ÖkonomieWas Geld mit uns macht
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Die Psyche leidet unter einem knappen Budget

Ob es jedoch wirklich die Geldsorgen sind, die die Lebenserwartung verkürzen, ist damit noch nicht bewiesen. Denn Menschen mit einem niedrigen Einkommen sind in der Regel auch weniger gebildet als reichere Menschen. Und das Bildungsniveau spielt eine große Rolle bei einer ganzen Reihe von gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen. So konnten die Ökonomen Brit und Udo Schneider von der Universität Bayreuth zum Beispiel nachweisen , dass Menschen mit einem niedrigen Schulabschluss häufiger rauchen und öfter übergewichtig sind, als Abiturienten und Akademiker.

Auch die Forscher um Hannes Neiss geben zu, dass Bildung einen großen Effekt auf die Gesundheit hat . "Vollständig lässt sich die kürzere Lebenserwartung von Männern mit geringen Einkommen dadurch jedoch nicht statistisch beschreiben", sagt Neiss. Und einige Studien zeigen tatsächlich, dass finanzielle Probleme der Gesundheit auch unmittelbar schaden. So kann das Gefühl, für seine Arbeit nicht gerecht entlohnt zu werden, das Risiko von Herzerkrankungen messbar erhöhen, wie der Ökonom Armin Falk und der Soziologe Johannes Siegrist herausfanden. Auch sie griffen auf Daten aus dem SOEP zurück und beobachteten, dass Menschen, die über eine unfaire Bezahlung klagten, deutlich häufiger an Herzerkrankungen, Bluthochdruck und Depressionen litten.

Viel stärker als der Körper leidet jedoch die Psyche unter einem knappen Budget. Der britische Ökonom John Gathergood (Universität Nottingham) zeigt in einer aktuellen Studie detailliert, wie stark Schulden die Seele belasten. Er wertete eine große Haushaltsbefragung aus Großbritannien aus, bei der die Interviewten ähnlich wie beim SOEP über ihr Einkommen und ihren Gesundheitszustand Auskunft gaben. Menschen, die Probleme hatten, die Zinsen für Hypothekenschulden und Konsumkredite zu bezahlen, litten deutlich häufiger an Schlafstörungen und ausgeprägter Angst, fand Gathergood heraus.

Doch auch seine Studie zeigt: Wie Geld wirkt, hängt entscheidend davon ab, wie es dem Nachbar geht. In Regionen, in denen auch viele andere Bewohner Geldsorgen haben, gehen die Menschen mit ihrer Überschuldung deutlich gelassener um und können trotz überbordender Zinszahlungen nachts ruhig schlafen. Für viele Menschen scheint die große Erfindung Geld daher meistens einem ganz profanen Zweck zu dienen: Sich mit anderen zu vergleichen

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass zur Verlinkung ihres eigenen Blogs ihr Profil vorgesehen ist. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
  2. Interessant. Es reicht also nicht, dass es mir gut geht. Es muss mir besser gehen als anderen, damit es mich glücklich macht. Gut, dass Geld nicht glücklich macht weiss jeder. Und das kein Geld unglücklich macht auch.

    Wenn ich diese Erkenntnisse jetzt politisch verarbeite, dann machen Minimal- und Maximallohn wirklich Sinn.

    19 Leserempfehlungen
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    ...Lohnunterschiede vor diesem Hintergrund keinen Sinn mehr - denn mein aermerer Nachbar wuerde dann ja im selben Zeitraum auch ungluecklicher werden, wenn ich ihr "uberhole" - die Gluecksbilanz von uns beiden bliebe als gleich. Oder macht weniger Geld ungluecklicher als mehr Geld gluecklicher macht (oder umgekehrt)?

