Finanzbranche In Schwaben ist die Bank noch in Ordnung
Diese Bank zahlt den Angestellten keine Provisionen und gibt keine Einzelverkaufsziele vor. Kunden will sie fair behandeln. Das Geschäft geht gut. Von Alexandra Endres
Es gibt auch gute Banker: Ernst Kronawitter zum Beispiel. Der 57-Jährige ist Vorstand der Raiffeisenbank Ichenhausen, gelegen in der bayrisch-schwäbischen Provinz zwischen Memmingen, Augsburg und Ulm. Er will eine Bank, die besser ist als die anderen. Nicht profitabler. Aber fairer im Umgang mit Kunden und Mitarbeitern.
Ichenhausen ist ein kleines Städtchen. Etwa 5200 Menschen leben hier, knapp 3700 weitere in den umliegenden Ortsteilen Autenried, Deubach, Hochwang, Oxenbronn und Rieden an der Kötz. Drumherum wellen sich grüne Hügel, ein Flickenteppich aus Feldern und ein wenig Wald, dazwischen Dörfer, aus denen zwiebelige Kirchtürme ragen. Trecker kreuzen den Weg, aus den Gärten leuchten Sonnenblumen, Kürbisse, Tomaten und Laken auf der Leine. Auf Plakaten beschwören CSU und SPD Heimatliebe.
Die Idylle ist nicht ganz krisenfest. Zwar steht die Region im Rezessionssommer 2009 viel besser da als der Rest der Republik. Im Kreis Günzburg, zu dem Ichenhausen gehört, beträgt die Arbeitslosenquote 4,1 Prozent. Das liegt unter dem bayrischen Durchschnitt von 4,9 Prozent und ist gerade einmal halb so hoch wie in Deutschland insgesamt. Doch so mancher Ichenhausener wurde von seinem Betrieb auf Kurzarbeit gesetzt und musste herbe Lohneinbußen hinnehmen. Auch den Einzelhändlern geht es nicht gut: Zahlreiche Läden entlang der Hauptstraße stehen leer, Putz blättert von ihren Wänden.
In der Raiffeisenbank aber trifft man glückliche Banker. "Wir sind einzigartig", schwärmt Kundenberaterin Christa Eisele. "Man wird positiv unterstützt, selbst die Türen des Vorstandsbüros sind immer offen. Es ist ein persönliches Aufbauen, ein Miteinander, auch mit den Kunden." Seit fünf Jahren fährt sie täglich fast 150 Kilometer, um in Ichenhausen zu arbeiten, obwohl sie vor ihrem Wechsel als Bezirksleiterin einer Bausparkasse Karriere gemacht hatte und zunächst zurückstecken musste.
"Ich hab meinen Traumjob verwirklicht, immer am Markt", sagt Prokurist Georg Seitz. Seit 37 Jahren arbeitet er für die Raiffeisenbank: "Mir macht's Schaffe Riesenspaß." Für seine Kunden will Seitz ein Partner sein, nicht bloß der Vermögensberater. "Man hilft einander. Es ist ein Vorteil, wenn man die Kunden so gut kennt wie wir hier. Ich frage mich immer, ob ich eine Anlage-Entscheidung auch so für mich treffen würde. Nur wenn ich ehrlich bin, kann ich auch erfolgreich sein."
Die Raiffeisenbank Ichenhausen – Bilanzsumme 221 Millionen Euro, mehr als 11.000 Kunden, die meisten davon Privatleute, die Hälfte über 40 Jahre alt – betreibt vor allem das klassische Bankgeschäft: Sie sammelt Gelder ein, legt sie an und vergibt Kredite. Neben den üblichen Genossenschaftsprodukten (Girokonto, Sparbuch, Riesterrente, Bausparvertrag) bietet sie ihren Kunden rund 5000 Fonds anderer Gesellschaften zur Auswahl. Im Moment ist Gold der Renner.
Renditejäger sind hier nicht unbedingt gut aufgehoben. Für Spareinlagen zahlt die Raiffeisenbank niedrigere Zinsen als manche Direktbank. "Aber deren besonders hohe Zinsen sind ja auch nicht realistisch. Das hat Kaupthing gezeigt", sagt Vorstand Kronawitter. Dennoch ließen sich die Anleger von solchen Konditionen locken. Während noch im Herbst 2008 viele Anleger in die Sicherheit der Genossenschaftsbanken flüchteten, sei der Risikoappetit im neuen Jahr schon wieder gestiegen, sagt er.
Kronawitter und sein Vorstandskollege Hösle setzen persönlichen Service für die Kunden gegen andere Banken, die durchs Konzept der "bedienten Selbstbedienung" Kosten sparen wollen. Dort springt der menschliche Mitarbeiter nur ein, wenn die Dienste des Automaten nicht ausreichen.
Bankkauffrau Kerstin Kamp ist eine der Angestellten, die sich im Schalterraum um die Wehwehchen der Kunden kümmern. "Bei meiner früheren Bank kamen die Kunden zwar auch zu mir, aber ich konnte nichts für sie tun: kein Girokonto eröffnen, kein Sparbuch auflösen, keine Unterlagen für die Steuer ausstellen. Das ging nur übers Service-Center", sagt sie. "Der Kunde bekam, was er brauchte, erst ein paar Tage später, per Post. Hier ist das anders." Schräg gegenüber von Kamps Schreibtisch steht Uwe Nagat an der Kasse. Zu ihm kommen viele ältere Kunden. "Ich frage, wie es dem Kunden geht, der Mutter, dem Vater, dem Hund ... Wir versuchen, die Kunden durch guten Service und gute Laune zufrieden zu stellen", erzählt er.
