Landrigan: Der Anbau von Gemüse in großem Maßstab, zum Beispiel in Kalifornien, hat schädliche Auswirkungen auf die Umwelt, etwa durch die Verschwendung von Pestiziden. Die Arbeitsbedingungen auf den Feldern dort sind schlimm. Selbst der Bio-Anbau hat negative Auswirkungen, sobald er in großem Maßstab geschieht, und auch als Vegetarierin trage ich daran einen Anteil. Jede Art von Ernährung verursacht Leid, denn um zu essen, müssen wir anderen immer etwas wegnehmen. Wir schaden entweder den Tieren, dem Land oder anderen Menschen. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass es so etwas wie eine Ernährungsform geben könnte, die Schäden komplett vermeidet.

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch weitere Gründe, die Sie zurück zum Fleischkonsum gebracht haben: Ihre damals bevorzugten vegetarischen Marken gehören zu großen Konzernen, die Sie nicht mehr unterstützen wollten. Und um den Maiszucker zu gewinnen, der in praktisch allen industriell verarbeiteten Nahrungsmitteln steckt – auch den vegetarischen –, hat man in den USA riesige Landflächen zu Monokulturen umgewandelt. Aber nur weil der Konsum von vegetarischen Fertigprodukten ebenfalls Umwelt- und soziale Schäden verursacht, ist eine fleischliche Ernährung doch nicht besser.

Die US-Regierung unterstützt die billige Massenproduktion

Landrigan: Ich würde nie behaupten, dass man Fleisch essen muss, um sich ethisch zu ernähren. Ich will nur sagen, dass die eine Ernährungsweise nicht automatisch besser ist als die andere, darüber sollte man sich klar werden. Es hängt immer auch davon ab, wo man lebt, was man sich leisten kann, welche Läden in der Nachbarschaft sind, welche Transportmittel zur Verfügung stehen, wie viel Zeit man hat, um einzukaufen und zu kochen und in welcher Gemeinschaft man lebt. Die eine Ernährungsweise, die für alle funktioniert, gibt es nicht. Jeder muss für sich selbst entscheiden. 

ZEIT ONLINE: Nach welchen Kriterien?

Landrigan: Mein Rat ist, immer genau hinzuschauen, woher das Essen stammt. Komm der Quelle so nah wie möglich! Kauf Erzeugnisse aus regionaler Produktion in unabhängigen Läden, je mehr, desto besser. Frag nach, wie die Tiere gehalten werden und wie das Gemüse erzeugt wird. Wenn man das tut, erfährt man mehr über die tatsächlichen Produktionsverhältnisse und kann besser entscheiden. 

Marissa Landrigan, Fleisch essen für Vegetarier – Meine Suche nach einer ethischen und nachhaltigen Ernährung. Aus dem amerikanischen Englisch von Karoline Zawistowska. Benevento Verlag, Wals bei Salzburg 2018, 256 S., 18,–€ © PR-Foto

ZEIT ONLINE: Was ist mit denen, die im Alltag keine Zeit haben, aufwändig auf Nahrungssuche zu gehen und frisch zu kochen, oder denen das Geld für Lebensmittel vom Bauernmarkt oder für Bioprodukte fehlt?

Landrigan: Je mehr Menschen frische, regionale Nahrungsmittel oder Bio-Lebensmittel kaufen, desto eher werden durch die möglichen Kostenvorteile die Preise sinken. Dann können sich mehr Leute gutes Essen leisten. Und wir brauchen einen Wandel in der Politik, denn die beeinflusst die Preise auch. In den USA ist es zum Beispiel viel billiger, Fleisch von Rindern zu kaufen, die mit Mais gefüttert wurden statt mit Gras und Heu. Zum Teil liegt das an der Politik.

Derzeit unterstützt die US-Regierung billige Massenproduktion, die Umweltschäden verursacht und viel Schmutz erzeugt. Es ist viel teurer, einen kleinen, diversifizierten Bauernhof zu betreiben und natürlich geben die Farmer ihre Kosten an die Konsumenten weiter. Wir brauchen also weniger Subventionen für die ganz großen Betriebe und mehr für die kleinen. Immerhin: Kürzlich hat die Regierung den Empfängern von staatlichen Essensgutscheinen erlaubt, die Gutscheine auch auf Bauernmärkten einzulösen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.