AnlegerschutzKeine Extrawurst für den Grauen Kapitalmarkt

Das geplante Anlegerschutzgesetz macht Hoffnung auf bessere Bankberatung. In einem Punkt ist die Regierung jedoch nachlässig. von Hermann-Josef Tenhagen

Seit fast einem Jahr bastelt die schwarz-gelbe Koalition an einem Anlegerschutzgesetz. Sparer und Investoren sollen künftig von den Dienstleistungen der Banken und von freien Finanzberatern profitieren, statt unter ihnen zu leiden. Gute Beratung mit Leidenschaft statt Beratung, die Leiden schafft.

Zwei Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise herrscht über die wesentlichen Ziele des Gesetzes Einigkeit. Vier Punkte stehen im Vordergrund: Produkte müssen für die Anforderungen des durchschnittlichen Verbrauchers geeignet und für ihn klar verständlich sein. Die Beratung muss ferner mit dem Ziel erfolgen, die beste Lösung für den Kunden zu finden, und kein Produkt auf den Finanzmärkten darf künftig ungeregelt bleiben.

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Hermann-Josef Tenhagen
Hermann-Josef Tenhagen

ist Chefredakteur der monatlich erscheinenden Zeitschrift Finanztest, die von der Stiftung Warentest herausgegeben wird.

Die Anforderungen hören sich selbstverständlich an, aber die Praxis zeigt, dass sie es nicht sind. 800.000 Finanzprodukte gibt es auf dem deutschen Markt, davon allein 400.000 Zertifikate. Zum Vergleich: In einem Aldi-Supermarkt werden nur 800 verschiedene Produkte angeboten.

Verstanden werden die Finanzprodukte aber nicht einmal mehr von den Banken selbst: Auf Fortbildungen kann das künftige Führungspersonal einfache Zertifikate nicht erklären, berichtet ein leitender Mitarbeiter einer Genossenschaftsbank. Trotzdem werden diese Produkte in Mengen angeboten und verkauft.

Finanztest berichtete im Januar 2010, dass zwei Drittel aller Bankkunden während einer Anlageberatung nicht nach ihren Einkommen, ein Drittel nicht nach ihren Vermögen gefragt werden. Eine Beratung kann unter solchen Umständen nur zufällig richtig erfolgen.

Die Prospekte, mit denen viele Bankprodukte heute verkauft werden, sind für normale Kunden unverständlich und werden auch von habilitierten Juristen als ein hartes Stück Arbeit beschrieben. Kurze, knackige, aber im Sinne des Kunden vollständige Produktinformationen fehlen.

Noch schlimmer ist es auf dem sogenannten Grauen Kapitalmarkt. Hier werden hochspekulative Produkte an Kleinsparer verkauft, weil den Verkäufern in diesem ungeregelten Markt besonders hohe Provisionen winken. Finanztest hat in den vergangenen 15 Jahren vor Anlagen bei der Göttinger Gruppe, bei Phoenix und in Schrottimmobilien gewarnt. Die Liste der Warnhinweise wird monatlich aktualisiert und ist im Internet abrufbar.

Die meisten Probleme werden vom Gesetzgeber aufgegriffen: So soll bei der Finanzaufsicht BaFin ein Register der Bankberater angelegt werden – ähnlich des Verkehrssünderregisters in Flensburg. Die BaFin soll so regelmäßig schlechter Beratung besser auf die Schliche kommen.

Außerdem sollen einheitliche kurze Produktinformationsblätter vorgeschrieben werden, um dem Kunden die Möglichkeiten zu geben, die gekauften Produkte auch zu verstehen.

Leserkommentare
    • QUOTE
    • 10. Februar 2011 12:29 Uhr

    ...kann mir jemand sachlich erklären, WIE es möglich ist, daß in einem Wirtschaftsraum wie der EU, wo Länge und Krümmung einer SALATGURKE per Verordnung geregelt sind, oder in einem Land wie Deutschland, wo jeder Händler auf dem WOCHENMARKT X Genehmigungen einzuholen hat, bevor er seinen Stand aufstellt, so etwas wie ein "Grauer Kapitalmarkt" überhaupt EXISTIEREN kann?

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    • Chali
    • 10. Februar 2011 12:59 Uhr

    Anbieter dieser Art verdienen damit viel Geld und haben daher Fiele Dicke Posten anzubieten - für Staatssekreteräre und Bundesbank-Präsidenten und was nicht alles. Man denke an Herren Ferres!

    So ein Gurkenverkäufer hingegen ...

  1. ... selbst Schuld.

    Dies erfolgt doch häufig nur in der Hoffnung auf eine Extra-Rendite. Manchmal wird auch das Wort Gier hierfür gebraucht. Ich denke es ist einfach häufig Dummheit.

    Grauer Kapitalmarkt bedeutet immer hohes Risiko und hohe Spesen.

    Wer sich damit nicht sehr gut auskennt, sollte die Finger davon lassen.

