In den ärmsten Ländern der Welt sterben täglich mehr als 8000 Kinder an Infektionskrankheiten wie Masern, Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus. Nach der kürzlich veröffentlichten internationalen Bellagio-Studie (Rockefeller Foundation) geht allein die Hälfte der Todesfälle zurück auf die bevölkerungsreichen Länder Äthiopien, China, Indien, Kongo, Nigeria und Pakistan. In vielen anderen Entwicklungsländern ist die Lage, gemessen an der Gesamtbevölkerung, noch weitaus dramatischer. Dabei können viele Kindstode mit relativ einfachen Mitteln verhindert werden. Die meisten der unter Fünfjährigen sterben an klassischen Infektionskrankheiten, gegen die es gängige und ausreichende Impfstoffe gibt. Sechs von zehn Millionen der jährlichen Todesfälle wären so vermeidbar. Dabei gilt es vor allem dafür zu sorgen, dass Impfstoffe dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden. Neben der Bereitstellung der Impfstoffe an sich muss deshalb der Aufbau von geeigneten Infrastrukturen in den Gesundheitssystemen in der betroffenen Länder eine vordringliche Aufgabe der Entwicklungshilfe sein. Zu diesem Zweck startete 1999 unter Federführung der UNO eine weltweite Partnerschaft zwischen Einrichtungen der Vereinten Nationen (Weltbank, WHO, Unicef), Regierungen verschiedener Industrieländer, privaten Stiftungen und pharmazeutischen Unternehmen. Dieses "Global Alliance for Vaccines and Immunization" (GAVI) genannte Netzwerk konnte über seine Fundraising-Organisation "The Vaccine Fund" als 1,2 Milliarden US-$ zusammentragen. Aktuell werden mit diesem Geld in 68 Entwicklungsländern Impfprogramme umgesetzt. Der Betrag reicht jedoch bei weitem nicht aus, um das auf zehn Jahre angelegte Programm von GAVI erfolgreich zu Ende zu führen. Insgesamt werden 7 Mrd. US-$ benötigt. Länder wie Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Irland, Kanada, Niederlande, Norwegen, Schweden und die USA unterstützen GAVI bereits. Es ist wichtig, dass weitere Staaten und Staatengemeinschaften – neben Deutschland auch die Europäische Union – der Allianz beitreten, da anders das Ziel der U.N.-Millenniums-Erklärung aus dem Jahre 2000 nicht erreicht werden kann, die Kindersterblichkeit bis 2015 um zwei Drittel zu senken. Während laut dem "Human Development Report" der UN die Pro-Kopf-Aufwendungen für die Gesundheitsversorgung in den Industrienationen mit hohem Einkommen bei rund 1350 Dollar liegen, können die am wenigsten entwickelten Länder jährlich durchschnittlich nur sechs Dollar pro Kopf investieren. Das absolute Minimum für die medizinische Grundversorgung sollte nach Schätzungen der WHO nicht weniger als 35-40 Dollar betragen. Die Entwicklungsländer sind bei der Verbesserung ihrer nationalen Gesundheitssysteme weiterhin dringend auf Hilfe von Außen angewiesen. Die Schaffung des "Globalen Fonds gegen AIDS, Tuberkulose und Malaria" (GFATM) ist ein vorbildlicher Solidarpakt der internationalen Staatengemeinschaft, er stellt einen Quantensprung in der globalen Entwicklungshilfe dar. Eine zu starke Beschränkung der gesundheitlichen Bemühungen auf diese Krankheiten ist aber eine zu einseitige Sichtweise des Problems. Den durch Impfung vermeidbaren Infektionskrankheiten muss die gleiche politische Aufmerksamkeit zuteil werden. Deshalb sollte mittelfristig über eine Ausweitung des AIDS-Fonds auf die Bekämpfung anderer Krankheiten oder alternativ gleich über die Schaffung eines globalen Impffonds nachgedacht werden. Von wachsender Bedeutung in der der Entwicklungshilfe sind heute die Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft, die "Public Private Partnerships". Diese Modelle sollen den öffentlichen und privaten Bereich mit förderungsbedürftigen Ländern zusammenführen. Die Entwicklung auf diesem Gebiet ist ermutigend, denn sie zeigt, dass Hilfe für die ärmsten Länder der Welt nicht länger als Geber-Nehmer-Verhältnis definiert wird, sondern als internationale Kooperation unter Einbindung aller Teile der globalen Gemeinschaft. Um aber Impfschutz- und andere Entwicklungsprogramme, die regelmäßig großen Teilen der Bevölkerung zu gute kommen sollen, realisieren zu können (beispielsweise im Rahmen der PPP-Programme des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), müsste über eine Ausweitung des gegenwärtigen PPP-Programms auf große länder- oder branchenübergreifende Projekte und über eine Anhebung der gegenwärtigen Förderhöchstbeträge nachgedacht werden. Die vom renommierten US-Ökonomen Jeffrey Sachs im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation angefertigte Studie „Macroeconomics and Health“ hat gezeigt, dass Gesundheit eine zentrale Voraussetzung für ökonomische Entwicklung ist. Gesundheit und das Überleben der Kinder ist Voraussetzung für Wohlstand in Entwicklungsländern, nicht eine Folge davon. Demgegenüber führt Krankheit zu Armut und Armut zu Krankheit. Ein Teufelskreis, den die Entwicklungsländer aus eigener Kraft nicht durchbrechen können. Nur das Überleben der nachkommenden Generationen wird es den ärmsten Ländern ermöglichen, den Weg aus der Armut und in eine erfolgversprechendere Zukunft zu finden. Joris Vandeputte ist Vizepräsident "Government Affairs Europe, The Vaccine Fund"