Geld, das aus der Wand kommt – für uns ist das normal. Es war der 27. Mai 1968, an dem die Kreissparkasse Tübingen Deutschlands ersten Geldautomaten aufstellte, knapp ein Jahr nachdem die Barclays-Bank in Enfield, nördlich von London, das weltweit erste Gerät für seine Bankkunden installiert hatte. Heute, fünfzig Jahre später, gibt es hierzulande knapp 60.000 Automaten zum Geldabheben. Doch ihre Zahl schrumpft.

Nach Angaben der Deutschen Kreditwirtschaft, des Dachverbands der deutschen Banken, waren in Deutschland Ende 2017 noch knapp 58.400 Geldautomaten in Betrieb. Der Höhepunkt mit 61.100 Maschinen war im Jahr 2015 erreicht worden. Ursachen seien die Digitalisierung und der Kostendruck. "Wir haben die Daumenregel, dass das Betreiben eines Geldautomaten in etwa zwischen 20.000 und 25.000 Euro (im Jahr) kostet", sagte Jürgen Gros, Chef des Bayerischen Genossenschaftsverbands, zu dem die Volks- und Raiffeisenbanken gehören. "Das muss auch verdient werden. Dauerhaft ist Zuschießen kein Geschäftsmodell."

Damit scheint der jahrzehntelange Siegeszug einer Maschine beendet, die derzeit noch nicht aus dem Alltag wegzudenken ist. Nach Einführung des ersten Automaten in Tübingen 1968 waren es im Jahr 1994 bundesweit schon 29.400. Bis 2015 verdoppelte sich diese Zahl. Doch allein von 2016 auf 2017 wurden 1.600 Automaten wieder abgebaut.

Geld holen an der Ladenkasse

Das heißt jedoch nicht, dass es inzwischen weniger Gelegenheiten zum Geldabheben geben würde. Die Automaten haben an Bedeutung verloren, weil einerseits der Onlinehandel blüht und andererseits immer mehr Geschäfte das Geldabheben an der Ladenkasse anbieten.

Fachleute halten diesen Service aber nur für eine vorübergehende Erscheinung. Der Münchner Bezahldienstleister Wirecard glaubt, dass in absehbarer Zukunft die komplette Infrastruktur des Bezahlens über das Handy organisiert wird. Für Einzelhändler bedeutet Barzahlung Kosten – allein deswegen, weil die Einnahmen zur Bank befördert werden müssen. Zahlen per App ist in China bereits Alltag. Nach Einschätzung vieler Expertinnen wird sich dies auch in Deutschland etablieren.

27. Juni 1967 in Enfield nördlich von London: Vizebankdirektor Sir Thomas Bland (links) von der Barclays-Bank in London eröffnete gemeinsam mit dem Chef des Banknotenherstellers De La Rue, Sir Arthur Norman, den ersten Geldautomaten der Welt. Auch dabei war der Schauspieler Reg Varney (mit Mütze). © Fox Photos/Hulton Archive/Getty Images

"Einzelhändler rechnen durch den Service mit einem Mehreinkauf an Waren und reduzieren nebenher den Bargeldbestand in den Kassen, der mit erheblichen Kosten verbunden ist", sagte Markus Eichinger von Wirecard. "Zwar finden heutzutage weltweit immer noch rund 85 Prozent aller Transaktionen unter Verwendung von Bargeld statt, doch das Potenzial für hiesige rein digitale Payment-Lösungen wie boon, Orange Cash oder Allianz Prime ist sehr groß."

Außerdem haben Kriminelle ihren Anteil daran, dass Banken allmählich die Lust am Automaten vergeht. "Die Anschläge auf Geldautomaten treiben die Kosten für die Versicherungen beziehungsweise für die Wiederinstandsetzung der Geräte und der gegebenenfalls zerstörten Umgebung tendenziell in die Höhe", sagte ein Sprecher der Deutschen Kreditwirtschaft in Berlin. Ganz verschwinden würden die Automaten nach Einschätzung der Banken in absehbarer Zeit zwar nicht, doch erwarte die Branche einen weiteren Rückgang: "Die deutsche Kreditwirtschaft geht davon aus, dass die Zahl der Geldautomaten in den kommenden Jahren weiterhin leicht rückläufig sein wird."

Erfunden hatte den Geldautomaten der aus Armenien stammende US-amerikanische Einwanderer Luther George Simjian, doch erst Donald Wetzel, ein Ingenieur aus Louisiana, kam auf die Idee mit der PIN-Nummer und leitete später ein Programm der USA, ein massentaugliches Gerät zu entwickeln. Anfang September 1969, also mehr als ein Jahr nach der Tübinger Sparkasse, bekamen die Amerikaner ihren ersten ATM im Staat New York. Ein ziemlich großer Schritt für den Geldtransfer der Menschheit, sechs Wochen, nachdem erstmals jemand auf dem Mond gelandet war.