    Wer kein Motorrad fahren kann, versucht es ja auch nicht mal gleich mit einer Harley. Mit einem Fahrrad kommt auch auch gut und noch dazu umweltschonend und gesundheitsfördernd von A nach B - vielleicht etwas langsamer, aber wohlbehalten.

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    • Chali
    • 10. Februar 2011 13:08 Uhr

    Wer als Laie irgendo am Aktien- oder Finanz"markt" rummacht, hat selber schuld.

    Es bräuchte nur so etwas wie der Aufdruck auf den Zigarettenschachteln:
    Jeder trägt seinen Verlust allein
    (es sei denn, Sie haben Bankaktien)

    • Chali
    • 10. Februar 2011 12:59 Uhr

    Anbieter dieser Art verdienen damit viel Geld und haben daher Fiele Dicke Posten anzubieten - für Staatssekreteräre und Bundesbank-Präsidenten und was nicht alles. Man denke an Herren Ferres!

    So ein Gurkenverkäufer hingegen ...

    • lepkeb
    • 10. Februar 2011 13:00 Uhr

    wer als "Kleinkunde" im "Grauen Kapitalmarkt" investiert ist selber Schuld. Denn wenn jemand zur Zeit sichere Anlagen mit Renditen von z.B. über 5% verspricht oder über Steuersparmodelle, Termingeschäfte oder Bauherrenmodelle erzählt, dann sollten alle Alarmglocken läuten, wenn ich das Geld nicht zum Zocken überhabe.

    Da braucht es keiner Regulierung, sondern nur der gesunde Menschenverstand. Und wenn ich in meinem dt. Bekanntenkreis höre, wie lange dort teilweise über Anschaffungen im unter 100 Euro Bereich recherchiert wird, dann sollte man doch annehmen, dass Leute bei Anlagen von 100+ Euro genausoviel Zeit investieren.

    • Chali
    • 10. Februar 2011 13:08 Uhr

    Wer als Laie irgendo am Aktien- oder Finanz"markt" rummacht, hat selber schuld.

    Es bräuchte nur so etwas wie der Aufdruck auf den Zigarettenschachteln:
    Jeder trägt seinen Verlust allein
    (es sei denn, Sie haben Bankaktien)

  2. 6. Naja,

    vielleicht sollte man sich hier auf das Urteil des BGH warten.

    http://www.spiegel.de/wir...

    • Hermez
    • 10. Februar 2011 14:47 Uhr

    wenn Beteiligungen ordentlich dokumentiert werden sehe ich keine Probleme beim so genannten "grauen Kapitalmarkt", es gibt genügend erfolgreiche Beispiele für hohe Erträge.
    Anlagen sind immer risikoreich...wird man etwa bei seiner Hausbank besser beraten?Meiner Erfahrung nach werden dort auch nur Anlagen empfohlen die eine möglichst hohe Provision bringen.Also was soll das Ganze!!!?

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    Selbstverständlich kann dies auch bei einer Bank passieren, doch die Einklag- und Kontrollmöglichkeiten sind viel größer.

    Wer Geld hat, es anzulegen, muss sich auch kundig machen. Das ist ein Teil dessen, dass er für "Nichts arbeiten" Geld bekommt. Aber dies ist aufgrund der undurchsichtigen Strukturen am grauen Kapitalmarkt nicht oder zumindest kaum möglich.

    Hände weg vom grauen Kapitalmarkt - wenn ihr euer Geld behalten wollt.

  3. Hat er bis jetzt doch tatsächlich Produkte kaufen müssen die er nicht verstanden hat.
    Was ein Trottel würde man in jedem anderen Lebensbereich sagen.
    Wenn ich etwas nicht verstehe, nicht weiß was es ist, dann investiere ich doch dort nicht meine Ersparnise.
    Man kann die Menschen nie völlig vor eigener Dummheit schützen.
    Und wenn jemand wirklich falsch beraten wurde isv Täusching Irrtum Vermögensschaden ( was unter den Tatbestand des Betrugss zu subsumieren wäre), dann sollen sie den Verkäufer drankriegen, aber verwechselt das nicht mit der Dummheit des Kleinanlegers, der sein Jahrelang gespartes Geld zur Bank trägt und zu dem Berater sagt er will möglichst fette Rendite und dann nicht hinhört wenn ihm erzählt wird dass hohe Renditen höheres Risiko bedeuten, dann alles in Geldgier verzockt, weint und den Berater als Sündenbock zum Henker führt,
    Dieses Gesetz wird wieder nur den Berater treffen der ja verkauft was ihm von oben aufgetragen wird.
    Diese Etage wird wohl nichts von heimlichen Testkäufen spüren ausser ein paar Kündigungen mehr die sie schreiben müssen.
    Aber immerhin kann sich die Regierung damit brüsten etwas für den kleinen Mann getan zu haben und alle singen im Chor des Selbstlobes mit.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Adam Smith | Ilse Aigner | Phoenix | BaFin | Bank | Dienstleistung
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