EZB-Präsident Mario Draghi © dpa

60 Milliarden Euro, Monat für Monat – die Staatsanleihenkäufe der Europäischen Zentralbank werden das größte Experiment in der Geschichte der Eurozone. Welche Folgen dieser gigantische Markteingriff haben wird, ist noch völlig unklar. Inflation, befürchten die einen. Falsche Anreize für hochverschuldete Eurostaaten, die anderen. Yves Mersch befürchtet noch etwas ganz anderes: dass die Kluft zwischen Arm und Reich weiter wachsen wird.

"Eine unkonventionelle Geldpolitik, vor allem groß angelegte Anleihenkäufe, scheinen die Einkommensungleichheit zu erhöhen", sagte Mersch, Direktoriumsmitglied bei der EZB, im vergangenen Oktober bei einer Rede in Zürich. Bis zuletzt gehörte der Luxemburger zu den Kritikern des neuesten Werkzeugs der EZB.

Doch stimmt das wirklich? Vergrößern Zentralbanken, die Staatsanleihen kaufen, die Ungleichheit? Diese Frage zu beantworten, ist schwieriger als es auf den ersten Blick scheint, denn bei Anleihenkäufen kommen mehrere Effekte zusammen.

Wenn eine Zentralbank Staatsanleihen kauft, sieht man das zunächst an den Finanzmärkten. Weil die Nachfrage nach Staatsanleihen steigt, sinken deren Zinsen. Viele Investoren schichten daraufhin ihr Vermögen um und kaufen zum Beispiel mehr Aktien. Das lässt die Kurse steigen, oft schon mehrere Wochen bevor die Zentralbank überhaupt mit den Käufen beginnt, so wie es diesmal auch in der Eurozone war.  

Von den steigenden Aktienkursen profitieren vor allem die oberen Einkommensschichten, denn sie besitzen die größten Aktien-Portfolios. Geringverdiener haben ihr Erspartes, so sie denn überhaupt welches haben, meistens nicht in Aktien investiert, sondern lediglich auf einem normalen Bankkonto geparkt, und verlieren daher gleich doppelt: Die steigenden Börsenkursen bringen ihnen nichts, dafür sinken parallel zu den Renditen der Staatsanleihen auch die Zinsen auf ihrem Konto. Hinzu kommt: Oft steigen durch die Intervention der Zentralbank nicht nur die Aktienkurse, sondern auch die Immobilienpreise. Das freut ebenfalls vor allem Besserverdiener, weil sie zu den größten Immobilienbesitzern gehören. Diese Dynamik wird insgesamt als Portfolio-Effekt bezeichnet.  

Mehr Kredite in Südeuropa

Es gibt allerdings noch einen zweiten wichtigen Effekt: den Wachstumseffekt. Ziel von Staatsanleihenkäufen durch die Zentralbank ist es, die Kreditvergabe der Banken zu erhöhen und damit auf lange Sicht das Wirtschaftswachstum zu steigern und Arbeitsplätze zu schaffen. Davon profitieren dann vor allem Geringverdiener und die Mittelschicht, denn sie verdienen den Großteil ihres Geldes durch Arbeit, während die Reichen hauptsächlich Kapitaleinkommen beziehen.

Wie sich das EZB-Programm am Ende auf die Ungleichheit auswirken wird, hängt davon ab, welcher Effekt überwiegt. In Japan war es der Portfolio-Effekt, wie eine Studie der Ökonomen Ayako Saiki und Jon Frost von der niederländischen Zentralbank zeigt. Zwischen 2008 und 2013 sei die Ungleichheit durch die Staatsanleihenkäufe der japanischen Zentralbank deutlich gewachsen, schreiben sie. Der Wachstumseffekt verpuffte in dieser Zeit fast vollständig: Trotz der milliardenschweren Unterstützung durch die Notenbank wuchs die japanische Wirtschaft nur langsam.

In Großbritannien war es anders, sagt zumindest die Bank von England. Ihre Ökonomen kamen 2012 in einer Untersuchung zum Ergebnis, dass die Staatsanleihenkäufe am Ende allen geholfen hätten. "Ohne die Käufe wäre das Wachstum schwächer und die Arbeitslosigkeit höher gewesen", schreiben sie. Tatsächlich sind in Großbritannien nicht nur die Aktienkurse gestiegen, auch die Wachstumsraten der Wirtschaft waren mit bis zu drei Prozent im Jahr zuletzt beeindruckend. Die Arbeitslosigkeit ist deutlich zurückgegangen, wovon auch die unteren Einkommensschichten profitiert haben dürften. Ähnlich ist es in den USA, wo die Federal Reserve den aktuellen Wirtschaftsaufschwung und die sinkende Arbeitslosigkeit ebenfalls auf ihr quantitative easing zurückführt.