Erst Portugal , dann Irland und jetzt nochmal Griechenland : Die Rating-Agenturen stuften die Staatspapiere der EU-Mitglieder wenig schmeichelhaft auf Junk – auf deutsch: Ramsch – herab. Kaum besser als die Papiere von Angola, Jamaica oder der Mongolei. Es reicht, sagen nun die Europäer. Sie wollen sich nicht länger von den Rating-Agenturen ihre Gemeinschaftswährung torpedieren lassen. Sie wollen sich nicht länger dem Kartell "dreier US-Privatunternehmen" beugen, wie es EU-Justizkommissarin Viviane Reding formulierte. Über noch radikalere Maßnahmen denkt sogar die neue IWF-Chefin Christine Lagarde nach: Sie würde es Moody's, Standard & Poor's und Fitch glatt verbieten, sich über die mit teuren Rettungspaketen unterstützten Länder zu äußern.

Die Rating-Agenturen können dem gelassen entgegensehen. Nichts davon dürfte ihre Rolle einschneidend gefährden. Denn die Analysten, die die Bonität von Wertpapieren weltweit begutachten, sind ein unverzichtbares Rädchen in der globalen Geldmaschine. Ihre Einschätzung – ausgedrückt durch verschiedene Buchstabenkombinationen – kann Milliarden bewegen. Angefangen hat es mit John Moody, einem Finanzanalysten, der vor hundert Jahren begann, das Ausfallrisiko der großen amerikanischen Eisenbahngesellschaften mit einfach vergleichbaren Noten zu bewerten und seine Studien an potenzielle Anleger verkaufte. Bald folgte ihm die Konkurrenz mit ähnlichen Systemen, erst Standard & Poor's, später Fitch. Alle drei bis heute beheimatet in New York, wenige Häuserblöcke von der Wall Street entfernt

Der Aufstieg zur Finanzmacht begann in den dreißiger Jahren. US-Bankenaufseher suchten nach einer Möglichkeit, das Ausfallrisiko von Wertpapieren besser einschätzen zu können, die die Banken als sichere Reserven hielten. Um sich nicht auf deren eigene Angaben über die Bonität der Papiere verlassen zu müssen, verlangten die Aufseher ein Urteil der Rating-Agenturen. Dem Beispiel folgten bald auch die Regulierer von Versicherern, Pensionsfonds, Geldmarktfonds und anderen Institutionen, um deren Solvenz die staatlichen Aufpasser sich sorgten. "Damit wurden die Ratings praktisch zum Gesetz", sagt Lawrence White, Wirtschaftsprofessor an der New York University. Heute bestimmen die Noten der New Yorker Häuser, ob hinterlegte Sicherheiten etwa für die Anmietung von Büroräumen ausreichen, ob ein Unternehmen ein neues Werk bauen kann oder ein Krankenhaus mehr Zinsen zahlen muss. Die Ratings sind Bestandteil ungezählter Verträge und Transaktionen. Wer als Herausgeber von Anleihen seine Papiere am Markt unterbringen will, kommt um die Prüfer deshalb kaum herum. Selbst Griechenland, Portugal und Irland haben für ihre Schrottbewertung gezahlt.

Die US-Börsenaufsicht SEC tat ein Übriges und verpasste den Agenturen 1975 das Gütesiegel Nationally Recognized Statistical Rating Organization (NRSRO), und schrieb Herausgebern von bestimmten Wertpapieren vor, ein Rating einzuholen, bevor die Papiere zum Verkauf an Anleger freigegeben wurden. Bis heute sind nur zehn Unternehmen auf der NRSRO-Liste. Moody's, Standard & Poor's und Fitch machen jedoch den Löwenanteil des Geschäfts. In den USA bewerten sie über 90 Prozent der Staatsanleihen. Der begrenzte Teilnehmerkreis verhindert Wettbewerb und macht das Geschäft lukrativ.

Bedroht fühlten sich die Rating-Häuser plötzlich Ende der sechziger Jahre – durch die zunehmende Verbreitung der Fotokopierer. Ihre Sorge: Die zahlenden Investoren würden die exklusiven Studien kopieren und verteilen, ohne eine Lizenz an die Rating-Agenturen zu zahlen. Deshalb trafen sie eine Entscheidung: Statt der Anleger sollten künftig die Herausgeber der Papiere für die Ratings bezahlen.