Vermögenssteuern sind seit einigen Jahren wieder en vogue. Die Reichen und Superreichen wurden in den letzten Jahrzehnten spürbar wohlhabender – und zugleich steuerlich entlastet bei Einkommenssteuer-Spitzensätzen, Unternehmenssteuern und Kapitaleinkommenssteuern sowie durch die Abschaffung der Vermögenssteuer. Die Mittelschichten mussten sich dagegen mit geringen Einkommenszuwächsen zufrieden geben, die durch steigende Verbrauchsteuern und kalte Progression aufgezehrt wurden. Und für die Unterschichten wurde der Niedriglohnsektor eröffnet, wo immerhin viele Arbeitsplätze entstanden sind.

Vor diesem Hintergrund wird in Deutschland schon seit längerem eine Gerechtigkeitslücke ausgemacht. Die sollte, darüber wurde im Bundestagswahlkampf 2013 hart debattiert, unter anderem durch höhere Vermögenssteuern geschlossen werden.

In Deutschland ist ein Drittel des Gesamtvermögens auf das reichste Prozent der Bevölkerung konzentriert. Dadurch ergibt sich selbst bei hohen Freibeträgen, die den allergrößten Teil der Bevölkerung freistellen, ein beträchtliches Besteuerungspotenzial. So könnte eine Vermögenssteuer von einem Prozent des steuerpflichtigen Vermögens ab einem persönlichen Freibetrag von einer Million Euro (bei Ehepaaren zwei Millionen Euro) ein jährliches Steueraufkommen von über 10 Milliarden Euro erzielen – selbst wenn man Kleinbetriebe und kleinere Mittelständler davon ausnimmt. Das würde nur die reichsten 0,6 Prozent der Bundesbürger zusätzlich belasten.

Unrealistische Vermögenssteuer

Die Diskussionen der letzten Jahre um die Reichensteuervorschläge von SPD, Grünen und Linken zeigen aber, dass solche Vermögenssteuern unrealistisch sind. Aus der Wirtschaft kam massiver Widerstand gegen zusätzliche Substanzsteuern. Vor allem die Familienunternehmer machten vor Bundestagswahl 2013 ihren großen Einfluss auf die Politik geltend.

Tatsächlich bedeutet eine laufende Vermögenssteuer von einem Prozent eine Zusatzbelastung der laufenden Gewinne von zehn Prozent und mehr, die auch in Verlustphasen anfällt. Bei den anhaltend niedrigen Zinsen werden die Erträge von Finanzanlagen sehr hoch belastet. Deutlich niedrigere Vermögenssteuersätze würden die Belastungen zwar reduzieren – aber naturgemäß würde der Staat dann auch deutlich weniger einnehmen.

Gleiches würde passieren, wenn man die Belastungen der größeren Unternehmen verminderte; und es kämen weitere Probleme hinzu, etwa mit Blick auf die steuerliche Gleichbehandlung der Vermögensarten. Zu lösen wäre das vermutlich nur durch gestaltungsanfällige und komplizierte Regeln. Das wäre wohl ähnlich wie bei der Erbschaftsteuer, die derzeit neu geregelt werden muss, weil das Bundesverfassungsgericht hier manche Ausnahmen als zu weitgehend kassiert hat. Die Wirtschaftsverbände beschwören den Untergang der deutschen Wirtschaftsstrukturen herauf, wenn sie nennenswert eingeschränkt werden.

Vermögenssteuer als persönliche Kränkung

Das alles macht das Dilemma einer nationalen Vermögensbesteuerung deutlich. Auch trifft sie nur zum kleineren Teil die couponschneidenden Finanzkapitalisten, die sich ihr durch Abwanderung in die Steueroasen der Nachbarländer entziehen können. Sie belastet vor allem die guten Realkapitalisten: die größeren Mittelständler, die "hidden champions" und die großen Familienunternehmen. Sie gelten als Rückgrat der deutschen Wirtschaft, halten zumeist dem Standort die Treue, schaffen Arbeitsplätze in der Fläche und kümmern sich um ihre Leute und ihre Region.

Banken und Finanzmärkte halten sie möglichst aus ihren Unternehmen heraus. Wo möglich, finanzieren sie Investitionen über Eigenkapital. Sie lassen ihre Gewinne soweit wie möglich im Unternehmen, reinvestieren sie also. Das macht die Unternehmen krisenfest, fällt ihnen aber bei den Vermögenssteuern auf die Füße. Daher empfinden viele gestandene Mittelständler die Vermögenssteuer als persönliche Kränkung.