Besonders fair wollen die Genossenschaftsbanker auch noch sein. Seit Kronawitter und Hösle gemeinsam die Bank leiten, erhalten die Mitarbeiter keine Provisionen, sondern relativ hohe Fixgehälter. Zudem werden den einzelnen Kundenberatern keine Verkaufsziele vorgegeben. "So können wir bedarfsgerecht beraten", sagt Kronawitter. "Und es gibt keinen Neid zwischen den Mitarbeitern."
Konkrete Verkaufsziele bedeuten enormen Druck – Christa Eisele erinnert sich noch gut daran, was das bedeutet. "Bei meinem früheren Arbeitgeber hatten wir Einzelziele und Gruppenziele. Das beeinflusste natürlich die Kundengespräche", sagt sie. "Hier kann ich viel persönlicher beraten. Klar arbeite ich für eine Bank, und es geht mir ums Geschäft. Aber was ich verkaufe, muss auch zum Kunden passen."
"Die Entscheidung, die Provisionen abzuschaffen, haben wir zusammen mit unseren Mitarbeitern getroffen", sagt Hösle, "einstimmig". Danach sei nicht weniger verkauft worden, sondern mehr. "Die Mitarbeiter haben unser Vertrauen gehabt. Und sie haben uns den Vorschuss wieder zurückgezahlt."
Zu Unrecht fühlen sich die beiden Vorstände deshalb in Sippenhaft genommen für jene Banker, die auf Kosten anderer die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds brachten, trotz Staatshilfe hohe Boni einsteckten und, kaum ist das Schlimmste überstanden, wieder am großen Rad drehen. "Die Öffentlichkeit unterscheidet nicht zwischen den Bankern aus den privaten Instituten und Bankern aus dem Genossenschaftsbereich, die das überhaupt nicht betrifft."
Die Kunden jedenfalls scheinen die Anstrengungen der Genossen zu würdigen: Der Marktanteil der Raiffeisenbank ist hoch. Obwohl es im Ort noch eine Sparkasse und eine Volksbank gibt, haben rein rechnerisch 88 Prozent der Einwohner im Einzugsgebiet ein Konto bei Hösle und Kronawitter. Das ist weit mehr als der bayerische Durchschnitt von 55 Prozent. Jeder legt mehr Geld an und leiht höhere Summen aus als im bayerischen Mittel.
Gegen die Finanzkrise war die Bank dennoch nicht gefeit. Zwar sind ihre Spareinlagen und die Kreditsumme in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gewachsen, die Einlagen aber weit stärker als die vergebenen Kredite. Nur rund 40 Prozent der eingesammelten Kundengelder hat die Raiffeisenbank wieder verliehen, den größten Teil davon an Privatkunden. Nachdem ein großer Firmenkunde um die Jahrtausendwende insolvent wurde, wollte man das Risiko begrenzen.
Das Problem dabei: Die restlichen Mittel mussten ertragbringend angelegt werden – schon war man abhängig von den internationalen Finanzmärkten. Nach der Lehman-Pleite war das fatal.
Dabei haben Hösle und Kronawitter das Geld ihrer Bank, im Gegensatz zu manch anderen Genossenschaftsbanken, gar nicht in Lehman-Papieren angelegt. Ein großer Teil des Portfolios steckt in Papieren, die selbst die Bundesbank als Sicherheit akzeptieren würde. Nur der Besitz eines Hypo-Real-Estate-Pfandbriefs ließ die beiden Bankchefs im Frühjahr zittern, bis die HRE am Ende der Laufzeit den Kredit brav zurückzahlte. Auch amerikanische Wertpapiere betrachten die Vorstände mit Skepsis. Ihren Kunden verkaufen sie schon seit einigen Jahren keine strukturierten Produkte mehr, sagen sie. "Man hat ja selbst als Bankfachmann Probleme gehabt, die Produktbeschreibung zu verstehen", sagt Hösle.
Keine Spekulation, zurückhaltende Kreditvergabe, Selbstbeschränkung aufs bodenständige Kundengeschäft: Eigentlich hat die Raiffeisenbank alles richtig gemacht. Trotzdem verlor ihr Portfolio im vergangenen Herbst so stark an Wert, dass die Berichtigungen in der Bilanz am Ende des Jahres den Gewinn aus dem eigentlichen Geschäft auffraßen. "Wir haben uns entschieden, die Papiere nach dem strengsten möglichen Maßstab zu bewerten", erklärt Hösle. "Die Risiken sollten transparent ausgewiesen werden. Reale Verluste hatten wir aber keine." Dennoch stand unter dem Strich der Bilanz nur deshalb ein kleiner Gewinn, weil stille Reserven aus den vorhergehenden Jahren aufgelöst wurden. Der Durchschnitt der bayrischen Banken schlug sich besser.
Hösle und Kronawitter werten das als Sonderfall. Schließlich machte ihre Bank in den Jahren vor Lehman Gewinne, und auch in diesem Jahr soll das wieder gelingen. Die Hochrechnungen sehen bislang gut aus.
- Datum 25.09.2009 - 10:59 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren