Börsenexperte Robert Halver "Die Kakophonie verunsichert die Märkte"

Die Unsicherheit an den Märkten wird anhalten, sagt Börsenexperte Robert Halver im Interview. Schuld habe die Politik: Sie sei nicht mehr in der Lage, richtig zu führen.

ZEIT ONLINE: In Frankfurt geht es wieder massiv bergab. Herr Halver, warum haben die Signale der Europäischen Zentralbank, Staatsanleihen von Italien und Spanien aufzukaufen, nicht länger für Auftrieb gesorgt?

Robert Halver: Zunächst mal: Am Markt hat man die Maßnahme der EZB begrüßt. Danach wurde die positive Stimmung, die von der EZB-Ankündigung ausging, getrübt durch neue Eindrücke darüber, dass die Politik offenkundig nicht mehr in der Lage ist, zu führen.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Robert Halver

leitet die Abteilung Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Der Betriebswirtschaftler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Entwicklung der Finanzmärkte und mit Anlagestrategien.

Halver: Heute Morgen spricht der französische Finanzminister davon, bei Bedarf den europäischen Rettungsschirm aufzustocken. Nur kurz danach kommt dazu das "Nein" der Bundesregierung. Diese Kakophonie verunsichert die Märkte. Von der Politik werden stabile Rahmenbedingungen erwartet, nicht ein vielstimmiger Chor. Auf Dauer könnte das auch auf die Realwirtschaft durchschlagen, falls die Wirtschaft aus Unsicherheit ihre Investitionen drosselt.

ZEIT ONLINE: Noch ist die Lage aber ganz gut...

Halver: Das ist richtig, in Deutschland stimmen die Fundamentaldaten nach wie vor. Die Auftragslage ist gut, es werden Arbeitsplätze geschaffen. Der Dax steht, absolut betrachtet, weiterhin gut da. Aber wehret den Anfängen! Nach dem Lehman-Zusammenbruch hat die Politik gut und konsequent gehandelt, aber jetzt schwimmt man. Durch Zögern wurde viel Zeit verspielt, das Vertrauen in die Politik litt.

Aktuell kommt hinzu, dass seit dem Wochenende die Stimmung noch unsicherer geworden ist: Mit der Herabstufung der US-Bonität hat die Lage eine neue Dimension bekommen – es geht jetzt nicht mehr nur um die hohe Verschuldung in Europa. Die Börsianer sind entsetzt darüber, dass die Demokraten und Republikaner sich in Scharmützel ergehen statt zum Wohle des Landes zusammenzuarbeiten.

ZEIT ONLINE: Aber dass es um die Bonität der USA nicht gut bestellt ist, wusste doch schon vorher jeder. Warum reagieren die Märkte so deutlich auf die Herabstufung von Standard & Poor's?

Halver: Sicher, die Debatte um das Schuldenlimit geht schon eine Weile. Aber dass die Rating-Agentur ihre Drohung wirklich wahr macht und die Bonität schlechter bewertet, kam dann doch wie ein Schock. Die USA haben ihre "Unbeflecktheit" verloren. Seit Reagan hat die US-Regierung immer mit Schulden einer schwächelnden Wirtschaft wieder auf die Beine geholfen. Solche Schritte sind jetzt verbaut. Jetzt müssen die USA mitten in der Krise Reformen angehen. Das wird sehr schwierig werden – zumal wenn die streitenden Parteien nicht zusammenarbeiten und es keine Perspektiven gibt, wie man langfristig das Schuldenproblem löst.

ZEIT ONLINE: Wie wird es an den Finanzmärkten weitergehen – gute Nachrichten sind nicht in Sicht?

Halver: Die Unsicherheit wird anhalten. Wirtschafts- oder Unternehmensdaten kann ein Börsianer sauber nachvollziehen und bewerten, aber politische Börsen sind schwer einzuschätzen. Solange die Politik keine klaren Signale sendet, wird es an den Märkten wackelig bleiben. Das betrifft den Schuldenstreit in den USA genauso wie die Frage der Verschuldung in Europa. Man kann nicht permanent nur immer größere Rettungsschirme aufspannen. In manchen Ländern, wie Portugal oder Griechenland, sind längerfristig keine wirtschaftlichen Erfolge absehbar. Solche Länder werden womöglich die Eurozone verlassen müssen, um wieder durchatmen zu können. Das heißt aber nicht, dass man sie allein lässt.

 
Leser-Kommentare
    • Ron777
    • 08.08.2011 um 17:58 Uhr

    Es ist nicht die kakophonie - es ist die Realität, die vielen dämmert: Nun kommt auch Frankreich unter die Räder. Der Spiegel meldet, dass die Risikoaufschläge für das hoch verschuldete und wirtschaftlich angeschlagene Land sprunghaft ansteigen.

