Das Dreieck der deutschen Autoindustrie im Südosten der USA galt der Branche bisher als eine Art Lebensversicherung. Die größten US-Werke von Daimler, Volkswagen und BMW sind nur wenige Hundert Kilometer voneinander entfernt, mehr als 35.000 Beschäftigte arbeiten in den US-Fabriken und weitere 80.000 Mitarbeiter in den Betrieben deutscher Zulieferer, von denen sich viele in der Region um die Bundesstaaten Tennessee, Alabama und South Carolina niedergelassen haben. Warum sollte US-Präsident Donald Trump die deutsche Automobilbranche mit Zöllen bestrafen, wenn sie doch so viele Jobs in den USA schaffen?

Trump interessiert das aber offensichtlich wenig. Schon zu Beginn seiner Amtszeit vor etwas mehr als einem Jahr hat er den deutschen Autoherstellern gedroht, sie mit hohen Importzöllen zu belegen. Seine Begründung: Es seien zu viele BMW, Mercedes, VW und Audis auf Amerikas Straßen unterwegs, aber kaum amerikanische in Europa. Jetzt wiederholte der US-Präsident diese Drohung, und sie wirkt umso gefährlicher, da er vergangene Woche tatsächlich Importzölle auf Stahl und Aluminium erlassen hat.

Das deutsche Automobildreieck im Südosten der USA

Der US-Präsident ignoriert dabei, was die deutsche Autobranche immer wieder als Argument gegen Zölle vorbringt. "Wir bauen unsere Produktion in den USA seit etlichen Jahren strategisch aus", sagt Bernhard Mattes, der Präsident des deutschen Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Die Exporte aus Deutschland in die USA sänken kontinuierlich. Die Statistiken bestätigen Mattes' Aussage. Deutschlands Autohersteller exportierten im vergangenen Jahr fast eine halbe Million Autos nach Amerika, und damit etwa ein Viertel weniger als noch vor vier Jahren. Im gleichen Zeitraum ist die Produktion in den USA kontinuierlich gestiegen auf heute mehr als 800.000 Fahrzeuge.

USA - Trump erlässt Importzölle Trotz weltweiter Kritik hat US-Präsident Donald Trump per Dekret die umstrittenen Importzölle für Stahl und Aluminium erlassen. Ausgenommen sind bisher Kanada und Mexiko. Andere Länder könnten folgen. © Foto: Susan Walsh/ap

Die deutsche Autobranche ist mittlerweile ein wichtiger Arbeitgeber in den USA, die Donald Trump jetzt schon mit seinen verhängten Importzöllen auf Stahl und Aluminium trifft. Denn sie verteuern eingeführte Zulieferteile, die in den US-Werken von BMW, VW und Daimler weiterverarbeitet werden. "Die US-Stahlhersteller können nicht mal eben bestimmte Stahlsorten aus Europa und China ersetzen", sagt André Wolf, der im Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) den Forschungsbereich Weltwirtschaft, Konjunktur und internationaler Handel leitet. "Trump will mit seinen Maßnahmen offenkundig seine Wählerschaft in der Stahl- und Autoindustrie ansprechen", sagt Wolf. "Doch er vergisst dabei, dass viele dieser Automobilarbeiter in den US-Werken der deutschen Unternehmen arbeiten."

Insgesamt führen die deutschen Autohersteller aber immer noch mehr Autos in die USA ein, als sie dort für denselben Markt produzieren. Nur rund 40 Prozent der Autos deutscher Marken, die auf amerikanischen Straßen fahren, stammen aus US-Fabriken, der größere Teil sind Importfahrzeuge. Laut dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel entfallen rechnerisch ein Prozent der gesamten deutschen Wertschöpfung und 200.000 Arbeitsplätze in Deutschland auf die Ausfuhr von Autos in die USA.

Doch umgekehrt verlassen auch 60 Prozent aller Pkw, die in den US-Fabriken der deutschen Hersteller gebaut werden, die Vereinigten Staaten und werden in den Rest der Welt verkauft. Mehr als 20 Prozent gehen sogar nach Europa, etwa ein Viertel nach Asien und weniger als zehn Prozent nach Kanada und Mexiko.

