Ein Jahr lang haben wir uns als Klimaretter versucht. Wir, das sind Mutter, Vater und zwei Kinder, die ein klassisches, leicht grün angehauchtes Mittelschichtleben leben: Haus mit Garten, zwei Kaninchen, ein Auto, vier Fahrräder, ein Radanhänger und vier Mülltonnen vor der Tür, um Bioabfälle, Plastik, Papier und den Rest ordentlich zu trennen. Wir dachten, wir gehörten damit zu den Guten, jedenfalls halbwegs – bis zu dem Tag, an dem unsere Tochter einen Klimarechner ausfüllte. Denn der demonstrierte uns eindeutig, dass durch unsere Art zu leben zu viel CO2 frei wird. Viel zu viel, um ehrlich zu sein. 

Also haben wir geschaut, was geht: Wie viel CO2 können wir sparen, und das, ohne aus unserem Leben auszusteigen? Das wiederum erzählten wir unseren Freunden, Bekannten und Kollegen. Und stießen damit auf die wunderbare Welt des grünen Selbstbetruges.

"Wie ist deine Klimabilanz?"

"Meine was … ?"

"Na, weißt du, für wie viel CO2 du im Jahr verantwortlich bist, durch deine Art zu Leben?"

"Nö … Nicht so genau … Wahrscheinlich für zu viel … Schon wegen der Fliegerei."

Niemand leugnet heute noch den Klimawandel, jedenfalls nicht in unserem aufgeklärten Bekanntenkreis. Niemand stellt infrage, dass der Norden, also wir, etwas ändern muss – damit die globale Temperatur nicht weiter steigt, mit unkontrollierbaren Folgen. Und jeder findet, dass die Politiker das Problem viel schneller und beherzter angehen sollten. Nur wenn es dann ans eigene Verhalten geht, dann wird die Sache plötzlich heikel.

"Jetzt fangt ihr auch noch mit der Schlechtes-Gewissen-Ökonummer an! Zählt meine Flüge, wollt die kleinen Leute gängeln und vergesst die großen Umweltsünder?" An einem Abend beim Wein reagiert ein guter Freund so, als wir ihn nach seiner Klimabilanz fragen und dann von unserem Selbstversuch erzählen. Seine Reaktion wird noch heftiger: Das Paradies auf Erden kriege man sowieso nicht. Schon gar nicht durch das ganze grüne Getue, den fair gehandelten Ökoscheiß und das selbstgerechte Weltrettungsgehabe. Dann sagt er noch: "Sündigt lieber fröhlich und mit Genuss. Und kämpft gegen die wirklich Bösen." Und hebt sein Glas.

Ähnliche Reaktionen bekommen wir in den Wochen darauf in Varianten. Mal mit einem verbindlichen Seufzer, mal genervt wird uns vorgeworfen, zu Spaßbremsen zu mutieren. Zu Leuten, mit denen man nicht mehr über spontane Flüge nach Lissabon (ein Schnäppchen mit den Billigfliegern) reden kann oder über schicke Klamotten, von Fernreisen ganz zu schweigen. Die ein wunderbar duftendes argentinisches Rindersteak vorgesetzt bekommen und dann über dessen Ökobilanz dozieren, statt einfach zu genießen. Kurz: zu Nervensägen, oder wie die Kinder sagen würden: nicht cool.

Wir hätten den Freundeskreis ändern oder uns nur noch mit denen treffen können, die nachdenklich reagierten. Denn die gab es ja auch: die vielen Bekannten, die zugeben, dass auch sie oft genug hilflos und mit einem latent schlechten Gewissen vor den Regalen der Supermärkte stehen und zwischen Bio- und Regional- und Fairtradeprodukten hin und her schwenken. Die mit dem Auto zum Einkaufen fahren, dann aber quasi als Entlastung zur Biotomate greifen. Denen die Fliegerei ein blödes Gefühl macht, sie dann aber doch manchmal zuschlagen. Wenn es für 25 Euro nach Athen geht, dann eben Scheiß auf das schlechte Gewissen.

Wir wollten es irgendwann einfach wissen: Warum ist für viele andere das Reden über Klimaschutz im Privaten so unangenehm wie Fußgeruch? Schließlich sind das sonst ganz normale, ganz nette Menschen.

