Volkssolidarität : Auf Kosten des Volkes

Sie vertrauten auf das Image der Volkssolidarität, nun stehen sie vor dem finanziellen Ruin: 1600 Senioren verloren durch Immobilienfonds ihre Ersparnisse.

Dreimal in seinem Leben habe er alles verloren, sagt Hans Feldmann. 74 Jahre ist er alt. Noch gut erinnert er sich, wie der Zweite Weltkrieg seiner Familie die Existenz raubte, nach der Wende war die wirtschaftliche Situation schwierig und jetzt hat er mit Immobilienfonds der Volkssolidarität seine Ersparnisse verloren. Die Volkssolidarität ist die einzige Massenorganisation der DDR, die bis heute als größter Wohlfahrtsverband in den ostdeutschen Bundesländern fortbesteht. Hans Feldmann ist verbittert. Und enttäuscht. "50 Jahre lang war ich Mitglied in der Volkssolidarität. Die waren immer da, auch nach der Wende noch. Ich habe denen vertraut!", sagt er. Jetzt ist auch sein Sterbegeld futsch und der gemeinnützige Verband teilt ihm nüchtern mit, dass er ihm leider nicht helfen könne.

Wie Feldmann geht es 1600 weiteren Senioren, die ihr Geld in zwei mittlerweile insolvente Immobilienfonds der mecklenburgischen Volkssolidarität-Kreisverbände investiert hatten. Die Fonds – der Volkssolidarität Sozial-Immobilienfond GmbH & Co KG (VS-Fonds) und der Volkssolidarität-Sozialimmobilienfondsgesellschaft mbh (VSI) –  waren rechtlich unabhängige Gesellschaften. Seit Ende 2009 sind sie pleite. Es geht um eine Schadenssumme von neun Millionen Euro. Was mit dem Geld geschehen ist, soll nun vor Gericht geklärt werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits seit Monaten. Das Gericht soll auch klären, welche Schuld der Wohlfahrtsverband an dem Betrug hat. Für die Organisation steht einiges auf dem Spiel: Es geht um ihre Glaubwürdigkeit und möglicherweise auch um ihre Gemeinnützigkeit. Denn auch wenn die Fonds rein rechtlich vom Wohlfahrtsverband abgekoppelt waren, gab es entscheidende personelle Verflechtungen zwischen den Gesellschaften und hochrangigen Verbandsfunktionären. So war beispielsweise der Geschäftsführer des Volkssolidarität-Kreisverband Bad Doberan, Amandus Krüger, auch der Geschäftsführer des VSI-Fonds, und der Vizevorsitzende des Kreisverbandes Mecklenburg-Mitte, Lothar Viereck, Aufsichtsratsvorsitzender des Fonds. Entscheidend für das Verfahren ist die Frage, ob es auch personelle Verflechtungen bis in den Bundesverband gab und ob dieser Kenntnis davon hatte, dass die Insolvenz verschleppt wurde.

Die föderal gegliederte Volkssolidarität betreibt in Ostdeutschland Seniorenheime und Jugendclubs, verteilt Essen auf Rädern und kümmert sich um Wohnungslose. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei 75 Jahren. Sie vertrauen der Organisation, die den Wandel der Zeiten und Systeme überstanden hat. Ihr langes Fortbestehen feierte sie mit einer Broschüre anlässlich des 60. Jahrestags, die unter dem Titel Hurra wir leben erschienen ist.

Die Beständigkeit der Organisation war auch für Wolfgang und Rita Eckolt ausschlaggebend, als sie 2006 eine sichere Geldanlage suchten. In der Mitgliederzeitschrift des Wohlfahrtverbandes wurde das Ehepaar auf die Immobilienfonds aufmerksam. In einer Anzeige wurde für die Fonds mit dem Namen der gemeinnützigen Organisation geworben. Das Paar nahm Kontakt mit einer Vermittlerin auf, die Eckolts vom Kreisverband Bad Doberan kannten. Sie versicherte den Eheleuten, dass die Anlage seriös sei. Das Geld würde in die Pflege- und Seniorenheime der Volkssolidarität investiert werden, das Ehepaar nur am Gewinn, nicht an etwaigen Verlusten beteiligt. Die Vermittlerin versprach Zinsen von mindestens fünf Prozent. "Uns wurde sogar ein bevorzugter Platz im Heim zugesichert", erinnert sich Rita Eckolt. Das Paar glaubte den Versprechungen und legte insgesamt 15.000 Euro an.

