EZB-Chef Jean-Claude Trichet spricht vor dem Wirtschafts- und Finanzausschuss des EU-Parlaments. © John Thys/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Die Angst vor der Inflation ist zurück. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf ihrer aktuellen Sitzung beschlossen, die Leitzinsen unverändert zu lassen , aber baldige Zinserhöhungen in Aussicht gestellt. Wie stark ist der Druck auf die Zentralbank?

Peter Bofinger: Mir scheint er nicht so groß. Die Kerninflationsrate, also jene Rate, die Preissteigerungen bei Energie und Nahrungsmitteln nicht berücksichtigt, liegt bei knapp über einem Prozent, das ist ziemlich niedrig. Die allgemeine Inflationsrate im Euroraum beträgt 2,3 Prozent...

ZEIT ONLINE: …und ist damit eindeutig höher, als jene knapp zwei Prozent, die Trichet und seine Notenbanker zu akzeptieren bereit sind.

Bofinger: Dennoch: Sie ist nicht zu hoch. Die Inflationsrisiken werden überbewertet. Selbst die Bundesbank hat in ihrer Geschichte eine durchschnittliche Inflationsrate von 2,8 Prozent hingenommen, da liegen 2,3 Prozent immer noch in einem sehr komfortablen Bereich.

ZEIT ONLINE: Es besteht die Sorge, dass die Inflation weiter steigt.

Bofinger: Das halte ich für nicht wahrscheinlich. Die bisherigen Preissteigerungen sind zum großen Teil auf höhere Energiepreise und die Erhöhung der Mehrwertsteuer in einigen Ländern zurückzuführen. Steuererhöhungen sind aber Einmaleffekte, sie haben keine dauerhafte Wirkung auf die künftige Preisentwicklung.

Entscheidend ist jetzt, wie sich die Löhne entwickeln. Ich glaube, sie werden nicht so stark steigen, dass sie die Inflation weiter anheizen, denn die Arbeitslosigkeit im Euroraum ist sehr hoch. Auch in Deutschland werden die Tarifverhandlungen keine inflationstreibenden Gehaltserhöhungen ergeben.

ZEIT ONLINE: Die Lohnpolitik ist nicht der einzige Faktor, der die Preise treibt.

Bofinger: Auch anderswo kann ich keine Risiken erkennen. Die Kreditentwicklung ist sehr verhalten. Im Euroraum wird es zudem enorme fiskalpolitische Restriktionen geben. Die Staaten müssen sparen. Das drückt die Inflation. Da wäre es vernünftig, wenn die Geldpolitik expansiv ausgerichtet bliebe, um das Wachstum nicht abzuwürgen.