Europäischer Währungsfonds "Eine Staatspleite darf nicht Teil unserer Planungen sein"
Europa muss alles tun, um die Insolvenz von Euro-Ländern zu vermeiden, sagt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise im Interview und spricht sich gegen den geplanten EWF aus.
© Aris Messinis/AFP/Getty Images

Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei hinterließen Spuren auch an diesem Schaufenster in Athen
ZEIT ONLINE: Europa diskutiert über die Schaffung eines Europäischen Währungsfonds (EWF). Sie sind gegen den Vorschlag. Warum?
Michael Heise: Wir brauchen sicher eine stärkere finanzpolitische Disziplin in Europa. Entwicklungen, wie sie derzeit in Griechenland zu beobachten sind, dürfen sich nicht wiederholen. Grundsätzlich ist es richtig, darüber nachzudenken, wie wir den Maastrichter Stabilitätspakt und die in ihm verankerten Stabilisierungsmechanismen besser umsetzen können. Wir brauchen auch eine Instanz, die die Finanz- und Schuldenpolitik der Mitgliedsstaaten stärker überwacht und koordiniert, aber das muss präventiv geschehen. Der internationale Währungsfonds in Washington eignet sich nicht als Vorbild für Europa.
ZEIT ONLINE: Warum nicht?
Heise: Der Internationale Währungsfonds (IWF) finanziert sich über Kapitaleinlagen und Kreditverpflichtungen seiner Mitglieder und vergibt Kredite an Staaten, die vorübergehende Zahlungsbilanzkrisen durchleben. Solche Devisenengpässe gibt es in der Euro-Zone mit einheitlicher Währung nicht. Hier geht es um Länder, die eine unsolide Haushaltspolitik betreiben, und der Maastrichter Vertrag sieht zu Recht vor, dass die Gemeinschaft nicht die Schulden einzelner Staaten übernehmen soll. Das wäre der völlig falsche Anreiz.
ZEIT ONLINE: Zentral für die Ursprungsidee eines EWF ist der Gedanke, dass die Europäische Währungsunion eine institutionalisierte Möglichkeit braucht, die Insolvenz von Mitgliedsstaaten geordnet abzuwickeln. Für überschuldete Länder ist das eine starke Drohung: Sparst Du nicht, lassen wir Dich pleite gehen. Ist das kein ausreichend starker Anreiz, um Schuldenkrisen wie der griechischen vorzubeugen?
- Ideengeber
Die Idee eines Europäischen Währungsfonds geht zurück auf die beiden Volkswirte Daniel Gros und Thomas Mayer, die im Februar 2010 ihren Vorschlag in einem Diskussionspapier öffentlich machten. Dies ist eine Zusammenfassung ihrer wesentlichen Argumente.
- EWF vs. IWF
Wer ist am ehesten in der Lage, Sparprogramme wie das griechische zu entwerfen und zu überwachen: Die EU oder der IWF? Ökonomen sind sich uneins. "Der IWF hat Geld, Expertise und keine politischen Einschränkungen, aber ist hilflos, wenn ein Land seine Regeln unbeirrt verletzt", schreiben Gros/Mayer. "Er kann sehr wenig tun, wenn das Land seine Zusagen nicht einhält, außer, künftig Kapital zurückzuhalten." Die EU aber hätte stärkere Druckmittel, falls sie eine Institution schüfe, die staatliche Insolvenzen geordnet abwickeln könnte. "Während der jüngsten Finanzkrise hat die Politik immer darauf gezielt, den Zusammenbruch großer Institutionen zu verhindern", argumentieren die Ökonomen. "Künftig muss das zentrale politische Ziel aber sein, die Disziplin der Märkte dadurch wiederherzustellen, dass man den Zusammenbruch ermöglicht."
- Finanzierung
Nur jene Staaten, welche die Maastricht-Kriterien verletzen, müssten Kapital in den Fonds einzahlen. Wie viel sie zahlen, richtet sich nach der Höhe ihrer Staatsschuld und ihres jährlichen Defizits. Beide Kriterien seien tragfähige Maßstäbe, um das Risiko einer staatlichen Insolvenz oder einer Liquiditätsklemme zu beurteilen, sagen Gros/Mayer. "Länder mit besonders starken öffentlichen Finanzen müssten nichts beisteuern." Zusätzlich sollte dem EWF erlaubt sein, an den Finanzmärkten Kredite aufzunehmen. "Durch den vorgeschlagen Mechanismus hätte der EWF seit dem Start der Währungsunion 120 Milliarden Euro an Reserven aufnehmen können."
