Der abschließende Seminartag stand unter dem Leitthema „Konkrete Erfahrungen in den weltweiten Projekten“. Die Armen in den Entwicklungsländern leiden nicht nur unter materieller Not und Mangelernährung, sie haben bekanntlich auch wenig Zugang zu Bildung und Information. Andererseits haben auch die GTZ-Projektmitarbeiter kaum Einblicke in traditionelles Lokalwissen und in die kulturellen Grundhaltungen der Menschen, mit denen sie arbeiten. Das gilt gleichermaßen für ausländische wie inländische Mitarbeiter. Die Lebenswelt der städtischen Eliten in den Partnerländern unterscheidet sich erheblich von derjenigen der armen Menschen auf dem Land. Mary White-Kaba arbeitet seit 1994 als GTZ-Mitarbeiterin im westafrikanischen Land Niger, ist von Hause aus Soziologin und Linguistin und beherrscht neben der Amtssprache Französich auch die Sprachen Zarma und Hausa. „Die Sprache ist wie die Landkarte eines Landes: Alle Konzepte, alle Denkweisen spiegeln sich in der Sprache wieder und liefern somit kulturelle Orientierung“, sagt White-Kaba. Lange Zeit untersuchte sie Interaktionen zwischen Personal und Zielgruppe und identifizierte Begriffe der Landessprachen Zarma und Haussa, die für bestimmte Sachverhalte in der Verhütung verwendet werden. Dabei kam überraschendes zutage: Völlig anders als erwartet galt es in der Dorfgesellschaft als beschämend, Kinder in zu geringen Abständen zu bekommen. Es existieren sogar Worte dafür: „nasuyan“ in Zarma, „rurutsa“ in Hausa. „Mittlerweile kann ich dafür garantieren, dass es in fast jeder afrikanischen Sprache ein Wort für diese Abstände zwischen den Schwangerschaften gibt“, so die Linguistin. Es gilt als beschämend in Niger, innerhalb von zwei Jahren nach der Geburt wieder schwanger zu werden. Um diese Zeit zu überbrücken, verbrachten früher die jungen Mütter die gesamte Stillzeit bei ihren Eltern, räumlich getrennt vom Ehemann. Auch heute noch sind bei traditionellen Heilern im Dorf spezielle Ledergürtel zur Schwangerschaftsverhütung zu bekommen. „Aber sie funktionieren heute nicht mehr so gut wie früher“, finden, laut White-Kaba, viele nigerische Frauen. Die Projektmitarbeiter stießen mit ihren modernen Verhütungsmethoden auf völliges Unverständnis. Die Mittel wurden als etwas völlig neues präsentiert, ohne Bezug zu den traditionellen Methoden, und wurden somit von den Dorfbewohnern abgelehnt. Nach dieser Erkenntnis startete man ein integriertes Angebot zur Familienplanung: Das Personal in den Gesundheitszentren bekam die Anweisung, junge Mütter zu fragen, ob sie sich bis zur nächsten Schwangerschaft eine Weile ausruhen wollten. Was dazu führte, dass heute jede zweite Frau Bedarf an Familienplanung anmeldet. Wunder erwartet niemand von den Workshops. Kommunikation kann nur durch einen längeren Prozeß der Bewußtwerdung verbessert werden. Genau diese Investition macht das Material so wertvoll, aus dem die Schlüssel für erfolgreiche Projekte gemacht sind.