ÖkonomieWas Geld mit uns macht

Der Neid auf den reichen Nachbarn, das Glück des Lottogewinns: Ökonomen erforschen immer besser, wie Geld unser Leben verändert. Was sind ihre Ergebnisse? von Malte Buhse

Geld kann sehr wohl glücklich machen. Allerdings nur dann, wenn man mehr davon hat als der Nachbar.

Geld kann sehr wohl glücklich machen. Allerdings nur dann, wenn man mehr davon hat als der Nachbar.  |  © DieDidi / photocase.com

Es sind nur Zahlen auf einem Computerbildschirm, einige abgewetzte Metallstücke in der Hosentasche oder eine Handvoll verknicktes Papier. Geld ist ziemlich unspektakulär – und eine der größten Erfindungen der Menschheit. Geld ist der Motor der Marktwirtschaft und ein Versprechen, das die Menschen zu Tausenden in die Lotto-Kioske lockt. Ökonomen und Soziologen erforschen seit Jahrzehnten, wie Geld unser Leben verändert . Macht es glücklich? Zufrieden? Gesund?

Eine der wertvollsten Quellen für die Forscher ist das sozio-ökonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung . Seit 1984 besuchen Mitarbeiter des Instituts jedes Jahr rund 11.000 Haushalte in Deutschland und befragen die Studienteilnehmer über Einkommen, Beruf, Gesundheitszustand und darüber, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Auf diese Weise ist ein großer Datensatz entstanden, der Einblicke in die Lebensumstände und Gefühlslagen von mehr als 20.000 repräsentativ ausgewählten Menschen erlaubt. Die Daten erlauben aber vor allem eine bessere Antwort auf die Frage, was Geld mit uns macht und ob sich die Jagd danach immer lohnt.

Die schlechte Nachricht vorweg: Geld macht nicht glücklich. Jedenfalls meistens nicht. Eine ganze Reihe von Studien zeigt: Auch wenn das Einkommen steigt und die Menschen immer mehr Geld auf der hohen Kante haben, werden sie in der Regel nicht glücklicher. "Sogar ein Einkommensverlust führt für sich genommen nicht zu einer Verschlechterung der Lebenszufriedenheit", sagt Jürgen Schupp, der das SOEP in Berlin leitet.

Anzeige

Die Ergebnisse des Forschers bestätigen den amerikanischen Ökonomen Richard Easterlin , einen der Pioniere der ökonomischen Glücks- und Geldforschung. Schon 1974 verglich Easterlin Umfragen zur Lebenszufriedenheit mit Statistiken über das Wirtschaftswachstum . Obwohl der Lebensstandard in der Boomzeit nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in den USA über Jahre hinweg deutlich gestiegen war, wurden die Amerikaner nicht glücklicher, stellte Easterlin einigermaßen verblüfft fest. Für Ökonomen eine durchaus problematische Erkenntnis: Sie bewerteten Politikmaßnahmen vor allem danach, ob das Gesamteinkommen steigt. Damit folgen sie der Annahme, dass mehr materieller Wohlstand auch mehr Lebensglück bedeutet. Easterlins Forschung ging daher als das Easterlin-Paradox in die ökonomische Geschichte ein.

Allerdings vermutete auch Easterlin schon damals, dass Geld sehr wohl glücklich machen kann. Jedoch nur dann, wenn man mehr davon hat als der Nachbar. Reiche werden zwar nicht glücklicher, wenn sie noch reicher werden, beobachtete Easterlin. Sie sind aber grundsätzlich glücklicher als Arme. Demnach zählt nicht das, was man sich von all dem Geld kaufen kann. Vielmehr ist der gesellschaftliche Status wichtig, den der Reichtum mit sich bringt. Wenn alle Menschen in etwa dem gleichen Tempo wohlhabender werden und sich die soziale Rangordnung nicht ändert, bleibt auch die Lebenszufriedenheit gleich. Dann kommt es zum Easterlin-Paradox.

Vor allem Männer vergleichen sich gern

Wie wichtig der Vergleich mit Mitmenschen beim Thema Geld ist, konnte der Ökonom Jürgen Schupp vor drei Jahren mit Daten aus dem SOEP messen. Zusammen mit zwei Kollegen wertete er die Befragungsrunde aus dem Jahr 2008 aus, bei der einige neue Fragen in den Interviewbögen aufgenommen wurden. Diesmal mussten die Befragten auch angeben, wie viel sie im Vergleich zu Arbeitskollegen, Freunden und Nachbarn verdienen.

