Spekulation per Computer Zu schnell für die Börsenaufsicht

Ein Jahr nach dem Lehman-Zusammenbruch drehen Spekulanten wieder ein großes Rad an der Wall Street. Cybercasinos jonglieren mit Milliarden. Kommt der nächste große Crash?

Die neuen Spekulanten kaufen und verkaufen an ihnen vorbei: Börsenhändler in New York

Die neuen Spekulanten kaufen und verkaufen an ihnen vorbei: Börsenhändler in New York

Was Derivate sind, wusste früher kaum jemand außer den Wall-Street-Insidern – bis sie die Welt in die tiefste Finanzkrise seit Jahrzehnten stürzten. Selbst Aufseher und Zentralbanker waren von den Billionensummen überrascht, die – fast völlig unreguliert – von einer Handvoll großer Institute um den Globus gejagt wurden. Von den Folgen der Implosion des Derivatemarkts hat sich die Weltwirtschaft noch nicht erholt, da baut sich schon die nächste bedrohliche Welle auf. Sie heißt High Frequency Trading, auch HFT genannt.

Der Name klingt harmlos. Hinter HFT verbirgt sich ein extrem schneller Aktienhandel: Dabei verkaufen Computer, gesteuert von Softwareprogrammen, bis zu 1000 Aktien innerhalb einer Sekunde. Die Maschinen sind auf Höchstgeschwindigkeit gertrimmt. Mit ihnen beherrschen die Computerhändler längst den Markt. Selbst Großanleger, die über Hunderte Milliarden verfügen, fühlen sich ihnen ausgeliefert wie Goldfische in einem Haifischbecken.

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Die Mitspieler in dem Cybercasino? Es sind die gleichen, die schon an der Derivatekatastrophe beteiligt waren. Kritiker warnen vor Manipulation, und vor der Gefahr eines Dominoeffekts, der die gesamten Finanzmärkte erfassen könnte.

HFT hat nichts mit konventioneller Geldanlage zu tun. Die Computerhändler brauchen keine Aktienanalysten, brüten nicht über Produktchancen und sezieren auch keine Unternehmensbilanzen. Stattdessen lassen sie ihre Rechner die Orderströme an den Märkten durchkämmen, auf der Suche nach kleinsten Kursbewegungen. Aus ihnen generieren sie dann durch blitzartig erteilte Aufträge Millionenerträge. 

So funktioniert das Spiel: Wenn institutionelle Anleger wie Investmentfonds oder Pensionskassen einen größeren Kaufauftrag planen, teilen sie ihn in der Regel in kleinere Pakete auf. Erteilten sie den Auftrag auf einen Schlag, würde die geballte Nachfrage den Kurs nach oben treiben – und dadurch würden sie mehr für ihre Aktien zahlen müssen. Um das zu vermeiden und ihre Absicht zu verschleiern, teilen die Fonds in der Regel die Order in kleinere Pakete und über eine gewisse Kursspanne.

Die HFT-Händler wiederum versuchen, mithilfe ihrer Programmen diese Pakete zu orten und die wahre Größenordnung des Auftrags herauszufinden. Unter anderem erreichen sie das, indem sie für kurze Zeit einen eigenen Verkaufsauftrag ausgeben, nur um ihn Sekunden später wieder zu löschen. In der Regel hat der Großanleger inzwischen schon angebissen, die Spekulanten wissen, das Interesse besteht. Das so erworbene Wissen um den bevorstehenden Auftrag nutzen sie aus: In Höchstgeschwindigkeit decken sie sich mit der Aktie ein, treiben so den Kurs in die Höhe und verkaufen zum höheren Kurs an den Investmenfonds oder die Pensionskasse zu verkaufen. Die Differenz ist ihr Gewinn. An der Wall Street werden sie auch scalper genannt. 

Die Börsen, unter Wettbewerbsdruck durch immer neue unabhängige Handelsplattformen, machen mit. Sie locken die HFT-Händler sogar an, mit einem kleinen Bonusaufschlag pro Auftrag. Die Prämien der HFTs addieren sich zu stattlichen Summen. Damit nicht genug, bieten die Börsen den Blitzkunden darüber hinaus an, ihre potenten Maschinen direkt bei den Computern der Börse zu platzieren. Das gibt den Zockern noch schnelleren Zugriff auf das Handelsgeschehen.