- Form der Hilfe
Der EWF würde Staaten in der Klemme finanziell unterstützen, indem er eigene Anleihen an sie ausgibt oder eine Garantie für ihre Anleihen ausspricht. Prinzipiell gäbe er Finanzhilfe bis zu einer bestimmten Obergrenze. Sie entspräche dem Kapital, das vom betreffenden Land zuvor in den Fonds eingezahlt worden wäre, inklusive Zinsen. Höhere Garantien sind aber unter bestimmten Umständen möglich. In jedem Fall wäre die Hilfe des EWF an strenge Sparauflagen gekoppelt.
- Sanktionen
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Hält das überschuldete Land die Sparauflagen nicht ein, kann die EU weitere Hilfen aus dem EWF stoppen und ihm, in einem weiteren Schritt, Zahlungen aus dem EU-Strukturfonds verweigern. Zusätzlich kann die Europäische Zentralbank die Annahme von Staatsanleihen des betreffenden Landes, die üblicherweise als Sicherheit für EZB-Darlehen hinterlegt werden können, verweigern. All das brächte "für jedes Land, das erwägt, die vereinbarten Programme nicht umzusetzen, beträchtliche politische und wirtschaftliche Kosten" mit sich.
Falls alles nichts hilft, stünde am Ende des Prozesses eine geordnete Insolvenz. "Das stärkste Verhandlungsargument eines Schuldners ist immer: Eine Insolvenz kommt nicht in Betracht, weil das gesamte Finanzsystem darunter leiden würde. Deshalb ist es entscheidend, Mechanismen zu schaffen, welche die Verwerfungen minimieren, die durch eine Insolvenz hervorgerufen werden." Nur so könnten die Märkte diszipliniert werden.
Heise: Nein, ein möglicher Staatsbankrott ist nie auszuschließen – auch unter heutigen Bedingungen nicht – aber er darf zurzeit unter keinen Umständen Teil unserer Planungen sein. Der Euro lebt vom Vertrauen der Anleger. Das Image, dass einzelne Länder pleite gehen und andere anstecken könnten, würde bei ausländischen Investoren fatal wirken. Wir brauchen eine bessere Krisenprävention, keine gemeinschaftlich finanzierte Institution für Krisenmanagement und Rettungsaktionen.
ZEIT ONLINE: Wie könnte eine bessere Prävention denn aussehen? Offenbar hat der Stabilitäts- und Wachstumspakt nicht ausgereicht, um die griechische Krise zu verhindern.
- Datum 12.03.2010 - 11:28 Uhr
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(winnermobil) - Die Bürger haben die Nase voll, Fehlkalkulationen in der Regierung, kein Lebensstandard zu halten, die Wälder brennen jedes Jahr ab, weil die Baugenehmigungen nicht erteilt werden.... Das müssen die Griechen mit ihrer Regierung abmachen, ob sie in die Pleite fallen wollen oder mit der oder einer anderen Regierung wieder rauskommen - durch Sparen.
vermisse ich die naheliegende Frage, mit wievielen Milliarden denn die Allianz in Griechische Anleihen investiert ist, die sie im Falle einer Staatspleite
abschreiben müßte. Dieser Mann kann gar nicht anders,
als gegen Staatspleiten zu argumentieren, liebe Leute...
Genau, Nagel auf den Kopf getroffen. Läßt man einmal das ganze hehre Gerede um den heißen Brei herum weg, die salbungsvollen Worte eines Phillantropen, so bleibt zwischen den Zeilen fgreigelegt nur eines: die blanke Angst des Lebensversicherers, der in diversen Staatsanleihen investiert ist und fürchten muß, beim nächsten Staatsbankrott die Garantieleistungen nicht mehr erfüllen zu können und massive Wertberichtigungen und Abschreibungen vornehmen zu müssen.
Das ist der profane Rest an Wahrheit hinter all dem weltmännischen Geschwafel.
Genau, Nagel auf den Kopf getroffen. Läßt man einmal das ganze hehre Gerede um den heißen Brei herum weg, die salbungsvollen Worte eines Phillantropen, so bleibt zwischen den Zeilen fgreigelegt nur eines: die blanke Angst des Lebensversicherers, der in diversen Staatsanleihen investiert ist und fürchten muß, beim nächsten Staatsbankrott die Garantieleistungen nicht mehr erfüllen zu können und massive Wertberichtigungen und Abschreibungen vornehmen zu müssen.
