergrund sind die anstehenden Betriebsratswahlen: Von März bis Mai werden in Deutschland 180.000 Arbeitnehmervertreter neu gewählt.

Ein prominentes Beispiel für die Entwicklung ist Daimler. Dort stehen führende Mitglieder der Arbeitnehmervertretung Zentrum Automobil im Verdacht, rechtsextrem zu sein. Im Daimler-Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim soll die Gruppe bereits vier von 45 Betriebsratssitzen stellen.

Doch wie groß ist das Phänomen tatsächlich? Und was tun die Gewerkschaften dagegen? Fragen an Klaus Dörre, der an der Universität Jena unter anderem zu Gewerkschaften, Partizipation in Unternehmen und Rechtspopulismus forscht.

ZEIT ONLINE: Herr Dörre, wie groß ist das rechte Potenzial in den Betrieben?

Klaus Dörre: Wir wissen, dass 15 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder AfD gewählt haben. Wie viele sich für rechte Betriebsratslisten entscheiden werden, ist völlig unklar. Ich glaube aber nicht, dass es viele derartige Listen geben wird. Die Gruppen haben häufig noch keine ausreichende organisatorische Kraft. Auch fehlen Mitarbeiter, die die Positionen offen im Betrieb vertreten würden.

ZEIT ONLINE: Ist das Phänomen also gar nicht so groß?

Dörre: Das weitaus größere Problem sind Betriebsräte, die gewerkschaftlich organisiert sind und rechte Positionen teilen, ohne darüber offen zu sprechen. Dabei handelt es sich zum Teil um vorbildliche Gewerkschafter, die innerbetrieblich im Sinne des DGB handeln. Nach außen aber agieren sie mit der AfD und mit Pegida. In solchen Fällen ist die Auseinandersetzung viel schwieriger als mit den offen rechten Listen.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich solche Arbeitnehmervertreter von linken Betriebsräten?

Dörre: Sie drängen auf die parteipolitische Neutralität der Gewerkschaften. Die Gewerkschaften sollen sich beispielsweise nicht mehr für Flüchtlinge und gegen rechts positionieren. Diese Forderung geht an die Wurzeln des gesellschaftlichen Selbstverständnisses der Gewerkschaften, die aus einem antifaschistischen Grundkonsens entstanden sind. Das ist langfristig eine viel größere Gefahr als die rechten Listen.

ZEIT ONLINE: Ist das also das Ziel: die Rolle von Gewerkschaften zu verändern?

Dörre: Das grundsätzliche Ziel ist, die soziale Frage von rechts zu besetzen. Gruppen wie Zentrum Automobil wollen die DGB-Positionen als zu weich, zu herrschaftsnah diskreditieren. Sie treten im Betrieb so auf, als seien sie die Klassenkämpfer. Aber sie wollen gar keinen Klassenkampf, sie wollen Volksgemeinschaft. Das vertreten sie mit einem globalisierungskritischen Gestus und versuchen so, jene Mitarbeiter zu erreichen, die die Gewerkschaften und ihre Betriebsräte als zu nah am Establishment empfinden.

Viele Teile der Kritik von solchen Mitarbeitern sind dabei gar nicht rechts. Wenn man kritisiert, was führende Betriebsräte in Konzernen verdienen, ist das durchaus berechtigt. Auch Skepsis gegenüber intransparenten Deals zwischen Arbeitgebern und Betriebsräten ist nicht falsch. Tatsächlich waren die Gewerkschaften lange Zeit erpressbar und haben insbesondere bei Standortfragen viele Errungenschaften Stück für Stück aufgegeben. Sie haben viele Zugeständnisse gemacht. Die Unzufriedenheit mit diesen Dingen hat nichts mit dem Gefühl zu tun, abgehängt zu sein, sondern mit Ungerechtigkeit.

ZEIT ONLINE: Der klassische Unterschied zwischen unten und oben wird also schon noch gemacht.

Dörre: Ja, wobei es einen wichtigen Zusatz gibt: Deutsche zuerst. Im Hintergrund steht zudem die nicht offen ausgesprochene Ansicht, dass der eigentliche Gegensatz nicht zwischen unten und oben, sondern zwischen innen und außen besteht. Doch das wird in den Betrieben nicht deutlich artikuliert, schon gar nicht in multinationalen Unternehmen wie Daimler. Würden die Rechten dort offen Minderheiten attackieren, hätten sie ein Problem – und der Arbeitgeber eine Handhabe. Die Ideologie dahinter reicht aber bis in die gewaltbereite Neonazi-Szene, die auch den NSU hervorgebracht hat.

ZEIT ONLINE: Ist es also nur Anstrich, wenn in den Videos von Zentrum Automobil auch Menschen mit Migrationshintergrund zu Wort kommen?