Zurück bleiben langsamere Konkurrenten, oft kleinere Brokerhäuser. Denn die smarten HFT-Programmierer und die Computer, die selbst die US-Weltraumbehörde NASA neidisch werden lassen, können sich nur Mitspieler mit viel Kapital leisten. Häufig sind das Hedgefonds oder die großen Wall-Street-Häuser, die entweder selbst mitmachen oder als Finanziers der HFT-Firmen auftreten.

Der Markt sei längst voll elektronisch, sagt Paul Zubulake, Analyst beim Beratungsunternehmen Aite Group. Und er sagt: "Es ist eine Zweiklassengesellschaft." Die HTF-Zocker zeigen kein Bedauern darüber: "Wir haben einen Rennwagen konstruiert, optimiert für extrem schnelles Fahren – ist das ein Vorteil im Markt? Klar. Ist das unfair? Nein", rechtfertigt sich Ben Townson von der BlackBox Group, einem New Yorker HFT-Händler, gegenüber der Finanznachrichtenagentur Bloomberg.

Ihre Razziamethoden würden jedoch auch Vorteile für andere Marktteilnehmer bringen, behaupten die HFT-Spieler. Ihr Hauptargument: Ihre Orderwellen bringen Liquidität in den Markt, je mehr Angebot und Nachfrage im Markt ist, desto größer sind die Chancen, dass die Order zum gewünschten Kurs erfüllt werden kann. Das wiederum sorge dafür, dass alle Investoren bessere Preise erzielen könnten.

Nicht alle teilen diese Ansicht: "Die Liquidität der HFT-Händler ist von niedriger Qualität", halten Sal Arnuk und Joseph Saluzzi in einem offenen Brief an die Branche dagegen. Die beiden betreiben Themis Trading, ein kleines Brokerhaus, das für Großanleger tätig ist. Die traditionellen Kursmakler etwa auf dem Parkett der New Yorker Börse hätten auch die Pflicht, bei fehlenden Gegengeboten selbst einzuspringen und ein Mindestgebot für einen Mindestzeitraum aufrechtzuerhalten. Eine solche Pflicht bestehe für die HFTs nicht. Sie könnten ihre Liquidität jederzeit abziehen, wenn sich anderswo bessere Gelegenheiten für sie auftun. Um Aktien von kleineren Unternehmen kümmern sie sich nicht, denn das Handelsvolumen in diesen Werten ist zu klein, um für ihre Blitzaktionen geeignet zu sein.

Die HFTs verschärften die Ausschläge an den Märkten und verzerrten so die Preise, klagen die Kritiker. Der Einsatz ist hoch: Mehr als acht Milliarden Dollar sollen die Banken damit allein in diesem Jahr kassieren, schätzt die Finanzberatung Tabb Group. Andere Experten halten das noch für viel zu niedrig angesetzt. Die Software hüten die Banken wie eine Alchemistenformel. Goldman Sachs schaltete jüngst das FBI ein, nachdem ein Ex-Mitarbeiter einen Teil der geheimen Codes heruntergeladen hatte.

Die institutionellen Anleger fühlen sich von den HFT-Jägern verfolgt und ausgenutzt. Um sich zu schützen, ziehen sie sich in den Untergrund zurück. In sogenannten Dark Pools werden Order völlig anonym abgewickelt. Weil niemand weiß, von wem die Aufträge in den Dark Pools stammen, kann keines der Computerprogramme der HFTs darauf anspringen. Die Dark Pools sind in vielen Fällen von großen Banken eingerichtet und betrieben. Zu den größten Dark Pools zählen etwa Sigma X, eine Plattform, die von Goldman Sachs betrieben wird, und CrossFinder, die zu Credit Suisse gehört.

An der Wall Street dreht sich alles um Information – wer sie wann bekommt und wer sie lange genug verbergen kann. Die Dark Pools sind nicht für jeden Anleger: Sie sind so abgeschirmt wie die exklusiven VIP-Lounges in populären Nachtclubs in New York. Die Akteure mit den tiefen Taschen bleiben auch da gerne unter sich. Im kommenden Jahr, schätzen Marktbeobachter, werden bereits 15 Prozent der börsennotierten Aktien in den USA hinter verschlossenen Türen gehandelt werden.

