Nehmen wir an, ein Analphabet würde einen Roman schreiben und eine Nichtschwimmerin die Meisterschaft über 100 Meter Kraul gewinnen. Klingt schräg. Aber ist es unmöglich? Die Menschen vollbringen die wunderlichsten Dinge, allen voran die Deutschen. Sie bauen die abgefahrensten Maschinen und verkaufen sie in aller Herren Länder, entwickeln die begehrtesten Autos und sind die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Aber von Wirtschaft hat die Mehrheit der Deutschen gar keine oder allenfalls wenig Ahnung. Das belegt eine gemeinsame Studie der Universität Bonn und der Wochenzeitung DIE ZEIT, die heute veröffentlicht wird.

Rund 700 Menschen wurden dafür befragt, und aus jeder Antwort erzeugten die Wissenschaftler Armin Falk und Jonas Radbruch einen Datenpunkt in ihren Diagrammen.

Die erste Frage im Fragebogen war zum Aufwärmen: Wie hoch steht der Dax? Das wird jeden Abend in der "tagesschau" und in nahezu jeder anderen Nachrichtensendung angesagt. Es hätte ein Selbstläufer sein müssen. Trotzdem trauten sich knapp 30 Prozent der Teilnehmer keine Antwort zu.

Die abgegebenen Schätzungen lagen dann weit auseinander – und mehrheitlich krass daneben.

Fast 20 Prozent der Befragten haben geantwortet, der Dax liege bei gut 1.000 Punkten oder darunter.

Dabei stand er zum Zeitpunkt der Befragung bei 12.341 Punkten.

Es ist also nicht so, dass sich ein paar Bürger vertan haben, weil sie den Börsenindex vielleicht für ein paar Wochen aus dem Blick verloren hätten. Nein, die überwiegende Mehrheit hat keinerlei Vorstellung von der Entwicklung der Börse. Tatsächlich gaben nur zehn Prozent der Deutschen die Größenordnung einigermaßen exakt an (Am vergangenen Freitag stand er bei 12.785 Punkten).

Die Wissenschaftler Falk und Radbruch haben die Antworten dann sortiert und gewichtet, sodass alle Gruppen gemäß ihrer tatsächlichen Größe in der Gesellschaft einfließen: Männer und Frauen, Menschen mit Lehre und Studium, Reiche, Bürger aus der Mittelschicht und Arme. Deshalb sind die Antworten repräsentativ.

Doch egal wie man die Daten dreht und wendet, das Nichtwissen ist groß. Beim Dax ist das besonders problematisch, weil nahezu alle Bürger von der Entwicklung der Börsen betroffen sind. Selbst wenn sie nicht persönlich in Aktien investieren, sorgen die meisten privat fürs Alter vor. Das tun sie in der Regel mit einer Lebensversicherung, einem Fonds-Sparplan oder einer Riester-Rente. In all diesen Produkten stecken mehr oder weniger Aktien, und fast immer auch aus dem Dax, der die 30 größten in Frankfurt an der Börse notierten Unternehmen zusammenfasst: von Allianz über Lufthansa bis Mercedes.

Aber was ist, wenn es um das eigene Portemonnaie geht? Um die letzte Gehaltserhöhung? Dafür muss ein Angestellter oder Beamter die Inflationsrate kennen, die besagt, wie schnell die Preise steigen. Diesen Preisanstieg (in Prozent) muss er von der Gehaltserhöhung abziehen. Erst dann wird deutlich, ob er sich durch die Gehaltserhöhung wirklich mehr leisten kann – und wie viel. 

Die Inflation

Wenn die Preise allgemein und dauerhaft steigen, nennt man das Inflation. Es geschieht fast jedes Jahr. Aber um wie viel genau? Das war die Frage.

Falk und Radbruch baten die Teilnehmer, die Inflation zu schätzen. Die Antworten waren etwas näher an der Realität, aber immer noch weit davon entfernt. Zum Zeitpunkt der Befragung, Ende 2016, gab es fast keine Inflation, sie lag bei nur 0,5 Prozent. Die Teilnehmer aber nahmen an, die Rate läge bei mehr als zwei Prozent.