Was Eckolts nicht ahnten: Bereits seit 2005 gab es bei den Ende der neunziger Jahre gegründeten Fonds keine Renditeaussichten mehr. "Schon 2001 wurde der Volkssolidarität Bad Doberan mitgeteilt, dass die Fonds in eine Schieflage geraten waren. 2005 wurde auf einer Klausurtagung des Kreisverbandes ganz offen über Insolvenz gesprochen", behauptet Gottfried Hörnig. Er war zu dieser Zeit beim Kreisverband Bad Doberan tätig. Statt die Fonds abzuwickeln und die Anleger zu entschädigen, habe man versucht, die Fonds zu retten – und habe noch offensiver für die angeblich sichere Anlage geworben, berichtet Hörnig. Er überwarf sich mit seinem Arbeitgeber, verließ den Wohlfahrtsverband und erstatte bei der Polizei Anzeige wegen Insolvenzverschleppung. Ermittlungen kamen aber erst in Gang, als die Fonds ausliefen, die Anleger kein Geld bekamen und sich schließlich ebenfalls bei der Polizei meldeten.

Einer von ihnen ist Bernd Walter, der gemeinsam mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern die Anlage von seinem Vater geerbt hatte. Der hatte sein Vermögen investiert, in dem Glauben daran, seiner Familie etwas Solides zu vererben. "Stand doch der große Name der Volkssolidarität dahinter", sagt Walter. Als der Fonds auslief, wartete Familie Walter jedoch vergeblich auf ihr Geld. Stattdessen informierte ein Schreiben die Anleger erst über die finanzielle Schieflage und schließlich über die Pleite. Bernd Walter wendete sich an die Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern und schaltete schließlich den Anlegerschutzanwalt Jochen Resch ein. Er vertritt mittlerweile eine Vielzahl der Geschädigten und hat Klage eingereicht – gegen den Bundesverband, den Landesverband Mecklenburg-Vorpommern sowie gegen die Kreisverbände Rostock Land und Mecklenburg Mitte . Für den Juristen ist völlig klar, dass die der Wohlfahrtsverband eine Mitverantwortung trägt. "Ich vertrete seit Jahrzehnten Anleger – doch einen Fall, in dem das Vertrauen in eine Institution dermaßen missbraucht wurde, habe ich noch nie erlebt", sagt der Jurist.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Wie damals

Es hat sich nichts geändert am Gedankengut der ehemaligen Bonzen.
Alles sind gleich, aber manche sind gleicher.
Und so bediene ich mich eben weiter.
Die Volkssolidarität ist ein Konstrukt aus DDR Zeiten und genauso wie dieses System verhält sich weiter diese Organisation.
Wieder einmal wurden unter dem Banner der "Solidarität" gute Menschen belogen und abgezockt.
Das DIE LINKE mit der VS sehr verbunden ist sei hier nur am Rande erwähnt. Im Vorstand fährt man dort gerne Porsche.....

Betrügerstaat? Ja. Betrügerstaat!

Unser Staat schützt seine Bürger ungenügend vor Betrug. Mit dem Hinweis auf den mündigen Bürger wird der Bürger im Haifischbecken allein gelassen. Das beginnt mit mangelnder Deklaration der Lebensmittel, Fälschung der Arbeitslosen-statistik und endet noch lange nicht mit dem Schneeballsystem gesetzliche Rente, staatliche Lotterie, Laufzeitverlängerung, Wahlversprechen, Harz IV- Satz, Niedriglohnsektor, mangelnder Rechtschutz von Beschäftigten bei Insolvenz, Kaufkraftverlust des Euros und und und ...Die Justitz garantiert nur das jeder vor Gericht klagen kann, aber nicht das die Betroffenen zeitnah Recht und Gerechtigkeit erfahren. Für mich ist das ein kümmerliches beschämendes Verständnis vom Rechtsstaat, wird doch so massiv Unrecht zementiert.