Damit trägt die deutsche Autoindustrie dazu bei, das Handelsbilanzdefizit der USA zu reduzieren. Schließlich importiert Amerika mehr Waren, als es in die Welt ausführt. Und das scheint Präsident Trump gewaltig zu stören. Mit dem Handelsdefizit hat er ein ums andere Mal seine neuen Importzölle begründet: Es sei unfair, wie mit den USA im Welthandel umgegangen werde. Sein Land müsse beispielsweise sehr hohe Zölle zahlen, wenn es Autos in die EU verkaufen wolle. Umgekehrt gelte dies nicht.

Joseph Francois teilt die Meinung des US-Präsidenten nicht. Die Zölle für den Import von Autos und Einzelteilen in die EU seien zwar vergleichsweise hoch, sagte der US-Ökonom und Direktor des World Trade Institute an der Universität Bern. Im Gegenzug gebe es aber in den USA auf Textilien und Kleidung sehr hohe Importzölle. Die beteiligten Staaten seien quer durch alle Branchen Kompromisse eingegangen, um den globalen Handel zu stärken, sagt Francois. Am Ende habe sich eine Balance ergeben, der beide Seiten zugestimmt hätten.

"Der Welthandel ist ein sehr komplexes System", sagt Francois. "Jetzt jedoch scheint das Weiße Haus alle Handelsbeziehungen bilateral betrachten zu wollen." Im etablierten System sei das aber praktisch unmöglich. Genauso gelte dies für China, dessen Handelspolitik der US-Präsident ebenfalls stark kritisiert. "Wenn man Waren aus China kauft", sagt Francois, "können diese Einzelteile und Komponenten beinhalten, die zuvor in Indonesien, Malaysia, Japan und vielleicht sogar in den USA hergestellt wurden." Daher sei es heutzutage unsinnig, eine Handelsbilanz zweier Länder gesondert zu betrachten.

Auch dass Trump immer wieder mit der negativen Handelsbilanz seine Zollpolitik begründet, hält Francois für mindestens problematisch. "Wenn es der US-Wirtschaft gut geht, strömen hohe Investitionen ins Land", sagt Francois. Anleger würden mit ihrem Geld Fabriken aufbauen oder es direkt am Kapitalmarkt investieren. "Sie müssen dazu Dollar erwerben und dafür mit ausländischer Währung bezahlen", sagt Francois. Mit diesen Devisen könnten wiederum in den USA neue Waren aus dem Ausland bezogen werden. "Es ergibt sich ein umgekehrtes Spiegelbild aus Handelsbilanz und Kapitalbilanz", sagt Francois. "Man denkt immer, es müssten Maschinen in die USA eingeführt werden, aber es fließt stattdessen eine Menge ausländisches Kapital in das Land."

Als Reaktion auf Trumps Maßnahmen droht die Europäische Union ihrerseits mit Zöllen auf US-Waren wie Whiskey, Orangensaft und Erdnussbutter. "Importzölle auf diese Produkte hätten aber nur relativ geringe Auswirkungen auf die USA", sagt André Wolf vom HWWI. "Sie sind eher als Symbolpolitik zu bewerten. Dennoch wären die von der EU erwogenen Zölle zumindest Nadelstiche, die bestimmte republikanische Wahlkreise im Mittleren Westen träfen – in der Hoffnung, dass die Republikaner im Kongress den Druck auf Präsident Trump erhöhen, die Zölle fallen zu lassen."

Für die deutsche Autoindustrie selbst sieht Wolf kaum Möglichkeiten, unmittelbar auf mögliche US-Importzölle zu reagieren. "Ihre politische Einflussnahme in Washington ist sehr begrenzt", sagt der Handelsexperte. "Die deutschen Automobilhersteller könnten natürlich ihre US-Werke ausbauen und somit die Produktion vor Ort auf Modelle ausdehnen, die bisher importiert werden. Aber das bräuchte Zeit und wäre ein eher mittelfristiger Schritt."

So könnte aber die Beschäftigung in der amerikanischen Automobilindustrie steigen – auch in den Werken der deutschen Marken. BMW hat bereits angekündigt, seinen Standort in Spartanburg bis 2019 zu stärken.