    Nicht ganz. Es kann sein, dass Geld sie glücklich macht, obwohl andere mehr verdienen. Ich bin mir sicher, es gibt ein paar authistische Zahlenjunkies, die durch Geldverdienen auch ohne Vergleiche glücklich werden.
    Ein Problem, dass den ganzen Artikel durchzieht: Er suggeriert, dass die statistischen Ergebnisse wie ein naturwissenschaftliches Gesetz für jeden einzelnen gelten. Auch als könnte man an der Einstellung zu Geld nichts ändern.
    Wenn ich den Artikel richtig verstehe, zeigt die Studie, dass Glück in unserer Gesellschaft meist durch Vergleiche erfahren wird. Und Besitz dafür ein Mittel ist. Der reine absolute Besitz/Gesundheit dagegen wirken sich auf das glücklich Sein wohl nur wenig aus. Was ich mir beim "Besitz" von Kindern/Lebenspartner (und entsprechender Unterkunft etc.) nur schwer vorstellen kann. Vermutlich zählt dafür nur eine Grundsicherung, die hier in der Regel erfüllt wird.

    • gooder
    • 31. Oktober 2012 23:20 Uhr

    Es muss ihnen besser gehen als anderen,erst dann sind sie glücklich. Das streben nach mehr, die Überlegenheit gegenüber anderen,wenn auch nur in finanzieller Hinsicht, denn über die Kaufkraft wird der gesellschaftliche Stand bestimmt, ist ein Grundpfeiler der kapitalistischen Werteordnung. Mehr-Mehr-Mehr !

    http://www.youtube.com/wa...

    Frage: Muss ein Mensch wirklich schneller rennen als der Löwe hinter ihm?
    Antwort: Nein, nur schneller als der Mensch neben ihm!
    Damit ist uns der Wunsch nach "besser als ..." quasi in die Wiege gelegt, angeboren, durch die Evolution mit Überleben und Nachkommen belohnt.

    • e-fred
    • 31. Oktober 2012 17:41 Uhr

    „Die schlechte Nachricht vorweg: Geld macht nicht glücklich.“ Warum ist die Feststellung, dass Geld nicht glücklich macht eine schlechte? Ich halte es für eine gute Nachricht. Mit dieser Erkenntnis ist es möglich auf die Suche nach Glück nicht mit Gewinnstreben zu verbinden, sondern mit einem verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen.

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    • hairy
    • 31. Oktober 2012 18:17 Uhr

    ;)

    :)

    • Handryk
    • 31. Oktober 2012 17:43 Uhr

    "Die schlechte Nachricht vorweg: Geld macht nicht glücklich".

    Dies ist meiner Meinung nach die gute Nachricht. So scheiden sich manchmal die Geister.

    27 Leserempfehlungen
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    • Psy03
    • 01. November 2012 0:24 Uhr

    Allein aus dem Satz, kann man die gewünschte Zielgruppe der Zeit herauslesen.

    • Mieheg
    • 01. November 2012 1:20 Uhr

    Es war so klar das wieder jemand kommen wird und genau den Satz rauspickt. Zum ersten wird hier aus der Sicht eines alten Systems geschrieben und für dieses ist es in der Tat schlecht, wenn seine Axiome nicht mehr gelten. Zweitens muss man einen Text immer als Gesamtwerk betrachten und sollte aufhören sich da an einzelnen Formulierungen aufzugeilen.

    Ansonsten sei gesagt das die Ökonomen heutzutage schon viel weiter sind. Das Easterlin-Paradox ist seit über 30 Jahren bekannt. Studien zu Glück und Lebenszufriedenheit haben viele weitere Erkenntnisse gebracht. Letztendlich auch die Erkenntniss das auch diese beiden Werte nicht sonderlich tauglich sind um die Wohlfahrt einer Gesellschaft zu messen. Viel zu subjektiv und leicht beeinflussbar sind die Aussagen von Individuen. Wir adapten viel zu schnell an neue Lebenssituationen. Nur sehr wenige Situationen beeinflussen unsere Zufriedenheit wirklich langfristig und auch diese nur minimal. Über 50% unserer Zufriedenheit ist Genetisch bedingt.

    Der Trend in neueren Forschungen geht da hin, einen Wohlfahrtsindex aus "objektiven" und "subjektiven" Faktoren zu basteln. D.h. aus der Lebenszufriedenheit und aus scheinbar objektiven Faktoren die sich aus unseren Moralvorstellungen ableiten lassen.

    da ist wohl was dran. Es kommt ja nicht von ungefähr das man sagt, die Kölner seien eine Frohnatur oder die Griechen seien die glücklichsten Menschen.

