ZEIT ONLINE: Herr Cremer, viele Menschen in Deutschland sind mit dem Ergebnis der Koalitionsverhandlungen unzufrieden. Sie auch?

Georg Cremer: Nein. Drei Parteien werden weitere vier Jahre regieren. Da ist es nur natürlich, dass der Koalitionsvertrag vieles der bisherigen Arbeit fortführt und verstetigt. Wir haben in den vergangenen vier Jahren in einem vergleichsweise gut regierten Land gelebt.

ZEIT ONLINE: Darf man angesichts der großen Herausforderungen – Digitalisierung, Demografie, Migration – nicht mehr erwarten als nur Kontinuität?

Cremer: Kontinuität ist per se nichts Schlechtes, gerade in einem Land, in dem die große Mehrheit sagt, es gehe ihr gut. Ich habe den Vorwurf gehört, der Koalitionsvertrag sei nicht "inspirierend". Das finde ich albern. Ein Koalitionsvertrag ist ein Arbeitsprogramm für die kommenden vier Jahre und kein Feuilletonartikel.

ZEIT ONLINE: Gibt es den sogenannten großen Wurf, den sich viele wünschen, in unserer heterogenen und globalisierten Gesellschaft überhaupt noch?

Cremer: In der öffentlichen Debatte werden häufig Erwartungen geweckt, die nicht zu erfüllen sind. Nehmen Sie die Sozialpolitik: Entgegen der landläufigen Meinung haben wir weiterhin einen gut ausgebauten und funktionierenden Sozialstaat. Auch wenn man wollte, kann man ihn nicht einfach neu erfinden. Es muss vielmehr um eine schrittweise Weiterentwicklung des Systems gehen, angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen. Das kann nur in Form des oft kritisierten Klein-Kleins geschehen. Alles andere ist illusorisch.

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie im Koalitionsvertrag vernünftige Ansätze? Sinnvolles Klein-Klein?

Cremer: Es soll künftig einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule geben. Der Kinderzuschlag für Geringverdiener wird steigen, der Wohnungsbau gefördert, Tarifverträge in der Pflege gestärkt, in Bildung investiert. In der Vereinbarung stecken viele gute Ansätze.

Die riesigen Verteilungsspielräume, die manche angeblich sehen, gibt es in Wahrheit nicht.
Georg Cremer

ZEIT ONLINE: Woher kommt aus Ihrer Sicht die Unzufriedenheit in Deutschland, die Ansicht, es gehe immer ungerechter zu?

Cremer: Die Meinungsäußerungen hierzu sind widersprüchlich: Drei Viertel sagen, es gehe ihnen gut oder sehr gut. Gleichzeitig sagen aber auch zwei Drittel: Alles ist ungerecht in Deutschland. Viele glauben, der gesellschaftliche Zusammenhalt erodiert, finden ihr persönliches Umfeld aber gut.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Cremer: Unsere Wahrnehmung ist immer noch geprägt von den hohen Wachstumsraten der Nachkriegsjahrzehnte. Von Zeiten, in denen die Einkommen stark gestiegen sind. So hohes Wachstum geht nicht als Dauerzustand, bei vier Prozent über 100 Jahre würde sich die Güterproduktion verfünfzigfachen. Weniger Wachstum bedeutet aber nicht, dass es größeren Teilen der Gesellschaft schlechter gehen muss. Das ist faktisch auch nicht der Fall.

ZEIT ONLINE: Könnte man angesichts der hohen Steuereinnahmen und des soliden Wachstums nicht doch mehr machen, um die Ungleichheit zu reduzieren?

Cremer: Es ist ganz einfach: Unser Sozialstaat wird durch die Beiträge der Versicherten und das Geld der Steuerzahler finanziert. Er kann nicht allein von irgendwelchen kleinen reichen Gruppen getragen werden, das Geld muss aus der breiten Mitte der Gesellschaft kommen. Die riesigen Verteilungsspielräume, die manche angeblich sehen, gibt es in Wahrheit nicht.