Kognitive Dissonanz

Auf der Suche nach einer Erklärung sortierten wir die Reaktionen. Und kamen grob auf drei Varianten.

1. Die "Gänseblümchen". Das sind die Leute, die es einfach nicht so genau wissen wollen und sich damit ganz gut eingerichtet haben. Die bei Partys entweder leise davon schleichen, wenn es politisch wird. Das Gespräch sanft in eine andere Richtung lenken. Oder sogar brutal dazwischengrätschen und über Fußball, Klamotten oder Kinder reden. Frei nach dem Motto: Was ich nicht weiß, muss mich auch nicht kümmern. Solange ich also im Zustand der selbst verschuldeten Unwissenheit verharre, bin ich auch nicht verantwortlich für die Klimakatastrophe. Lassen wir einfach alles so, wie es schon immer war. War doch schön.

2. Die verbalradikalen "Antikapitalisten". Besonders beliebt unter linken Freunden ist diese Variante des Verdrängens. Deren Grundüberzeugung lautet: Uns will man immer gängeln, aber "die da oben" dürfen alles. Uns, den einfachen Bürgern, werden von den Politikern die Glühbirnen verboten, aber die Kohlekraftwerke dürfen weiterlaufen. Also soll "die Politik" doch erst einmal die da oben zur Kasse bitten. Die Energiekonzerne. Die Autoindustrie. Die großen Agrarfabriken. Der Antikapitalist nutzt also die Ungerechtigkeit der Welt, um sich selbst zu exkulpieren, frei nach dem Motto: Im Vergleich mit den großen Verschmutzern bin ich doch nur ein kleiner Fisch. Mit dieser Haltung buchen einige Freunde mehrmals im Jahr Flüge, darunter gern eine Fernreise nach Vietnam oder in die Südsee. Und können dann, gemein gesagt, dort mit reinem Gewissen und antikapitalistischer Haltung den ersten Inseln beim Untergehen zugucken.

3. Die "Technofixer" glauben daran, dass sich die meisten Ökoprobleme durch den Fortschritt lösen lassen. Ein klassischer Repräsentant wäre Christian Lindner, aber auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Als der sein Amt zum ersten Mal antrat, wagte er in einem Interview mit der Bild-Zeitung den Satz: "Es muss auch mal weniger Autos geben dürfen." Dem Satz folgte ein Sturm der Entrüstung und daraufhin das Schweigen des Politikers. Heute sagt er solche Sätze nicht mehr. In einem späteren Interview mit der Süddeutschen Zeitung behauptet er sogar das Gegenteil: "Verzicht hat noch nie funktioniert."

Diese Behauptung ist nicht nur ahistorisch, sondern widerspricht auch einem Prinzip, das viele Religionen vereint. Denn diese verkünden: Nicht das Schlaraffenland, die immer ausschweifendere Völlerei sorgt für zufriedene Menschen. Sondern Mäßigung und, ja, Verzicht.

Doch das passt nicht zum Kapitalismus, nicht zum grünen Realpolitiker und auch nicht zum linken Kapitalismuskritiker. Denn alle eint der Glauben: Durch den richtigen Konsum, die richtige Technologie, viel Innovation und die richtigen Angebote wachsen wir aus der Ökokrise. So, als ob sich Menschen nicht ändern können und Gesellschaften auch nicht.

Und nun? Hilfe finden wir schließlich beim norwegischen Psychologen Per Espen Stoknes, der seit vielen Jahren darüber forscht, warum die Menschen zwar immer mehr über den Klimawandel wissen, es ihnen aber zugleich so schwerfällt, das Problem ernst zu nehmen und entsprechend zu handeln. Seine Ergebnisse sind angenehm frei von moralischen Appellen. Ein Schlüsselbegriff für Stoknes ist der der Kognitiven Dissonanz. So nennen es die Experten, wenn Verhalten und Wissen nicht zueinanderpassen. Besonders gut kann man den Mechanismus und die Folgen bei Rauchern beobachten.