Immer mehr Aufträge wandern von den öffentlichen Börsen ab. Im Mai etwa fiel das Handelsvolumen an der New York Börse auf ein neues Tief: Nur noch 30 Prozent der Aktien der dort gelisteten Unternehmen wurde auch auf dem Parkett der Börse gehandelt. "Wir haben inzwischen zwei Märkte", klagte jüngst der US-Senator Edward Kaufman in einem Brief an die Börsenaufsicht SEC. "Ein Markt für die mächtigen Insider mit ihren Hochgeschwindigkeitscomputern und privilegiertem Zugang zu Informationen, die Lücken in den Regeln zu ihrem Vorteil nutzen. Und einen Markt für den normalen Anleger, der sich an die Vorschriften halten muss und dessen Aufträge nur so nebenbei ausgeführt werden."

Selbst an der Wall Street räumen Insider ein, dass die Gefahr der Manipulation besteht. Mangelnde Fairness und Transparenz bedrohen langfristig das Funktionieren der Kapitalmärkte. Doch die Risiken sind noch drängender. Die neue Welt aus Cybercasinos und Untergrundbörsen hat sich weitgehend unbeachtet von den Aufsichtsbehörden entwickelt. Die Annahme lautet, die Hauptakteure – Banken und Hedgefonds – würden schon aus Selbstschutz aufpassen und kontrollieren. Genau das war einst das Argument gegen eine Regulierung der Derivate.

Wer will die Finanzmärkte hier wirklich beschneiden? Das ist doch der einzige Bereich, in dem die USA noch vorne liegt!

Ein Veteran der Wall Street

Der Handel läuft – weitgehend automatisiert – 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Billionen schwappen unablässig rund um den Globus und quer durch die Märkte, angelegt in Aktien, Optionen, Anleihen, Devisen, Rohstoffe. Die HFT-Händler beschränken sich längst nicht mehr auf Unternehmensanteile. Was, wenn ein außer Kontrolle geratenes Softwareprogramm einen Verkaufstsunami auslöst? Was, wenn eine Schnellfeuerorder eine Kettenreaktion auslöst, die auf andere Märkte übergreift? Die SEC hat kürzlich angekündigt, HFT und Dark Pools einer Prüfung zu unterziehen. Ein Wall-Street-Veteran ist skeptisch. "Bei der SEC sind doch alles Anwälte, die haben weder die Kenntnisse noch die technologischen Mittel, um tatsächlich effektive Kontrollen einzuführen." Und außerdem, sagt er mit einem Schulterzucken: "Wer will die Finanzmärkte hier wirklich beschneiden? Das ist doch der einzige Bereich, in dem die USA noch vorne liegt!"

 
Leser-Kommentare
    • jojocw
    • 06.09.2009 um 8:26 Uhr

    Ja so ist es. Und die, die mit Geld umgehen können. Keine Ware, keine Dienstleistung, sondern nur noch Geld.

  1. Ich finde man könnte das relativ leichr regulieren indem man eine Mindest-Haltezeit für Aktien einführt: Hat man eine Aktie gekauft kann man sie erst nach zB 24h wieder verkaufen.
    Ich finde generell das Spielregeln für einen langsameren Aktienhandel zu größerer Stabilität und mehr Nachhaltigkeit beitragen würden. Wenn man eine Mindest-Haltezeit im Bereich von Jahren festlegt, kann man damit rechnen, dass langfristiger geplant wird ;) .
    Nachteil ist natürlich, dass dem Markt dadurch "Liquidität" entzogen würde. Die ist aber ohnehin nur bei einem so schnellen Markt in dem Ausmaß notwendig.

  2. Boersenumsatzsteuer einfuehren (trifft die Spieler) und die Boersen eine Art Vergnuegungssteuer zahlen lassen ("langsame" zahlen weniger, "schnelle" mehr). Das macht erst einmal den einheimischen Boersen zu schaffen, steckt aber an, da auch andere Staaten sich dem Reiz der zusaetzlichen Einnahmequellen nicht verschliessen koennen.

