Die Internationale Energieagentur (IEA) hat am Donnerstag 60 Millionen Fass Öl aus der strategischen Ölreserve freigegeben und überraschte damit die Märkte, der Ölpreis fiel deutlich.

Dieser Schritt ist in zweifacher Hinsicht bemerkenswert: Die IEA wurde 1974 als Gegengewicht zur Organisation erdölexportierender Länder (Opec) gegründet. Die USA und Westeuropa legten riesige Ölreserven an (aktuell 1,6 Milliarden Fass), um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein, der dann aber nie eintrat. Lediglich im zweiten Golfkrieg Anfang der 90er und während des Hurrikans Katrina (2005) wurden kleinere Mengen auf den Markt geworfen, ohne aber tatsächlich benötigt zu werden. Bei Preiskrisen wie zum Beispiel 2008 galt stets der Grundsatz, dass der Markt den Preis bestimmt und dass lediglich bei größeren Störungen der Ölversorgung eingegriffen werden soll. 

Das hat sich mit der Entscheidung von gestern geändert. Seit Monaten monieren die Industrieländer, dass die Saudis, die als einziges Land über große freie Produktionskapazitäten verfügen, zu wenig gegen den steilen Ölpreisanstieg unternehmen. Selbst angesichts des Exportstopps in Libyen konnte sich die Opec auf ihrer letzten Sitzung zu keiner Quotenerhöhung durchringen, was eine ungewöhnlich erboste Reaktion in der IEA-Zentrale in Paris auslöste. Denn die Konjunkturrisiken sind unübersehbar: Seit Herbst 2010 sind die Rohölnotierungen in Europa um knapp 50 Prozent gestiegen.

Die IEA macht mit dem Markteingriff deutlich, was viele Experten schon lange beklagen: Der Ölmarkt funktioniert nicht. Der Preis wird zu sehr von der Opec und Hedgefonds bestimmt. Die meisten Petrostaaten brauchen mittlerweile extrem hohe Ölpreise, um sich innenpolitischen Frieden zu erkaufen.

Die Industrieländer, insbesondere die USA, können und wollen solche Preise nicht mehr akzeptieren, weil sie fiskal- und konjunkturpolitisch bereits auf Kante genäht sind. Der Konflikt mit der Opec ist nun offen ausgebrochen, was angesichts der prekären Lage in der gesamten arabischen Welt nichts Gutes für den Ölpreis verheißt. 

Aber der Versuch der IEA, die Ölpreishausse zu zähmen, zeigt noch ein zweites Problem auf: Die Energiewende im Verkehr und in der Petrochemie muss schneller kommen. Die starke Verhandlungsposition der Ölexporteure macht politisch klar, was wissenschaftlich längst Konsens ist: Die globale Ölförderung kann kaum noch ausgebaut werden, während die Nachfrage weiter steil ansteigt. Öl wird knapp werden. Auch das lässt neue Rekordpreise an der Tankstelle befürchten.