Eines der zentralen Probleme im Kampf gegen die Armut in den südlichen Ländern Afrikas ist die hohe HIV-Infektionsrate der arbeitsfähigen Erwachsenen. Sie liegt seit Jahren bei rund 20 Prozent. Infolgedessen fehlen in Sambia nach einem jüngst erhobenen Zensus allein in der Altersgruppe der 25- bis 35-Jährigen etwa 200 000 Menschen, die an Aids gestorben sind. Das ist etwa ein Sechstel dieser wirtschaftlich besonders leistungsstarken Gruppe. Zurück bleiben Kinder und ältere Menschen ohne jede soziale Absicherung. Diese Menschen, die noch nicht oder nicht mehr arbeitsfähig sind, werden von dem bisherigen Grundansatz der Entwicklungshilfe, der Förderung der Hilfe zur Selbsthilfe, nicht erreicht. Klassische Angebote der Entwicklungszusammenarbeit wie „Essen-für-Arbeit“, landwirtschaftliche Beratung, Kleinstgewerbeförderung, Mikrokredite etc. können von diesen Haushalten nicht wahrgenommen werden, weil es schlicht an der Arbeitskraft fehlt. Dies betrifft in Sambia etwa ein Zehntel der Haushalte des Landes, d.h. rund 200 000 Familien bzw. eine Million Menschen.

Die GTZ hat daher in Kooperation mit dem sambischen Sozialministerium im letzten Jahr ein Projekt gestartet, das selbsthilfeunfähigen Haushalten eine soziale Grundsicherung gewährleisten soll. Dafür nutzt die GTZ bestehende Strukturen auf der Dorfebene, beispielsweise Gesundheitskomitees, Elterngruppen, Nichtregierungsorganisationen, Kirchen, traditionelle Autoritäten, um „maßgeschneiderte“ Unterstützungsangebote für diese extrem armen Gruppen zu entwickeln und umzusetzen. An erster Stelle steht ein regelmäßiges Grundeinkommen, welches zunächst einmal das Überleben sichert und den Kindern einen Schulbesuch ermöglicht. Im Gegensatz zur bisherigen Nothilfe, die nur sporadisch Nahrungsmittel bereitstellt, soll diesen Familien regelmäßig und verlässlich ein kleiner Geldbetrag zufließen, der sie in die Lage versetzt, für sich selbst sorgen zu können. Studien haben ergeben, dass das Verteilen von kleinen Geldbeträgen wirksamer und ökonomischer ist als das Verteilen von Nahrungsmitteln und Gutscheinen. Zudem greift es weniger stark in den empfindlichen Wirtschaftskreislauf ein. Eine FAO-Untersuchung in Sambia hat gezeigt, dass die ärmsten 12 Prozent der Haushalte auch in guten Zeiten täglich nur eine Mahlzeit essen können – das vom Sozialministerium mit GTZ-Unterstützung entwickelte Grundsicherungsmodell soll ihnen eine zweite tägliche Mahlzeit ermöglichen. Ein Betrag von fünf bis sechs Euro monatlich würde dafür ausreichen – entscheidend ist, das die Betroffenen damit fest rechnen können und so vom täglichen Kampf ums Überleben entlastet werden.

Die Entscheidung, wem dieser Betrag zusteht, wer in diesem Sinne am bedürftigsten ist, ist natürlich eine heikle Frage – denn arm sind fast alle Menschen in den Sambischen Dörfern oder den „Compounds“, den städtischen Wohngebieten. Das GTZ-Vorhaben überlässt diese Entscheidung den Dorfgemeinschaften und gibt lediglich eine zahlenmäßige Obergrenze vor – wer genau die zehn bedürftigsten Familien sind (von hundert Haushalten des Dorfes) wird von der „Community“ entschieden. Dabei ist völlige Transparenz entscheidend, sollen Neid, Verdächtigungen und Konflikte vermieden werden.

Darüber hinaus soll dieses auf Entscheidungen der „Community“ basierende soziale Grundsicherungsmodell dazu beitragen, andere Formen der Unterstützung für die Ärmsten der Armen zu mobilisieren: Gegenseitige Hilfe bei der Bestellung von Feldern, bei Krankheit und in Notfällen (Hüttenbrände sind ein verbreitetes Problem) wird bestärkt. Die ohnehin arme Gemeinschaft der erweiterten Familie und des Dorfes wird so wirtschaftlich entlastet. Das Grundsicherungsmodell für die extrem Armen ersetzt nicht die bestehenden traditionellen Sicherungsformen sondern trägt zu deren Stärkung bei, indem sie diese vor wirtschaftlicher Überlastung schützt. „Moderne“ und „traditionelle“ Formen der Grundsicherung ergänzen sich.

Neben einigen noch zu lösenden technischen Problemen (Geldtransfer, Monitoring, usw.) steht das zentrale Problem der dauerhaften Finanzierung solcher Systeme. Das erwähnte GTZ-Vorhaben kann nur modellhaft Lösungen entwickeln und erproben. Es wird derzeit in einem Distrikt im Süden des Landes (dort leben etwa 12.000 Haushalte) erprobt. Eine Übertragung auf ganz Sambia (also auf die oben erwähnten extrem armen 200.000 Haushalte) würde etwa 16 Millionen Euro kosten: Das ist ein vergleichsweise kleiner Betrag mit einem großen Effekt – trotzdem ist nicht damit zu rechnen, dass er regelmäßig und nachhaltig aus dem sambischen Staatshaushalt aufgebracht werden kann.

In der Gebergemeinschaft wächst langsam die Erkenntnis, dass solche verlässlichen, langfristigen Finanzierungen möglicherweise einen größeren entwicklungspolitischen Effekt haben könnten als zeitlich begrenzte Projekte und Nothilfeaktivitäten. Selbst die Weltbank hat im Rahmen ihres Konzeptes der Sozialen Sicherheit angefangen, über Formen der sozialen Grundsicherung, beispielsweise beitragsunabhängige Alterssicherungssysteme, nachzudenken. Der „Global Fund for Aids, Malaria und Tuberkulose“ ist bereit, Mittel für soziale Grundsicherung bereitzustellen, die Internationale Arbeitsorganisation ILO und auch einige bilaterale Geber wie z.B. Großbritannien erproben ähnliche Ansätze. Indem das GTZ-Vorhaben exemplarisch zeigt, dass soziale Grundsicherung auch in bäuerlichen, extrem armen Gesellschaften notwendig und sinnvoll ist und indem es technisch machbare, partizipative Formen der Umsetzung erprobt, trägt es zur Weiterentwicklung internationaler entwicklungspolischer Ansätze bei.