  3. Wieder ein neues Konzept.
    Je mehr sich daran beteiligen desto eher wird sich diese Methode in wohl gefallen auflösen.
    Man könnte sich durch vorgetäuschtes Interesse viel leichter von grösseren Postionen trennen.Die letzten werden wie immer für die ersten bezahlen.
    Was wird aus den Marketmakern bei den Nebenwerten ? Und am Ende aus uns ?
    Vielleicht gibt es sogar zusätzliche Chancen für Kleinanleger man muss sie nur finden.
    Mit der einer guten Strategie ist immer Geld zu verdienen.
    Bei den Shortsellern wurde am Anfang auch viel diskutiert....aber als Daytrader sind sehr gute Trading Ergebnisse bei den Short Squeeze der Instis zu erzielen.

  4. kommt man also als groß- oder 1000 facher kleintrader nur limitiert in den markt, wenn es den hft´s paßt und sie nicht in sekundenbruchteilen jede nachfrage vorwegnehmen, so daß die limite der anderen ungefüllt bleiben... versucht man´s unlimitiert, machen die erst mal ihren reibach, ehe sie die durchgehandelten teile zu testikulär hypoplastischen orchideenpreisen an die schneckenhaften, gemeinen internet-möchtegern-masters_of_the_universe weitergeben.

    • joG
    • 06.09.2009 um 17:11 Uhr

    "Selbst Aufseher und Zentralbanker waren von den Billionensummen überrascht, die .... von einer Handvoll großer Institute um den Globus gejagt wurden."
    Seit vielen Jahren werden die Volumina der gehandelten Derivate ausgewiesen. Wer vorgibt, von ihnen überrascht zu sein, hat entweder die Sache nicht verfolgt oder...

    "fast völlig unreguliert"
    Derivate wurden relativ stark reguliert. Die Börsennotierten Kontrakte waren sogar hochreguliert. OTC (over the counter) Derivate unterlagen wie Kredite (Kreditäquivalent) Regeln der Anrechnung auf Grundkapital, Der Menge, die spezifische Unternehmensformen abschließen konnten oder in welcher Form und gingen in einem Mark to Market in die GuV ein, wenn sie gewissen Kriterien nicht entsprachen. Man kann nicht sagen, dass sie "fast völlig unreguliert" waren. Man könnte argumentieren, dass sie schlecht reguliert waren.

    "Von den Folgen der Implosion des Derivatemarkts"
    Es gibt sehr gute Studien, die nahelegen, dass die Derivatemärkte eher eine stabilisierende Wirkung hatten. Die Probleme scheinen vielmehr in den Cash Märkten angesiedelt gewesen zu sein. Wenn man von einer "Implosion" sprechen will, müsste man zeigen, wie die Zahlen waren auch relativ zum Rückgang des Handels anderer Produkte.
    -
    Ähnliche Unklarheit hat die Abhandlung oben von HFT. Es gibt in deren Umfeld einige suspekte Zusammenhänge, die hier nicht angerissen werden. Erschweren sie allerdings lediglich Intransparenz dienende Orderstückelung et al, so ist das nicht schlecht

  5. Da stimme ich No 4 aber voll zu: Die Jungs und Mädels mit HTF sind ja sowas von leicht abzuzocken ... wann immer man (als Pensionsfond, oder allgemein als grosser Aktienbesitzer) eine grössere Menge Aktien hat, kann man erst mal ein paar zukaufen, bis de HTFs anspringen. Der Preis steigt und dann .... macht man GAR NIX (ausser verkaufen, solange der Pres hoch ist).

    Wenn an das erstmal so 10-20 mal gemacht hat, sind die alle pleite.

    Prima Idee, das !

    aj

  6. Ja mach das mal so 10 bis 20 mal, Du Schlaumeier. Mal sehen, wer dann pleite ist. Oder hast Du vielleicht gar nicht das Geld zum Einsatz?
    Das waere aber schade, denn dann wuerdest Du nicht herausfinden, wie schnell man mit Deiner Methode noch reicher werden kann. Versuch es doch mal mit geliehenem Geld. Kann doch gar nicht schief gehen.
    Entweder Du wirst zum Kroesus, oder aber Merkel, Steinbrueck und Konsorten muessen Dir eine Buergschaft geben, es waere ja fuer die nicht das erste Mal, dass sie fehlgelaufenen Risikogeschaeften das Geld hinterher schmeissen. Es ist ja nicht ihr Geld. Sie sind da ziemlich locker. Also versuch es mal. Viel Glueck.

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