Eine gute Nachricht gibt es immerhin. Es existiert laut der Studie kein Unterschied mehr zwischen Ost- und Westdeutschland. In Wirtschaftsfragen ist die Vereinigung gelungen – wenn auch in relativer Ahnungslosigkeit. Die trennenden Linien zwischen den Befragten verlaufen anders. Gutverdiener wissen im Schnitt merklich mehr über Wirtschaft als Arme, Akademiker mehr als Menschen mit Hauptschulabschluss – und Männer mehr als Frauen. Es liegen zwar keine Welten zwischen den Gruppen. Aber angesichts der Tatsache, dass derjenige besser für seine Interessen eintreten kann, der mehr weiß und über die besseren Informationen verfügt, muss man feststellen: Es ist auch hier ein Machtgefälle innerhalb der Gesellschaft erkennbar.

So ist das Wissen verteilt

Keine Gruppe in Deutschland ragt heraus, wenn es um Wirtschaftswissen gibt. Aber Unterschiede existieren. Männer wissen im Schnitt mehr als Frauen über Ökonomie. Wohlhabende mehr als Geringverdiener.

Eines der wichtigsten Instrumente, um die finanziellen Verhältnisse zu verändern und damit auf Dauer auch die Machtverhältnisse, wären Steuern. Sind die Steuersätze in Deutschland ungerecht? Zahlen die Bürger in den unteren Einkommensklassen zu viel und die in den oberen zu wenig?

Um das beurteilen zu können, ist es notwendig zu wissen, welche Steuersätze bei bestimmten Einkommen fällig  werden. Auch hier, das zeigen die Daten der Studie, wissen die Deutschen erstaunlich wenig. Sie überschätzen zum Beispiel deutlich, was Geringverdiener zahlen müssen. In Wahrheit ist es fast nichts, 179 Euro Steuern im Jahr. Der Median der Antworten lag hingegen bei 2.000 Euro. Das heißt: Eine Hälfte der Befragten glaubt, die Steuerlast läge sogar noch höher als 2.000 Euro, die andere Hälfte schätzte geringere Werte. Einigermaßen korrekt lag nur ein Viertel der Befragten.

Ganz oben und ganz unten – die Steuerlast

Geringverdiener müssen fast keine Steuern zahlen, weil es einen Grundfreibetrag gibt. Zum Zeitpunkt der Befragung lag er bei 8.652 Euro. Im Januar 2018 ist er auf 9.000 Euro gestiegen. Erst oberhalb dieses Einkommens greift das Finanzamt zu.

Gleichzeitig zeigt die Befragung, dass die Deutschen die Steuerlast für die Reichen im Land für geringer halten, als sie ist. Wer in Deutschland eine Million verdient, muss 475.695 Euro an Steuern zahlen. Der Median der Schätzungen lag jedoch bei 350.000 Euro, ein Viertel der Befragten meinte sogar, es seien 100.000 Euro oder weniger. Drei Viertel der Befragten schätzten die Summe zu gering ein.

Wie aber soll jemand etwa den aktuellen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD bewerten, wenn er bei zentralen wirtschaftlichen Kennziffern so weit danebenliegt? Beide Parteien wollen an den Steuersätzen nichts ändern. Heißt das nun, die Koalition musste nichts tun, weil unser Steuersystem ausgewogen ist, weil es die Starken sehr und die Schwachen kaum belastet? Oder ist das Nichtstun in Steuerfragen ein Ausdruck politischen Versagens?

