100 Jahre ist die Idee schon alt, jetzt soll endlich ihr großer Auftritt kommen. Am Donnerstag trifft sich der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) zu einer vermutlich historischen Sitzung. Weil die Inflationsrate seit Monaten niedrig und das Wirtschaftswachstum schwach ist, scheinen die Notenbanker wild entschlossen, ein neues geldpolitisches Instrument auszuprobieren: negative Zinsen.

Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Noch nie hat sich eine der drei großen Zentralbanken an negative Zinsen gewagt. Die EZB will dabei nicht den Leitzinssatz, ihr wichtigstes und bekanntestes Instrument, ins Minus drücken, sondern die Einlagezinsen. Die bezahlt sie normalerweise Banken, die Geld bei ihr einlagern. Normal ist bei der EZB aber schon seit Jahren nichts mehr. Die Zentralbank ist seit 2008 im ständigen Krisenmodus und hat die Einlagezinsen bereits auf null gesenkt. Jetzt soll es noch eine Stufe tiefer gehen.

Dahinter steckt eine Theorie, die der Geldtheoretiker Silvio Gesell vor rund 100 Jahren das erste Mal beschrieb. Gesell überlegte, was man machen müsste, um Menschen dazu zu bringen, ihr verdientes Geld schnell wieder auszugeben. Seine Lösung: Das Geld müsste einfach jeden Tag an Wert verlieren. So würde Sparen unattraktiv und mehr konsumiert. Bisher wurde dieses Prinzip nur bei künstlichen Regionalwährungen wie dem Chiemgauer umgesetzt, mit dem man in einigen Geschäften in den oberbayrischen Landkreisen Rosenheim und Traunstein bezahlen kann. Nach drei Monaten verliert ein Chiemgauer zwei Prozent seines Wertes.

Hoffen auf mehr Kredite

Wenn die EZB negative Einlagezinsen einführt, hätte das für die Banken in Europa einen ähnlichen Effekt. Sie müssten für ihre Reserven bei der EZB Gebühren zahlen und würden so jeden Tag Geld verlieren. Weil das kein gutes Geschäft ist, würden sie das Geld lieber an Unternehmen oder Konsumenten verleihen und so die Wirtschaft antreiben – das hofft zumindest die EZB.

Wie wackelig dieser Plan ist, zeigt jedoch das Beispiel Dänemark. Die Dänische Zentralbank ist bisher die einzige Notenbank, die praktische Erfahrungen mit negativen Einlagezinsen gesammelt hat. Mitte 2012 senkte sie die Zinsen für Einlagen mit einer maximalen Laufzeit von sieben Tagen unter die Null-Grenze. Die Kreditvergabe an Unternehmen oder Privatpersonen stieg dadurch aber nicht. Im Gegenteil: Die Banken vergaben sogar etwas weniger Kredite als vorher, zeigt eine Analyse der Ökonomen Pia Hüttl und Zolt Darvas von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. "Die Banken in Dänemark haben das Geld, das vorher auf den Zentralbankkonten lag, lediglich in andere liquide Anlageformen umgeschichtet", sagt Bruegel-Forscherin Hüttl. Sie kauften zum Beispiel dänische Staatsanleihen mit kurzen Laufzeiten.

So würde es auch in der Euro-Zone sein, glaubt Zolt Darvas. "Die Banken parken ihr Geld bei der EZB, weil sie es ausdrücklich nicht als Kredite für einen langen Zeitraum verleihen, sondern kurzfristig Zugriff darauf haben wollen." Die EZB-Konten sind dafür zwar eine praktische aber längst nicht die einzige Anlageform. Es gebe genügend andere kurzfristige und ebenfalls relativ sichere Anlagemöglichkeiten auf dem Geldmarkt, sagt Darvas. Mit Strafzinsen ließen sich die Banken daher nur schwer zur Kreditvergabe zwingen. Auch weil es um vergleichsweise wenig Geld geht. Die Einlagen der Banken bei der EZB sind zuletzt stark gesunken. Mitte 2012 lagen auf den Konten bei der Zentralbank fast 800 Milliarden Euro, inzwischen sind es weniger als 30 Milliarden. Dieses Geld würden die Banken problemlos anderswo unterbringen, sagt Zsolt Darvas.