Das ist der profane Rest an Wahrheit hinter all dem weltmännischen Geschwafel.
Genau, Nagel auf den Kopf getroffen. Läßt man einmal das ganze hehre Gerede um den heißen Brei herum weg, die salbungsvollen Worte eines Phillantropen, so bleibt zwischen den Zeilen fgreigelegt nur eines: die blanke Angst des Lebensversicherers, der in diversen Staatsanleihen investiert ist und fürchten muß, beim nächsten Staatsbankrott die Garantieleistungen nicht mehr erfüllen zu können und massive Wertberichtigungen und Abschreibungen vornehmen zu müssen.
Das ist der profane Rest an Wahrheit hinter all dem weltmännischen Geschwafel.
Brüssel dürfte sich kaum um die geschätzte Meinung des Allianzökonomen kümmern. Schon bei Einführung des Euro wurden bekanntlich alle Einwände der Fachleute von den Politikern ignoriert.
....hat der Mann recht, wenn er sagt: " Der Internationale Währungsfonds (IWF) finanziert sich über Kapitaleinlagen und Kreditverpflichtungen seiner Mitglieder und vergibt Kredite an Staaten, die vorübergehende Zahlungsbilanzkrisen durchleben. Solche Devisenengpässe gibt es in der Euro-Zone mit einheitlicher Währung nicht. Hier geht es um Länder, die eine unsolide Haushaltspolitik betreiben, und der Maastrichter Vertrag sieht zu Recht vor, dass die Gemeinschaft nicht die Schulden einzelner Staaten übernehmen soll. Das wäre der völlig falsche Anreiz."
Ein europäischer Währungsfond ist in der Sache unsinnig und setzt falsche Anreize. Der Vorschlag lässt sich letztlich nur durch Gruppen spezifische Interessen erklären, die außerhalb nationaler Jurisdiktion und Kontrolle einen Finanzmittel Topf anlegen wollen. Das kann nicht im Sinne der Bevölkerung sein, die schon jetzt die Staatsfinanzen kaum noch beeinflussen kann. Leider müssen wir nach der Erfahrung mit der Art, wie Euro und europäische Verfassung unbeachtlich der Wähler durchgesetzt wurden davon ausgehen, dass man die Politiker kaum wird bremsen können. Sollte das so laufen, so dürfte das der Staats- und Demokratieverdrossenheit der Bevölkerung nicht sonderlich entgegenwirken.
"Eine Staatspleite darf nicht Teil unserer Planungen sein"
Herr Heise betet da etwas utopisches im Interview runter wie z.B. "wir brauchen", "wir sollten", "es muß Anreiz sein" das sehr nach frommen Wünschen ausschaut. Die Geschichte der letzten 80 Jahre, seit dem großen Crash von 1929/1930, zeigt doch deutlich auf das Staaten Pleite gehen können. Ein Weltkrieg wie dann 1933 folgte bedeutet eben auch "Pleite" zu sein - nämlich am Ende sein mit der kapitalistischen Weisheit vernünftig zu wirtschaften.Die Globalisierung zeigt nun an, daß auch die Staaten finanzpolitisch gewappnet sein müssen, um gegen Spekulanten und Chrash-Managment der Großbanken und Fond's wirken zu können. Schutz dagegen sollte nicht versäumt sein - andernfalls wird es dann sehr, sehr teuer für Staaten und jeden einzelnen Bürger.
Krisen versucht man gern mit allen Mitteln zu vermeiden. Auch, wenn sie schon längst da sind.
Abgesehen davon, dass ich auch nicht von einem EWF halte, finde ich daher die Pauschalaussage "Eine Staatspleite darf nicht Teil unserer Planungen sein" wenig konstruktiv.
Jegliche Krise wäre besser durchgestanden, wenn man sie auch Krise sein lässt, und den natürlichen Korrekturen Raum gibt. Stattdessen wird überall rumkorrigiert und der Schwarze Peter verteilt. Etwas mehr Krisenverständnis macht es möglich Krisen zu "begrüßen"; als Warnsignal, aber auch als Übergangs- und Korrektursymptom. Krisen dürfen in der Planung eben nicht außen vor bleiben, weil sie ein natürlicher Teil der Entwicklung jeder Art sind.
Vielen Dank für das gelungene Interview!
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