  3. die Mehrzahl an gierigen und erfolgshungrigen Mütter und tiger moms unterstützt meine These: Es geht doch bei den meisten BErufszielen und Tätigkeiten nur um die Kohle.
    Ein spezieller Gruß hiermit an die deutschen Ärzte. Eine Diskussion um "leistungs-loses" , die die Zeit gerne anregt, sollte mal um diese Berufsgruppen kreisen.
    devoid of any performance..

    4 Leserempfehlungen
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    "Besonders Männer orientieren sich stark an ihrem sozialen Umfeld."

    ;)

  4. Schon Danny Kaye wußte: "Geld allein macht nicht glücklich. Es gehören auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu."

    12 Leserempfehlungen
  5. Von der Feststellung, dass eine Funktion des Geldes der Vergleich mit dem Nachbarn ist, und dass dieser Vergleich durchaus glücklich machen kann, bis zu der Einsicht, dass Geld in diesem Fall als Ausdruck von erbrachter Leistung dient, und dass die relevante Funktion des Geldes also darin besteht, erbrachte Leistungen miteinander zu vergleichen, ist es eigentlich nicht weit.

    Die Definition, dass Geld zerknicktes Papier und abgewetzte Metallstücke sind, wird dem leider in keiner Weise gerecht!

    Ein Lottogewinn oder eine Erbschaft sind keine erbrachte Leistung, die glücklich machen könnte. Ein Erhalt von Sozialleistungen macht auch nicht glücklich, obwohl er in Geld gemessen und ausgezahlt wird.

    Eine Gehaltserhöhung verbunden mit einem Lob vom Chef kann sehr wohl glücklich machen.
    Und Steuern zahlen macht tendenziell unglücklich.

    Steuern und Sozialstaat, Erbschaftssteuer etc. sind aber keine Funktion des Geldes an sich. In einem Land könnte Geld mithin auch andere Wirkungen haben.

    4 Leserempfehlungen
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    In einem *anderen* Land könnte Geld mithin auch andere Wirkungen haben.

    • IPJ
    • 01. November 2012 18:50 Uhr

    Leistungen zu vergleichen: Das wird zum Problem in Gesellschaften, in denen Einkommen sehr stark divergieren. Dann ist dieser besondere Indikator des Geldes, der erbrachte Leistungen anzeigt, um sie miteinander vergleichen zu können, nicht mehr funktionstüchtig.

    Je ungleicher Einkommen in einer Gesellschaft verteilt sind, je mehr bestimmte Gruppen für sich selbst abzweigen und noch dazu Verantwortung und Risiken auf niedrigere Lohngruppen in prekären Arbeitsverhältnissen oder auch als Unternehmer auf die Arbeitnehmer generell abwälzen können, weil z. B. Lobbyisten politisch darauf hinwirken, desto mehr stimmt dieses Postulat, am Einkommen könne man die Leistungsfähigkeit ablesen, nicht mehr mit der Wirklichkeit überein. Auch das sind paradoxe Zustände, die viele Menschen nicht nur unzufriedener und unglücklicher, sondern depressiv, psychisch und körperlich krank machen. Auch die allein dadurch verursachten volkswirtschaftlichen Schäden, deren Last ebenfalls dieselben Menschen zu tragen haben, sind enorm.

    Für seine erbrachte Leistung nicht gerecht entlohnt zu werden, während andere mit Geld- und Medienmacht politische Entscheidungen, Kampagnen und Berichterstattung kaufen und damit diese Zustände noch vertiefen können, lässt im besten Falle Unlust, eher noch Hoffnungslosigkeit aufkommen, weil man keine Aussicht auf Besserung der eigenen prekären Umstände erkennen kann.

    Tatsächlich können ganze Gesellschaften, Wirtschafts- und Finanzsysteme daran zugrunde gehen.

    Gruß
    Janna

  6. In einem *anderen* Land könnte Geld mithin auch andere Wirkungen haben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeitskollege | Bluthochdruck | Einkommen | Erfindung | Geld | Studie
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