    Deutschland ist dann bald einziges Geberland im zukünftig unbegrenzt haftendem Rettungsschirm. Toll, Deutschland! So schnell hat noch nie eine Nation ihr kollektives Volksvermögen verbrannt. Das schafft eigentlich nicht mal Krieg in dieser Rekordzeit! Und nur, weil unsere irren Politiker ihrem Trauma frönen, dass Deutschland sich nie wieder in Europa isolieren dürfe. Und so spielen wir munter zum Sound der Euro-Boardkapelle das Rettungsboot, dass sich selbst das Kappen der Leinen zum abbuddelnden Mutterschiff verbietet... blub - blub. Am Ende steht die kurze Erkenntnis, dass man nach dem Sinken des dicken Pottes doch wieder allein war - aber nur für kurze Zeit - es gibt ja die Leine...

  1. Erst den Staaten das Wasser abgraben, indem man Steuerzahlungen von Konzernen auf ein Minimum beschränkt und den Staaten somit den Handlungsspielraum nimmt.

    Anschließend mit dem Finger auf die Staaten zeigen und laut rufen "Ihr seid schuld!".

  2. > Nach dem Lehman-Zusammenbruch hat die Politik gut und konsequent gehandelt, aber jetzt schwimmt man. <

    Kann mir mal jemand erklären was die "Politik gut und konsequent gemacht" hat? Wenn sie es getan hätte wäre das jetzt nicht geschehen?

  3. "Die Staaten müssen einfach weniger sagen und mehr führen!" Da hatter natürlich recht. Aber wie sollen die Staaten eigentlich führen, wenn jeder Versuch einer Finanzmarktregelung bis zur Auflösung hin verwässert wird? Und wen sollen sie eigentlich führen, wenn sich das zu führende Objekt erfolgreich mit allen Mitteln dagegen wehrt?
    Wahrscheinlich meinen die Finanzmarktexperten mit "Führung" eher eine "Zuführung"; und zwar idealerweise die Zuführung von Bonitätszusagen und frischem, unverbrauchten Geld, und das ganze am besten ohne grosses Trara und ziemlich pronto?
    Also so eher in die Denkrichtung, das die Staaten gefälligst die Klappe halten und schön brav zahlen sollen?
    Na ja, davon träumt ja praktisch jeder börsianische Finanzmarktexperte...

  4. DAGONG hat die USA schon seit langer Zeit auf A+ (nicht AA+)gesetzt. Das interessiert offensichtlich niemanden. Bei einer amerikanischen Agentur mit einem Minischritt rückwärts erstarrt die Welt.
    Wenn es schon keine europäische Ratingagentur gibt, sollten wir vielleicht häufiger Mal nach China sehen. Die liegen nicht so falsch.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ohne es an die große Glocke zu hängen. Das tun viele. Wer traut schon seit 2007 S&P?

    Ohne es an die große Glocke zu hängen. Das tun viele. Wer traut schon seit 2007 S&P?

  5. Warum ? Man kann keine Währung gründen, die in sich nicht funktionabel ist, nur weil ein paar vermutlich damals rotweinselige Möchtegernwährungsspezialisten aus dem politischen Wissens-Vakuum das so wollten. Eine Währung ist kein Wunschkonzert für politische Laien. Die, welche derer Wünsche aus Angst in die Realität umgesetzt haben, siehe Interviews Herrn Ackermanns und Herrn Norbert Walters, die sich über die ihnen drohenden Nachteile beschwert haben, die existenzvernichtend hätten sein können für dieses Institut, haben sich vor einigen Jahren geäussert, sie(die Politiker) möchten machen, was sie wollen, sie seien völlig beratungsresistent. Das Gleiche war ja mit Professor Hankel und seinen 158 Kollegen, allesamt Whrungsspezialisten. So, wie Kohl und Mitterand alles besser gewusst haben als der Rest der Welt, so wissen heute seine politischen Nachfolger alles besser als der Rest der Welt und werden keine Ruhe geben, bis sie die Euroländer samt und sonders alle komplett runiert haben, weil sie nicht verstehen, dass ihr Multinationalwährungsinstrument nicht existenzfähig ist. Erst wenn sie die letzte Billion Euro Kredit, die sie noch erhalten werden, in den Mist hineingehängt haben, werden sie erkennen, dass man mit einem solchen Unfug keinen Blumentopf gewinnen. Was die betrogenen Völker mit diesen Herrschaften irgendwann machen, wenn sie merken, wie sie in den Allerwertesten gekniffen sind, vermag ich mir heute nicht vorzustellen.

  6. Entfernt. Bitte äußern Sie sich differenziert und achten Sie auf eine neutrale Wortwahl. Verzichten Sie bitte auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

  7. Bitte beteiligen Sie sich nur an der Diskussion, wenn Sie dies mit sachlichen und konstruktiven Beiträgen tun wollen. Danke, die Redaktion/fk

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service