Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde ©David Ramos/Getty Images

Ein Hauch von Verschwörung liegt über Rom. Seit Jahrhunderten ranken sich in Italiens Hauptstadt Mythen um Geheimbünde, Männer in Kapuzenmänteln und geheimen Tunneln unter den Regierungsgebäuden. Die jüngsten Verschwörungstheorien aber betreffen eine Organisation, die ihren Sitz weit weg in Washington hat: den Internationalen Währungsfonds (IWF).

Seit der mittlerweile abgetretene Ministerpräsident Silvio Berlusconi vor vier Wochen den "ausdrücklichen Wunsch" geäußert hat, dass der Washingtoner Fonds die Buchhaltung Italiens stärker kontrollieren soll, herrscht über die Mission des Fonds offiziell Schweigen. Sowohl das Finanzministerium in Rom als auch der Internationale Währungsfonds verweigern jede Aussage darüber, wie stark die Aufseher des IWF mittlerweile in Rom engagiert sind. Für Italiens Bürger stellt sich immer mehr die Frage, wie autonom ihre Regierung noch entscheiden kann. Vielen klingen noch die Worte in den Ohren, die Berlusconi kurz nach seinem Abgang sprach: Italiens Politik, so sagte er, laufe längst auf "Standby".

Ganz falsch ist das sicherlich nicht. Allerdings befindet sich das Land schon länger im Standby-Modus.

Wie sehr Italien seit Wochen unter internationaler Beobachtung steht, zeigte sich nicht zuletzt vor vier Wochen während des G-20-Treffens in Cannes. IWF-Chefin Christine Lagarde scheute sich da nicht, recht grundlegend das eigentliche Problem Italiens zu benennen: Das Land, so sagte sie, habe ein "grundlegendes Zuverlässigkeitsdefizit".

Während Berlusconi in Cannes die Schelte bezog, bekam Wirtschaftsminister Giulio Tremonti in Rom einen Brief von EU-Währungskommissar Olli Rehn. In dem Schreiben forderte Rehn den Minister dazu auf, einen Überblick über die Umsetzung der Reformen zu geben. 39 Fragen enthielt der Text. Wie weit die Reform des Rentensystems gediehen sei, wie sehr man die Verwaltungskosten gesenkt habe, mit welchem Steueraufkommen in diesem und den nächsten Jahren zu rechnen sei, wollte der Kommissar wissen. Tremonti möge doch bitte antworten, und zwar "detailliert".

Fünf Tage später bekam Tremonti Besuch von einer Delegation von Mitarbeitern der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Europäischen Kommission. Wieder ging es um die Reformen in Italien. Was die Aufseher vorfanden stellte sie offenbar nicht zufrieden. Eine Woche später musste Berlusconi gehen.

Sein Nachfolger, der EU-nahe Mario Monti, setzt nun Reformen um, die nicht in Rom entstanden sind, sondern in Brüssel und Frankfurt. Die Frühverrentung im Land soll abgeschafft, das Renteneintrittsalter auf 67 erhöht werden. Große Teile des Öffentlichen Dienstes werden privatisiert, die Verwaltung muss sparen. Die Reformen sehen auch weitere Liberalisierungen am Arbeitsmarkt vor.