Führt eine Beförderung dazu, dass jemand fortan mehr verdient als seine Arbeitskollegen, bedeutet mehr Geld tatsächlich mehr Glück , zeigen die Daten der Forscher. Besonders Männer orientieren sich stark an ihrem sozialen Umfeld. Nur wenn ein Gehaltssprung sie zum Reichsten in der Vergleichsgruppe macht, kommt mit dem Geld auch Zufriedenheit. Frauen hingegen vergleichen sich seltener mit anderen und nehmen sich den Wettlauf um das höchste Gehalt daher nicht so zu Herzen.

Sofern man also nicht auf der Gehaltstabelle gleich nach ganz oben schießt, macht mehr Geld eher nicht glücklich. Aber macht es wenigstens gesund? Immerhin müssen Wohlsituierte seltener körperlich hart arbeiten und können sich eine bessere medizinische Behandlungen leisten. Tatsächlich zeigt eine Studie auf Basis der SOEP-Daten, dass Besserverdiener länger leben. Frauen mit geringem Vermögen sterben im Durchschnitt 3,5 Jahre früher als wohlhabende Frauen, hat ein Forscherteam um den Forscher Hannes Neiss herausgefunden. Bei Männern ist der Effekt sogar noch stärker: Geringverdiener sterben statistisch gesehen fünf Jahre jünger.

Leserkommentare
  1. den fleissigen Nachbarn, oder die fleissige Nachbarin, die malocht bis zum Umfallen fuer einen Jahresloohn von 20.000 Euro, wenn sie sehen wie andere, die ganz offensichtlich ueber mehr Freizeit verfuegen sich vom Gegenwert ihres Jahreslohnes sich mal eben ein neues Auto kaufen.

    Antwort auf "An sich"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gooder
    • 31. Oktober 2012 23:47 Uhr

    Wenn es so ist wie sie schreiben, sind Nachbar oder Nachbarin neidvolle Menschen voller Mißgunst. Sei es doch den Nachbarn, den mit dem Auto im Wert eines Jahresgehaltes,gegönnt!

    • klunjes
    • 31. Oktober 2012 23:38 Uhr

    Geld, bzw. viel Geld kann dabei hilfreich sein zufriedener zu leben. Aber ob es unbedingt glücklich macht, da hege ich Zweifel.

    Einem Nachbarn -50, -gute betriebliche Stellung- fällt bei einem Zaungespräch nichts weiter ein, als zu erzählen, wieviel dies und das kostete, wie hoch seine Ausgaben sind und was der Bekannte sich kaufte. Er gibt viel aus und spart wo er nicht sparen muss. Bio-Eier z.B. sind ihm zu teuer, weil sie statt 18Ct 25Ct kosten. Seinen BMW rüstet er mit Reifen maximaler Größe aus und legt dafür 200 Öcken mehr auf den Tisch, ärgert sich über den hohen Verbrauch bei 250, gleichzeitig aber über den Spritpreis. Sein Lächeln wirkt immer verächtlich, zynisch, unzufrieden. So bewegt er sich aber auch.

    Ein anderer, den habe ich 1992 bei der Dune du Pyla getroffen. Der hauste dort in einem Erd/Sandloch und hatte außer seinen spärlichen Klamotten nichts! Dachte ich! Bis er sich umdrehte, unsere Blicke sich trafen. Ich schaute ihn ungläubig an, er hielt den Blick, breitete dann seine Arme seitwärts aus und sagte: "le mien". Ich verstand ihn nicht. Zwei Sekunde später holte er von unten aus, zieht seine Arme aus Kniehöhe vor seinen Körper nach ganz oben, öffnet den Kreis zu beiden Seiten hin und sagt strahlend in den blauen Himmel hinein, sich und mich meinend: "le mien!" Trotz weit offenem Mund, vergas ich zu atmen. Ich verstand ihn und fing an, das Leben zu verstehen. Dieses ledern-braungebrannte, göttlich-glücklich strahlende Gesicht werde ich nie vergessen.

    • gooder
    • 31. Oktober 2012 23:47 Uhr

    Wenn es so ist wie sie schreiben, sind Nachbar oder Nachbarin neidvolle Menschen voller Mißgunst. Sei es doch den Nachbarn, den mit dem Auto im Wert eines Jahresgehaltes,gegönnt!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    auf einen Beitrag in dem behauptet wurde, man solle (!) auch mehr verdienen als ein fauler Nachbar.