Vergessen scheint auch zu sein, dass eine Jamaika-Regierung unter CDU/CSU, FDP und Grünen noch vor wenigen Wochen eine Steuerentlastung vor allem der Mittelschicht plante. 15 Milliarden Euro sollte die Mitte weniger zahlen, weil sie über die Maßen belastet sei, lautete die Begründung der Jamaika-Politiker. Stattdessen wird nun eine ähnliche Summe für die Familienförderung, für die Aufstockung von Mütterrenten und die Bekämpfung der Altersarmut verwendet. Auch das sind ehrenwerte Ziele, aber das Geld kommt eben anderen Gruppen zugute. Nur scheint es niemanden zu stören. Vielleicht, weil sich kaum einer erinnert oder einschätzen kann, was die verschiedenen Maßnahmen bewirken?  

Wirtschaftsstudie - Wie war das noch mal mit dem Zinseszins? Eine Telefonumfrage der Universität Bonn und der ZEIT hat ergeben, dass die Deutschen nur wenig über Wirtschaft wissen. Wir haben in Berlin den Test gemacht.

Doch warum wissen die Deutschen so wenig über Ökonomie? Eine Erklärung führt zu der Art, wie Menschen aktuelle Nachrichten aufnehmen. Soziale Netzwerke spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sie machen ihre Nutzer auf Geschichten und Recherchen aufmerksam, die ihnen sonst entgangen wären, sie öffnen Welten. Aber zum Wesen der Netzwerke gehört es eben nicht, ihren Nutzern einen Überblick über das Weltgeschehen zu verschaffen, Struktur und Orientierung in der Nachrichtenlandschaft zu geben.

Auch einige traditionelle Medien und Nachrichtenportale im Netz legen heute weniger Gewicht darauf und geben dem Besonderen, der abseitigen, dafür aber exklusiven Geschichte mehr Raum. Sie passen sich einem Leseverhalten an, das nicht zuletzt durch die sozialen Netzwerke geprägt wird. Das bedeutet aber auch, dass die Leser selbst mehr leisten müssen, um einen Überblick zu behalten. Dieser entfaltet sich nicht mehr von alleine vor ihren Augen, sondern es ist stärker jedem Einzelnen überlassen, sich diesen Überblick zu verschaffen. In ökonomischen Fragen, das legen die Ergebnisse der Studie nahe, raffen sich wenige dazu auf.

Der Koalitionsvertrag zeigt jedoch, warum es sich lohnt, zumindest die grundlegenden ökonomischen Zusammenhänge und Kennziffern zu beherrschen. Und zu ihnen gehört auch das Wirtschaftswachstum.         

So wuchs die Wirtschaft

Hier waren die Befragten viel zu optimistisch. Vier Prozent Wachstum erreichte die deutsche Wirtschaft seit 1980 nur drei Mal: In den beiden Jahren nach der Wiedervereinigung – und im Aufholjahr nach der Weltfinanzkrise, also 2010.

Das Wachstum lag 2016, zum Zeitpunkt der Befragung, bei 1,8 Prozent, während die Befragten die Lage noch viel besser einschätzten. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft dann ein bisschen schneller, um 2,3 Prozent, und näherte sich insofern den Schätzungen an. Die Deutschen leben in guten Zeiten, was sich in einer weiteren, zentralen Ziffer niederschlägt: der Arbeitslosenquote. Bei dieser Frage  schnitten die Befragten übrigens mit am besten ab, sie haben eine recht klare Vorstellung davon, wie auf dem Arbeitsmarkt zugeht.

Wie viele Menschen waren im Jahr 2016 arbeitslos?

Die Arbeitslosigkeit sinkt in Deutschland seit zehn Jahren kontinuierlich. 2007 lag sie noch über zehn Prozent.

Wer sich selber testen möchte, kann es übrigens ausprobieren und hier ein Quiz mit den Fragen aus der Studie machen. Bisher haben mehr als 10.000 Leser teilgenommen.

Weitere Ergebnisse aus der Studie finden Sie ansonsten in der aktuellen ZEIT. Zum Beispiel diese kleine Denksportaufgabe: "Ein Tischtennisschläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet 1 Euro mehr als der Ball. Was kostet der Ball?" 60 Prozent der Befragten gaben 10 Cent an. Stimmt's?