Den ersten Tag des GTZ-Sommerseminars durchzog eine der magischen Abkürzungen der Entwicklungspolitik: MDG, die "Millenium Development Goals". Deutschland hat Anfang dieses Jahrtausends die internationale Vereinbarung unterzeichnet und im Jahr 2001 das Aktionsprogramm 2015 verabschiedet. Das darin formulierte Ziel, den Anteil der extrem Armen in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren und universale Grundschulbildung für Kinder bis zum 14. Lebensjahr zu erreichen, „kann nur erreicht werden, wenn Armutsminderung als internationale Gemeinschaftsaufgabe begriffen wird“, heißt es. Genau bei diesem Punkt gibt es Entwicklungen, die dieses Ziel nicht ausreichend ins Visier nehmen. In der Diskussion um Armutsreduktion gilt derzeit die Devise, dass Investitionen insbesondere in Gesundheit und Bildung letztlich die Wirtschaft beflügeln. Die Weltbank hat einen Aktionsplan „Bildung für alle“ entwickelt, in der sie einen internationalen Koordinationsmechanismus für die betreffenden Länder vorschlägt. Ein zentraler Punkt darin ist die Einbindung der Bildungsplanung in den „PRSP“-Prozeß. PRSP (Poverty Reduction Strategy Papers) sind Armutsbekämpfungsstrategien, die jedes arme Land individuell für sich erarbeiten soll. In seinem Seminar-Vortrag wies der langjährige Weltbankmitarbeiter Bernd Liese allerdings darauf hin, dass die Weltbankmittel zur Förderung von Gesundheit und Bildung in den letzten Jahren rückläufig sind. Können so Initiativen der armen Länder zur Erreichung der Millenniumsziele mit den nötigen Finanzmitteln unterstützt werden? Die Weltbank scheint ihre tägliche Politik noch nicht konsequent genug an den MDGs ausgerichtet zu haben. Wo stehen wir heute aus Sicht der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit in der Umsetzung der Millenniums-Ziele? Dr.Wolfgang Bichmann von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) konnte durchaus Positives berichten: In der weltweiten Reduktion der Armut etwa ist das angestrebte Zwischenziel erreicht. Auch Infrastrukturziele wie die Versorgung mit sauberem Wasser sind derzeit überdurchschnittlich gut im Rennen. Problemfelder sind nach wie vor die Kindersterblichkeit, Müttergesundheit und Grundschulbildung. All diese Bereiche erfüllen derzeit die anvisierten Zwischenziele noch nicht. Ganz zu Schweigen von der HIV/AIDS-Problematik: Bei der Erreichung dieses Ziels mussten in den letzten Jahren empfindliche Rückschläge verbucht werden, die Krankheit breitete sich weiter aus. Übertrüge man diese Entwicklung auf ein fiktives armes Land, so bedeutete dies, dass viele Arme zwar mehr Geld in den Taschen hätten, es aber beispielsweise nicht für Gesundheitsdienste ausgeben könnten, weil diese nicht existieren oder nur in zu großer Entfernung. Zwar könnten sie sauberes Wasser aus einem Brunnen trinken, aber die Schulbildung wäre nach wie vor unzureichend. Besonders betroffen von diesen Zuständen wären nach wie vor Frauen und Kinder. Die durch die Entschuldung freiwerdenden Gelder sollten nun in die Gesundheits- und Sozialdienste gesteckt werden. Sie müssen für die Menschen in den Entwicklungsländern erschwinglich werden, es müssen soziale Sicherungssysteme eingerichtet werden, es muss weiterhin hart an neuen Bildungsprogrammen gearbeitet werden. Vergleicht man die finanziellen Beiträge zum Gesundheitssystem, die aus der eigenen Tasche bezahlt werden müssen, so zeigt sich, dass man in Deutschland prozentual nur einen Bruchteil dessen zu zahlen hat, was etwa Asiaten oder Osteuropäer aufzubringen haben. Für sie bedeutet Krankheit noch immer ein existentielles Risiko. Besonderes Augenmerk bei der Erreichung der Millenniumsziele muss Bichmann zufolge den osteuropäischen Staaten gelten. Denn nach einer Studie der KfW sinkt der Anteil der Armen in vielen Ländern, aber in Osteuropa steigt sie dramatisch an. Der Gesamteindruck aus dem ersten Tag ist, dass die internationale Entwicklungszusammenarbeit noch nicht mit aller Konsequenz auf die Millenniumsziele ausgerichtet ist. Auch gibt es keine Stelle, die die nationalen PRSPs und Entwicklungspläne daraufhin untersucht und die Umsetzung einfordert. Mit den Millenniumszielen haben sich die Politiker ein hohes Ziel gesetzt, eine klare Vision geschaffen. Diese Vision kann nur dann Realität werden, wenn deutlich mehr Hebel dazu in Bewegung gesetzt werden.