Der Schock, dass Großbritannien den Austritt aus der EU gewählt hat, hat zu schweren Verlusten an den asiatischen Börsen geführt. Als sich während der Nacht abzeichnete, dass die Gewinne des Brexit-Lagers deutlich höher ausfielen, als von den Buchmachern und Umfrageergebnissen prognostiziert, reagierten die Finanzmärkte mit großen Verlusten. Am frühen Morgen dann wurde der Brexit definitv. Der Wechselkurs des Pfund brach in kurzer Zeit von 1,50 auf weniger als 1,33 Dollar ein, die größte Abwertung die das Pfund Sterling je verkraften musste. Das Minus lag bei mehr als elf Prozent. Selbst an dem gefürchteten Black Wednesday, als das Pfund 1992 das EWS verlassen musste, hatte die Abwertung nur 4,1 Prozent betragen.

Der Grund: Der Brexit wird gravierende negativen Folgen für die britische Wirtschaft haben. Es ist unsicher, wie Großbritannien sein hohes Leistungsbilanzdefizit von sieben Prozent der Wirtschaftskraft finanzieren will, darauf stellen die Finanzmärkte ab. "Wir erwarten, dass der Wechselkurs des Pfund im Laufe des Jahres auf 1,25 und bis Ende des Jahres auf 1,20 zum Dollar fallen könnte", prognostizierte die britisch-asiatische Bank HSBC am frühen Morgen. Ratingagenturen haben bereits angedeutet, dass Großbritanniens seine Bestbewertung verlieren könnte. Da die Entwicklung des Brexit negativ für die gesamte EU ist, gab auch der Wechselkurs des Euro nach. Er wird nach Einschätzung von HSBC zügig auf 1,08 Dollar zum Euro fallen.

In Europa wird mit dem Eingriff der Notenbanken an den Märkten gerechnet. "Wir gehen davon aus, dass die Anleihemärkte jetzt einbrechen werden, dass Großbritannien in eine Rezession gleitet und die Bank von England die Zinsen senken wird", hieß es bei der Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle in den frühen Morgenstunden.

Gleichzeitig wird damit gerechnet, dass auch der Deutsche Aktienindex DAX am morgen mit drastischen Kursverlusten starten wird. Der Broker IG taxierte den DAX zur Eröffnung um 700 Punkte schwächer als zum Handelsschluss am Donnerstag von 10.257 Punkten. Das wäre ein Minus von 6,75 Prozent. Die Flucht in sichere Anlagen ließ der Goldpreis am Morgen auf 1.335,10 Dollar die Feinunze klettern, ein Plus von 5,7 Prozent. In Euro gerechnet schnellte der Preis um 9,39 Prozent auf  1207,43 Euro je Feinunze.

Von den Notenbanken wird am Morgen ein Statement erwartet. Sie hatten die Banken schon vor der Abstimmung mit zusätzlicher Liquidität versorgt. Schwere Schocks an den Finanzmärkten führen zu einem extrem hohen Liquiditätsbedarf der Banken und ihrer Kunden.

In den Handelsräumen der globalen Finanzmärkte war zwar mit dramatischen Kursausschlägen gerechnet worden. Aber der Schock der erheblichen Gewinne der Brexit-Befürworter überraschte die Märkte, da noch bis in die Abendstunden hinein ein Sieg der Remain Campaign in Reichweite gestanden hatte. In der Londoner City arbeiteten Tausende von Händlern die Nacht durch und bereiteten sich die Bank von England und die EZB auf Notoperationen an den Märkten vor. Der Preis für Gold schnellte in die Höhe, ebenso der Yen. "Die Märkte werden jetzt kurzfristig überreagieren, da sie zuletzt auf einen Sieg von Remain gesetzt hatten. Aber es wird nicht zu einer Katastrophe kommen, da sowohl die Banken wie auch die Notenbanken seit mehr als sechs Monaten auf diesen Fall vorbereitet waren", hieß es bei Berenberg in den frühen Morgenstunden.

Börsen in Asien starteten mit schweren Verlusten. Der japanische Nikkei 225 verlor drei Prozent, der japanische Topix 3,2 Prozent und der Hang Seng Index 3,4 Prozent. Bankaktien erlebten schwere Verluste, der Kurs der britisch-asiatischen Bank HSBC fiel um 7,7 Prozent, der Kurs von Standard Chartered 9,9 Prozent. Es wird erwartet, dass die Börsen und vor allem Bankaktien im europäischen Handel mit schweren Verlusten eröffnen werden. "Jetzt wird ja wohl jedem klar sein, dass man seine Risiken an den Finanzmärkten absichern muss", hieß es bei der Fondsgesellschaft Hermes im Freitagmorgen.

Es wird damit gerechnet, dass der Brexit an den gesamten globalen Finanzmärkten zu großer Unsicherheit führen wird, nach dem Motto: Rein in die Sicherheit (Gold, gute Staatsanleihen, Dollar und Yen), raus aus dem Risiko (Europa, Pfund, Euro, aber auch Schwellenländer).

Nach dem Brexit-Ergebnis wird mit einer Regierungskrise in Großbritannien gerechnet, einem Regierungswechsel und extrem langwierigen und schwierigen Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU um die Austrittsmodalitäten. Die Unsicherheit, dass ein Brexit auch andere EU-Staaten vor die Zerreißprobe stellen könnte, würde die Finanzmärkte auf Monate schwer belasten.

In der Londoner City wurde bereits in den frühen Morgenstunden von Freitag um den künftigen Status des Finanzplatzes London gebangt. Hunderte von Banken, Fondsgesellschaften und Private-Equity-Gesellschaften sowie Versicherungen nutzen London als EU-Standort, um von dort mit dem sogenannten Passporting direkten Zugang zum einheitlichen Markt der EU zu erhalten und ihre Dienstleistungen und Produkte vertreiben zu können. Zahlreiche Banken haben bereits angekündigt, bei einem Brexit Tausende von Arbeitsplätzen in die EU verlegen zu müssen.