Schuldzuweisungen helfen nicht

Die meisten Raucher wissen genau, dass Zigarettenkonsum ihrer Gesundheit schadet. Sie rauchen trotzdem. Eigentlich ist das unlogisch: Welcher halbwegs rationale Mensch wird sich schon wissentlich selbst vergiften? Erleichtert wird das bizarre Verhalten (mal abgesehen von der Sucht) durch ein paar psychologische Tricks. 1. Kleinreden des Zigarettenkonsums: So viel rauche ich doch gar nicht! 2. Relativieren der wissenschaftlichen Erkenntnisse: So sicher ist der Zusammenhang zwischen Rauchen und meiner Gesundheit doch gar nicht! 3. Entlastung, also der Versuch, die Schädlichkeit des Rauchens durch anderes, gesundes Verhalten wettzumachen: Ich jogge ja regelmäßig, also bin ich ja doch gesundheitsbewusst. 4. Leugnen: Es gibt doch gar keinen Zusammenhang zwischen Rauchen und der Gesundheit.

Genauso geht es vielen Leuten mit dem Klima: 1. Kleinreden des eigenen Verhaltens: So schlimm ist unser ökologischer Fußabdruck doch gar nicht. Die Amis, die Saudis oder die Russen sind viel schlimmer. 2. Relativieren der wissenschaftlichen Erkenntnis: Die Wissenschaftler dramatisieren die Lage. Es gab doch immer wieder Hitzeperioden in der Geschichte der Erde. 3. Entlastung: Ich beziehe doch schon Ökostrom und kaufe Biogurken. Also kann ich mal nach Thailand fliegen. 4. Leugnen: Klimawandel ist nur eine Erfindung.

Wir kennen alle diese Verhaltensweisen zu gut, wir nutzen ein paar davon ja selbst oft genug oder haben sie genutzt. Und fühlen oder fühlten uns dann schlecht und schuldig. Und dann wieder grandios und besser als alle anderen, wenn wir doch wegen des Klimas auf einen Flug verzichtet haben. Wahrscheinlich sind wir dann auch wie Besserwisser aufgetreten.

Per Espen Stoknes kennt diese Wechselbäder der Gefühle. Er empfiehlt deswegen, einfach aus dem emotionalen Spiel um Schuld, Moral und Anschuldigung auszusteigen. Sich selbst moralisch zu überhöhen oder zu kasteien würde ebenso wenig weiterführen, wie anderen die Schuld zuzuweisen. Bei der ersten Variante sei die Gefahr groß, dass man selbst irgendwann frustriert aufgebe. Bei der zweiten würden die anderen einfach dichtmachen. Menschen wollten sich nicht an ihr eigenes Versagen erinnern lassen. Dann blockierten sie. Typisch seien folgende Reaktionen: "Ich will nicht von so einem scheinheiligen Besserwisser beschämt werden. Ich will meine Reisefreiheit nicht verlieren. Der ganze grüne Kram ist zu teuer. Den kann ich mir nicht leisten ..." Genau das hatten wir ja wieder und wieder gehört. Stoknes empfiehlt, in Geschichten zu denken. Über das Klimathema in anderen Tönen zu reden. Und genau das versuchen wir dann.

Ein paar Tage später, bei einem Abendessen, erzählen wir Freunden nun von den Schwierigkeiten unseres Klimaprojektes, berichten nicht über Fakten, sondern über die Mühen – den täglichen Streit mit den Kindern ums Lichtlöschen und das doofe Gefühl, wenn wir doch wieder Auto fahren. Wie unangenehm es ist, wenn man plötzlich als öder Öko dasteht. Wie ertappt man sich fühlt, wenn andere von dem Projekt wissen, man dann in der Kantine trotzdem mal ein Schnitzel isst und sofort ein blöder Spruch folgt.

Der Abend wird lang. Und er wird nett. Und am nächsten Tag bekommen wir folgende Mail: "Liebe Freunde, das Gespräch über euer ökologisches Jahr hat uns sehr inspiriert, auch wenn wir uns nicht sicher sind, ob wir dabei unsere zarte und junge Ehe mit so einem Versuch so sehr aufs Spiel setzen würden, dass wir froh sind, es nicht zu probieren." Dann aber beschreibt die Freundin, wie sie ihre Kinder früher gezwungen hat, Musikinstrumente per Fahrradanhänger durch Bamberg zu transportieren – statt sie wie all die anderen Mütter mit dem Auto durch die Gegend zu fahren. Wie doof sie sich damals gefühlt hat und gleichzeitig doch stolz. Und dass sie so was jetzt wieder machen wird. Öfter. Um hin und wieder mal zu den Guten zu gehören.