    ... die Studie, weil ich Nachbarschaftsneid immer fuer einen Mythos gehalten habe.
    Ich kenne dieses Gefuehl gar nicht und unterstelle es auch meinen Nachbarn nicht.
    In punkto Glueck wirkt Geld nicht fuer mich nicht "an sich". Einen kurzen Kick erlebe ich, wenn ich ploetzlich unerwartet Geld bekomme (ist allerdings erst 2 mal in meinem Leben in sehr bescheidenem Rahmen vorgekommen) - weil ich mir dann ploetzlich etwas frueher als erwartet kaufen konnte, worauf ich schon lange gespart hatte. Generelle "Zufriedenheit" erlebe ich vor allem als Befreiung von der Last, die Bezahlung von Rechnungen aufschieben zu muessen, bei jedem Einkauf einen inneren Taschenrechner im Kopf zu haben, mit der Angst vor unerwartetem Geldbedarf (Waschmaschine oder PC kaputt)umgehen zu muessen oder als geizig zu gelten, wenn in den letzten Tagen vorm Gehaltseingang Geld im Kollegenenkreis fuer irgendeinen Anlass gesammelt wird. Daher denke ich, dass sich Zufriedenheit dann einstellt, wenn man ein wenig mehr Geld zur Verfuegung hat, als man fuer das Leben, das man fuehrt, unbedingt braucht.

    • Psy03
    • 01. November 2012 0:24 Uhr

    Allein aus dem Satz, kann man die gewünschte Zielgruppe der Zeit herauslesen.

    Antwort auf "gut oder schlecht"
  2. ...das größte Glück überhaupt.

    • Mieheg
    • 01. November 2012 1:20 Uhr

    Es war so klar das wieder jemand kommen wird und genau den Satz rauspickt. Zum ersten wird hier aus der Sicht eines alten Systems geschrieben und für dieses ist es in der Tat schlecht, wenn seine Axiome nicht mehr gelten. Zweitens muss man einen Text immer als Gesamtwerk betrachten und sollte aufhören sich da an einzelnen Formulierungen aufzugeilen.

    Ansonsten sei gesagt das die Ökonomen heutzutage schon viel weiter sind. Das Easterlin-Paradox ist seit über 30 Jahren bekannt. Studien zu Glück und Lebenszufriedenheit haben viele weitere Erkenntnisse gebracht. Letztendlich auch die Erkenntniss das auch diese beiden Werte nicht sonderlich tauglich sind um die Wohlfahrt einer Gesellschaft zu messen. Viel zu subjektiv und leicht beeinflussbar sind die Aussagen von Individuen. Wir adapten viel zu schnell an neue Lebenssituationen. Nur sehr wenige Situationen beeinflussen unsere Zufriedenheit wirklich langfristig und auch diese nur minimal. Über 50% unserer Zufriedenheit ist Genetisch bedingt.

    Der Trend in neueren Forschungen geht da hin, einen Wohlfahrtsindex aus "objektiven" und "subjektiven" Faktoren zu basteln. D.h. aus der Lebenszufriedenheit und aus scheinbar objektiven Faktoren die sich aus unseren Moralvorstellungen ableiten lassen.

    Antwort auf "gut oder schlecht"
  3. ... und ich habe umgekehrt auch zufriedene und glueckliche Wohlhabende getroffen und zerkniffene Sandmaenner.

    Quintessenz: weniger selektiv Stories nach Gefallen raussuchen, mehr die ganzheitliche Realitaet betrachten. Dann wird auch klar, weshalb sie selbst nicht neben dem "Sandlochmenschen" gesiedelt haben.

    Abhaengig von Geld ist genau derjenige, der sich davon abhaengig macht. Voellig falscher Ansatz: viel Geld = viel Abhaengigkeit. Schon falsch, nix begriffen ...

  4. Weil unsere Gesellschaft das Geld so eng mit dem Überleben verbindet, gibt uns der Refrain „Ich kann es mir nicht leisten“ eine Ahnung von der Überlebensangst, die so vielen unserer Lebensentscheidungen zugrunde liegt, kleinen wie großen. „Ich kann es mir nicht leisten“ ist sicherlich nicht beschränkt auf Situationen, in denen wir Einkäufe tätigen. Es deutet auf die Monetarisierung des gesamten Lebens. So wie die Sphäre der monetarisierten menschlichen Aktivität wächst, so wächst auch die Allgegenwärtigkeit der Angst, die das verknappungs- und wettbewerbserzeugende Geldsystem gebiert. Zu entscheiden aufgrund dessen, was wir uns leisten können, heißt wählen aus einer Position des Mangels. Die Logik des zinsbasierten Geldes, (...), stellt sicher, dass wir nie genug haben.

    Charles Eisenstein, Die Renaissance der Menschheit

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeitskollege | Bluthochdruck | Einkommen | Erfindung | Geld | Studie
Service