In Europa wird über die Einführung einer Finanztransaktionssteuer gestritten. Das stärkste Argument ihrer Gegner: Eine solche Steuer vertreibe Finanzgeschäfte auf unregulierte Märkte , zum Beispiel nach Großbritannien . Doch dort gibt es schon seit Jahrzehnten etwas Ähnliches. Die britische Steuer heißt stamp duty reserve tax , kurz SDRT, und durchgesetzt wurde sie im Jahr 1986 – ausgerechnet von Margaret Thatcher , damals auf dem Höhepunkt ihrer Macht.

In einer Urform existiert die SDRT schon seit 1694, als die Regenten William III. und Mary II. Geld für einen Krieg gegen Frankreich brauchten. Sie erhoben eine Abgabe auf die Beglaubigung von Wertpapieren. Die Abgabe blieb auch nach dem Krieg: Eine probate Einnahmequelle, einmal entdeckt, gibt kein Staat so schnell wieder auf.

Im Jahr 1765 wollten die Briten die Abgabe auf ihre amerikanischen Kolonien ausweiten. Doch die Kolonisten revoltierten und zettelten unter dem heute weltweit anerkannten demokratischen Credo "Keine Besteuerung ohne Mitspracherecht" den Unabhängigkeitskrieg an. So wurden die USA aus dem Widerstand gegen die damals verachtete Steuer geboren.

In Großbritannien denkt sich heute kein Mensch etwas dabei, dass jeder Aktienkauf besteuert wird. Jede Steuer steht jedes Jahr in der Haushaltsdebatte zur Diskussion – die Benzinsteuer, die Alkoholsteuer, die Tabaksteuer, die Einkommenssteuer, die Erbschaftssteuer, die Versicherungsabgabe, und die Mehrwertsteuer. Nur die SDRT nicht. Sie ist parteiübergreifend derart unstrittig, dass die meisten Briten gar nicht wissen, dass es sie gibt. Sie ist Teil des täglichen Lebens, wie die Luft, die man atmet.

Fast jeder zahlt die Steuer

Und wie die Luft betrifft sie jeden. Nicht jeder handelt in Aktien, das ist wie in Deutschland eine Minderheit. Doch die meisten Briten zahlen in private oder durch Arbeitgeber verwaltete Rentenkassen ein, die staatliche Rente liegt unter dem Existenzminimum. Die Rentenkassen investieren das Geld zu einem großen Teil in Wertpapiere. Und jedes Mal, wenn uminvestiert wird, bekommt der Staat seinen Teil ab. Ein halbes Prozent des Aktienwertes gehört dann den öffentlichen Kassen.

Wer genau verstehen will, wie die SDRT funktioniert, muss sich ein wenig mit der Spezialwelt der Steuer-Geeks und den von ihnen verwendeten Abkürzungen auseinandersetzen. Die von Thatcher eingeführte Form der Steuer geht auf den Big Bang zurück, auf den 27. Oktober jenes Jahres, als die Londoner Börse liberalisiert wurde und sich vom traditionellen Direkthandel auf elektronischen Umschlag umstellte. Die alte stamp duty eignete sich nur für Papiertransaktionen, deshalb wurde eine neue Umlage notwendig.

Heute werden die meisten privaten Wertpapiertransaktionen über CREST abgewickelt, ein zentrales Wertpapierverwahrungssystem für das Königreich, die Republik Irland und die autonomen Inseln Man und Jersey. CREST wird von einer Firma namens Euroclear verwaltet. Die führt die Steuern sozusagen per Knopfdruck direkt an die Finanz- und Zollverwaltung Ihrer königlichen Hoheit ab. Investmentfirmen und Anlagefirmen überweisen die Steuer dagegen auf eher altmodische Art am 14. jeden Monats mit einer Steuererklärung an das Finanzamt. Wie bei jeder Steuer gibt es Freistellungen und Ausnahmeregelungen.

Das Schatzamt zieht mittels der SDRT letztlich drei Milliarden Pfund im Jahr an Land. Das ist keine überwältigende Summe – aber besser als in die hohle Hand gespuckt.